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Letzte Durchsage

Wer regelmäßig SoE liest, dem wird nicht entgangen sein, dass in den Kommentarspalten vieler Beiträge regelrechte Schlachten toben. So sehr vor allem Claudio großen Wert auf den offenen und gepflegten Dialog mit der werten Leserschaft legt, so wenig erquickend ist es für uns alle, von einigen Kommentatoren mit den immergleichen alternativen Realitätsentwürfen (Massaker, Massaker!) behelligt und aufs Unflätigste beschimpft zu werden. Auch zwei diesbezügliche Durchsagen von Claudio  haben die Situation leider nicht nachhaltig verändert. Wir haben deshalb in den vergangenen Wochen intensiv darüber nachgedacht, wie wir mit der Kommentarfunktion umgehen sollen.

Letztlich haben wir uns dafür entschieden, auch in Zukunft Kommentare zu allen Artikeln zuzulassen. Allerdings nur unter Einhaltung der folgenden wunderbaren goldenen Regel, die wir bei dem Tech-Blog Gizmodo für uns entdeckt haben:

We’re looking for comments that are interesting, substantial or highly amusing. If your comments are excessively self-promotional, obnoxious, or even worse, boring, you will be banned from commenting. All comments are moderated.

In diesem Sinne: Bring it on!

Man kann nicht behaupten, dass die Regierung in Kairo seit dem ägyptisch-israelischen Friedensschluss vor mehr als 30 Jahren viel für eine Normalisierung der Beziehungen getan hätte. Aber der kalte Frieden, den sie einzuhalten bereit ist, mutet geradezu mollig warm an, vergleicht man ihn mit der unversöhnlichen Position des ägyptischen Journalistenverbandes: Der untersagt seinen Mitgliedern jeglichen Kontakt mit „Zionisten“, Friedensvertrag hin oder her. Jetzt hat es wieder drei Medienvertreter erwischt.

Hussein Serage etwa, stellvertretender Chefredakteur der Wochenzeitung „Oktober Magazin“, wurde zu einem dreimonatigen Schreibverbot verdonnert. Sein Vergehen, so DIE WELT: Er war „mit einem Kollegen für eine Reportage nach Israel gereist und kam demnach in Kontakt mit den Einwohnern“. Und: „Hala Moustafa, Chefredakteurin des Monatsmagazins „Demokratie“, empfing den israelischen Botschafter in Kairo zu einem Interview in ihrem Büro.“

Nun warten wir darauf, dass die vorgeblichen Friedensfreunde in Europa, vor allem in Deutschland, gegen die antagonistische Haltung des ägyptischen Journalistenverbandes protestieren – mit Verweis auf die Pressefreiheit ebenso wie auf die Schändlichkeit, den Nachbarn wie einen Paria zu behandeln und jene, die an einer Normalisierung interessiert sind, als Verräter. Sollte nichts in dieser Art geschehen, gehen wir davon aus, dass ihr ganzes „Man-muss-doch-miteinander-reden“- und „audiatur-et-altera-pars“-Gelaber keinen Pfifferling wert ist und dass es sich bei unseren vermeintlichen Nahostfriedensaktivisten um erbärmliche Heuchler handelt, die an wer weiß was interessiert sein mögen, ganz bestimmt aber nicht an Frieden in Nahost.

Ein guter Mann hat uns vor einigen Jahren das Arafat-Prinzip erklärt: Erst läuft man mit dem Kopf gegen die Wand. Dann stellt man fest, dass man so nichts erreicht und sich eine blutige Nase holt. Also läuft man noch einmal gegen dieselbe Wand. Und stellt wieder fest: Es bringt nichts und tut weh. Folglich rennt man anschließend nochmal gegen die Wand, usw. usf..

Arabische Kreislaufstörung: Karikatur von Dosh (aus: Ephraim Kishon, Pardon, wir haben gewonnen, dtv, 1971).

