Kein Bus nach Petach Tikva
Februar 1, 2008 von Claudio Casula
Was für ein schöner Film! „Bikur HaTizmoret“ (The Band´s Visit), seit gestern in deutschen Kinos zu sehen, erzählt eine ebenso melancholisch-anrührende wie trocken-witzige Geschichte, die angenehm aus dem Rahmen des Üblichen fällt. Die Handlung:
Das Alexandria Ceremonial Policemen’s Orchestra soll zur Eröffnung eines arabischen Kulturzentrums in Petach Tikva aufspielen. Am Airport angekommen, stehen die acht in himmelblaue, korrekt geknöpfte Uniformen gekleideten Musiker buchstäblich da wie bestellt und nicht abgeholt – aus irgendeinem Grunde ist versäumt, vielleicht vergessen worden, die Gruppe aufzusammeln.
Statt in dieser misslichen Lage die ägyptische Botschaft anzurufen, beschließt Dirigent Tawfiq (gegeben vom großartigen Sasson Gabai), dass sich die Band allein nach Petach Tikva durchschlägt und beauftragt ein Orchestermitglied, Busfahrkarten zu besorgen. Das Verhängnis nimmt seinen Lauf, als aufgrund des allgemeinen Unvermögens der Besucher, den P-Laut korrekt auszusprechen, Tickets nach Beit Hatikva ausgestellt werden. So spuckt der Bus die acht Ägypter in einem staubigen, öden Entwicklungsstädtchen im Negev aus. Ein wunderschönes Bild, wie die uniformierten Musiker mit ihren Instrumenten, alle die gleichen Rollköfferchen hinter sich herziehend, die Landstraße entlangtrotten! Die ersten Eingeborenen, denen sie begegnen, sind die resolute Barbesitzerin Dina (wundervoll: Ronit Elkabetz) sowie zwei Tagediebe, die offensichtlich dauernd in dem reizlosen Imbiss herumlungern. Erst als die Ägypter formvollendet höflich nach dem Arabischen Kulturzentrum fragen, die sarkastische Antwort „There is no culture here at all“ erhalten und zu allem Überfluss erfahren, dass heute kein Bus mehr fährt, wird ihnen bewusst, dass sie gezwungen sind, die Nacht in Beit Hatikva zu verbringen.
Nun gibt es dort nicht nur keine Kultur, es gibt auch kein Hotel. Nur widerstrebend erklären sich die Musiker bereit, sich in drei Grüppchen von den Israelis privat unterbringen zu lassen. So kommt man sich langsam näher. Dabei kontrastiert die zurückhaltende Art der Gäste, die fast krampfhaft darauf bedacht sind, als inoffizielle Vertreter ihres Landes bloß nicht unangenehm oder unbescheiden aufzufallen, mit der Nonchalance der Ortsansässigen. Eine Konstellation, aus der sich natürlich etwas machen lässt, und das versäumt der Film bis in die kleinsten Einstellungen nicht. Wer hätte gedacht, dass auch stocksteif dasitzende Gäste und pikierte Gastgeber unfassbar komisch sein können!
Das Nachtasyl verläuft, je nach Hausherr bzw. -dame unterschiedlich. Am Morgen reist das Alexandria Ceremonial Policemen’s Orchestra wieder ab, und alle sind um eine menschliche Erfahrung reicher.
Der Film sollte, wenn irgend möglich, unbedingt im Original genossen werden. Hauptsächlich wird, als lingua franca, suboptimales Englisch gesprochen, mit dem sich Gastgeber und Gäste mehr schlecht als recht verständigen, dann vor allem Arabisch und nur wenig Ivrit. Der Anteil der englischsprachigen Dialoge wurde leider zum Anlass genommen, „Bikur HaTizmoret“ nicht zur Nominierung für den Oscar als besten nicht englischsprachigen Film zuzulassen. Wie auch immer: In der deutschen Synchronisation muss ein Großteil des Charmes und des Witzes, den der Film unzweifelhaft hat, zwangsläufig verloren gehen. Unverständlich bleibt, warum „The Band’s Visit“ in Deutschland unter dem Titel „Die Band von nebenan“ laufen muss.
Zu recht räumte „Bikur HaTizmoret“ schon etliche nationale und internationale Auszeichnungen ab, u.a. den internationalen Kritikerpreis und den Prix de la Jeunesse. Gibt es ein unverfänglicheres Mittel als einen unpolitischen, grundsympathischen Film, um für mehr Verständnis zwischen Israelis und Arabern zu werben? Wer so denkt, ist leider schief gewickelt: Obwohl die Rollen der Ägypter, bis auf Tawfiq, ausnahmslos von israelisch-arabischen Schauspielern verkörpert werden und obwohl die Gäste nun wirklich nicht schlecht wegkommen (im Gegensatz zu den Israelis, die fast ausnahmslos als – wohl als Folge ihres Lebens an einem wahrhaft trostlosen Ort – desillusionierte respektive verhaltensgestörte Charaktere rüberkommen), darf „The Band´s Visit“ bis heute nicht in Ägypten aufgeführt werden. Den Grund dafür verrät Izzat Abu Off, Generaldirektor der Ägyptischen Schauspielervereinigung:
„Granted, Israel and Egypt have diplomatic ties, but these diplomatic ties are not applicable to us. We have made a sweeping, across the board decision to avoid any cultural ties with Israel.”
Mit anderen Worten: Weil vor 30 Jahren, als Präsident Sadat nach Jerusalem reiste, beschlossen wurde, Israel weiterhin zu schneiden, verzichtet man noch heute auf jede Form der Anerkennung und Annäherung. Auch kulturell verpassen die Araber keine Gelegenheit, eine Gelegenheit zu verpassen. Schade, sehr schade.

[...] in die deutsche Fassung geraten. Herrn Casula ist unbedingt zuzustimmen, wenn er sagt, dass “in der deutschen Synchronisation (…)ein Großteil des Charmes und des Witzes, den der F… muss. link … | cineastik | [...]