Getreu diesem Prinzip unterstützen die palästinensische Führung und ein Großteil der palästinensischen Bevölkerung traditionell, grundsätzlich und bis zum bitteren Ende jeweils den durchgeknalltesten Erzextremisten, den es in der Region zu finden gibt. Auch auf die Gefahr hin, sich damit selbst unter seinen Brudervölkern zu isolieren. Das wohl bekannteste Beispiel dafür ist die Entscheidung der PLO, sich nach der Besetzung Kuwaits im Jahre 1990 unverbrüchlich an die Seite des irakischen Diktators Saddam Hussein zu stellen. Und das, obwohl die gesamte Weltgemeinschaft sich gegen den Despoten wandte, sogar Syrien Truppen für die Operation “Desert Shield” abstellte und der amerikanische “Wüstensturm” sich längst zusammenbraute. Tausende verdutzte Palästinenser, die im Januar 1991 in Kuwait City den Beschuss israelischer Städte mit Scud-Raketen bejubelt hatten, wurden wenig später jäh aus der Party gerissen und von den befreiten Kuwaitern deportiert.

Angesichts dieser Tradition kann es kaum wundern, dass die Palästinenser sich auch heute wieder die falschen Freunde suchen: Laut einer jetzt vorgestellten Umfrage des Pew Research Centers ist zwar in großen Teilen der muslimischen Welt die Beliebtheit radikaler Islamisten im Schwinden begriffen. Doch mit ihrem untrüglichen Gespür für falsche Entscheidungen jubelt ein Großteil der Palästinenser der iranisch-libanesischen Terrororganisation Hisbollah zu: 61 Prozent der Palästinenser haben ein positives Hisbollah-Bild. Und sogar 65 Prozent der Palästinenser finden deren Führer Hassan Nasrallah richtig knorke. (Die Hamas ist dagegen auf dem absteigenden Ast, ganz offensichtlich ist man schwer enttäuscht von deren totalen Versagen auf dem Schlachtfeld von Gaza während Operation Cast Lead im vergangenen Jahr.)

Selbst für palästinensische Verhältnisse überraschend ist jedoch eine andere Zahl: Die absolute Mehrheit der Palästinenser vertraut Osama – wait for it – bin Laden. Womit wir wieder beim Thema “durchgeknalltester Erzextremist” wären. Und bei einer weiteren sprichwörtlichen Erkenntnis über die Palästinenser: Sie versäumen nie eine Gelegenheit, eine Gelegenheit zu versäumen.

Cartoon des Tages


Aus Ha’aretz

Hat Prof. Udo Steinbach lediglich keinen Schimmer vom Nahen Osten, was für einen Orient-„Experten“ rechtschaffen unrühmlich wäre, oder hält er sein Publikum einfach nur tolldreist zum Narren?

Für das Nahost-Quartett und für jeden Menschen, den der Judenhass noch nicht Augenlicht und Hörvermögen gekostet hat, ist die Hamas eine Terrororganisation, nicht aber für Udo Steinbach, der kürzlich in einem Leser-Interview der Braunschweiger Zeitung erklärte:

Ich bin definitiv nicht der Ansicht, dass es sich bei Hamas um eine Terrororganisation handelt.

Und warum nicht? Weil Steinbach den islamistischen Terrorismus – nicht einmal der Hamas, sondern „einiger Elemente“ – nur als verständliche Reaktion der „Intelligenten“ auf westliche respektive israelische Missetaten deutet, als „Strategie des Widerstands“ gegen ein Land, das „keine Demokratie“ sei, weil man dort „Palästinenser zu Tausenden wegsteckt“ (?), sodass die Lösung des Nahostkonflikts, die ihm im Sinne der arabischen Friedensfeinde vorschwebt, natürlich die „Ein-Staat-Lösung“ ist. Schließlich könnten die Palästinenser dann „irgendwann eine Mehrheit sein und Verantwortung übernehmen“.

Das könnten sie zwar schon jetzt und sicher auch im Rahmen einer Zweistaatenlösung, aber die würde eben nicht den einzigen jüdischen Staat durch die Schaffung des 23. arabischen Staates abschaffen.

Wieviel von der Sachkenntnis des belehrenden Mümmelgreises, der immer dann vor die Mikros geholt wird, wenn man ein saftiges antiisraelisches Statement braucht, zu halten ist, lässt sich an diesem Zitat sehr schön verdeutlichen:

Meines Wissens nach hat es in den 90er-Jahren nicht einen einzigen Anschlag gegeben, an dem die Hamas beteiligt gewesen wäre.

Nicht? Dann helfen wir mit einer Auswahl aus dem Wirken der palästinensischen Wohltätigkeitsorganisation in den 90er-Jahren unserem zerstreuten Professor gern auf die Sprünge.

6. April 1994, Afula, Autobombe zerstört Bus, 8 Tote.
13. April 1994 Hadera, Selbstmordattentat, 5 Tote.
9. Oktober 1994, Jerusalem, Feuerüberfall, 2 Tote, 14 Verletzte.
19. Oktober 1994, Tel Aviv, Selbstmordattentat in einem Bus, 22 Tote, 56 Verletzte.
25. Dezember 1994 Jerusalem, Selbstmordattentat an Bushaltestelle, 13 Verletzte.
24. Juli 1995, Ramat Gan, Selbstmordattentat in einem Bus, 6 Tote, 31 Verletzte.
25. Februar 1996, Ashqelon, Selbstmordattentat an Bushaltestelle, 2 Tote.
3. März 1996, Jerusalem, Selbstmordattentat in Bus, 19 Tote, 6 Verletzte.
21. Mai 1997, Tel Aviv, Bombenanschlag in Restaurant, 3 Tote, 48 Verletzte.
30. Juli 1997, Jerusalem, zwei Selbstmordattentäter verüben Anschlag auf Markt, 15 Tote, 178 Verletzte.
4. September 1997. Jerusalem, drei Selbstmordattentäter in Fußgängerzone, 4 Tote, 181 Verletzte.
20. August 1998, Tel Rumeida, ein Rabbi ermordet
27. August 1998, Tel Aviv, Bombe im Müllcontainer, 14 Verletzte.
11. Oktober 1998, Hebron, Handgranatenanschlag, 18 Verletzte.
19. Oktober 1998, Be’er Sheva, Granatenanschlag auf Zentrale Busstation, 59 Verletzte.
29. Oktober 1998, Gush Katif, Selbstmordattentat auf Schulbus, 1 Toter, 8 Verletzte.

Et cetera, et cetera. Schließlich war es schon immer erklärtes Ziel der Hamas – die zurzeit keine Anschläge verübt, was nicht daran liegt, dass sie es nicht mehr will, sondern dass sie es nicht mehr kann – einen Frieden mit Israel zu torpedieren, und sie selbst bekennt sich von ganzem Herzen zu jedem einzelnen dieser Massaker, aber Prof. Udo Steinbach, der nur ein Experte darin ist, Leute mit Halb- und Falschinformationen gegen Israel in Stellung zu bringen, behauptet das Gegenteil. Selten hat sich jemand, auf den sich so viele andere berufen, so gründlich selbst demontiert. Man muss es so sagen: Steinbach ist ein Schwätzer und ein Lügner, und er ist ein Verharmloser und Apologet des Terrors. Immerhin: In der arabischen Welt, der wir „ohnehin nicht mehr viel zu sagen haben“, dürfte der deutsche Islamwissenschaftler und brandstiftende Biedermann das trübe Bild vom Westen ein ganz klein wenig aufhellen. Jeder hat eben die Fans, die er verdient.

Zitat des Tages

The good news: For the first time ever, the Palestinians have someone willing to think constructively and build their society.
Bad news: He is not representative.

Dan Schueftan über Salaam Fayyad

Echte Kerle

Lieberman ist nur einer von vielen Akteuren in Nahost. Aber auch diese Männer spielen oder spielten eine Rolle:

Buhman

Blödman

Böserman

Forderman

Hinterman

Toterman

Pyroman

Guterman

Kleptoman und Egoman

Schutzman

Ballerman

Vielleicht sollte sich Israels Luftwaffe nach einem neuen Lieferanten umschauen. Denn für SoE geht ein Traum in Erfüllung: Unverhofft und mit zwanzigjähriger Verspätung wird unser Lieblingsflugzeug nun möglicherweise doch noch in Serie gebaut. Leider von der falschen Firma. Aber für eine echte YF-23 kann man schonmal ein Auge zudrücken.

Fälschung: Sukhoi T-50.

Original: YF-23.

Trainspitting

Dass größere Bauprojekte in Israel wie etwa der Ben-Gurion-Airport sich zuweilen etwas in die Länge ziehen und damit auch die Kosten in die Höhe treiben, ist bekannt. Ein aktuelles Beispiel ist das berüchtigte Stadtbahnprojekt in Jerusalem.

Nicht, dass solche unfreiwilligen Jahrhundertprojekte weltweit beispiellos wären, wie ein Blick auf die Dauerbaustelle Elbphilharmonie in Hamburg zeigt, jedoch sind die meisten Ursachen für die Verzögerung schon made in Israel, als da wären Schlamperei (Schienen wurden fehlerhaft verlegt, aufgerissen und neu verlegt) und Jerusalemer Gegebenheiten: Überall, wo gegraben wird, kann auch etwas gefunden werden. Manchmal sind es Archäologen, deretwegen die Bauarbeiten gestoppt werden, manchmal Orthodoxe, die befürchten, dass ein alter jüdischer Friedhof entweiht wird.

Und last but not least spielt auch hier wieder die Politik eine destruktive Rolle. Nicht die Lokalpolitik allerdings, sondern die große, denn ein Straßenbahnbauprojekt mag in Sydney, Paris oder Berlin ein Straßenbahnbauprojekt sein, in Jerusalem, wo auch das Umfallen eines Sacks Reis Aufsehen erregt, ist es nicht weniger als ein Politikum mit Ausstrahlung bis zum Hudson River: Die Palästinenserführung will das Projekt gewissermaßen entgleisen lassen, weil sie nicht anerkennen will, dass Jerusalem ungeteilt bleiben wird. Und wer Nein zu einem Stopp des Terrors sagt, Nein zu Friedensverhandlungen, Nein zur Akzeptanz eines jüdischen Staates, der sagt dann auch Nein zu einem Nahverkehrsprojekt, das für jüdische und arabische Bewohner der Stadt Vorteile bringt – was jeder bestätigen kann, den das Verkehrschaos in der Innenstadt schon einmal in den Wahnsinn getrieben hat. So sind etwa auf der 14 Kilometer langen Linie 1 von Pisgat Ze’ev über die Jaffa Road bis zum Har Herzl auch drei Haltestellen in Shuafat eingeplant. Aber zulasten der eigenen Leute ein trübes propagandistisches Süppchen zu kochen, darin hat die PLO, die noch nie eine konstruktive Rolle irgendwo gespielt hat, seit jeher Übung, und so wird sie zunächst bei der Arabischen Liga petzen, die so endlich wieder einen Tagesordnungspunkt hat, auf den sie sich einigen kann, und dann auch international alle Register ziehen, um das Projekt aufzuhalten. Und wie immer wird sie sich damit ins eigene Knie schießen, denn die Zeit und Energie, die sie zur Zerstörung des Bestehenden und Zukünftigen aufbringt, fehlt ihr, wo sie eigentlich etwas aufbauen soll. Sie lernt einfach nichts dazu.

Wir aber sehen bereits silbrig-glänzende Bahnen durch Jerusalem kurven. Schick sehen sie aus.

in memoriam

Nie wieder.

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