Unerhört!
Februar 6, 2008 von Claudio Casula
Die Rostocker Ostsee-Zeitung überlegt, ob Berlin US-Verteidigungsminister Robert Gates nicht sogar dankbar sein sollte, denn “mit seiner ziemlich unerhörten Forderung nach deutschen Soldaten für den umkämpften afghanischen Süden, hat er das Dilemma der Alliierten am Hindukusch deutlich gemacht.”
Mag sein. Was aber auch möglich ist: Dass man es bei den Verbündeten ziemlich unerhört findet, die Drecksarbeit allein erledigen zu müssen, während sich die deutschen Schönwettersoldaten in den weniger gefährlichen nördlichen Landesteilen lümmeln und sich, nachdem Andere die Taliban-Herrschaft gebrochen haben, in der Rolle des Friedenssicherers und Aufbauhelfers gefallen.
Da leistet sich die Bundesrepublik seit 1955 eine Armee, aber dass sie mal in die Verlegenheit kommen könnte, zu kämpfen, hat bis heute wohl niemand bedacht. Derlei Zumutungen sollen den Bündnispartnern vorbehalten bleiben.
Lieber Claudio,
vom Standpunkt des Mannes, der lieber für seine Freiheit kämpft, als in Unfreiheit zu vegetieren, gebe ich Dir vollkommen recht. Auch ich halte das Mandat, welches die deutsche Politik der Bundeswehr gegeben hat, für ein Feigenblatt, und eines Landes, welches sich ein führender Teil der freien Welt zu sein auf die Fahnen schreibt, unwürdig.
Nicht zustimmen kann ich Deiner Wortwahl bezüglich unserer Soldaten. Und das nicht zuletzt deswegen, weil ich Betroffener bin: Ich diene in einem Einsatzbataillon, welches den größten Teil der Bodenkräfte in Afghanistans Norden stellt. Meine Kameraden und ich sind fast alle der Meinung, daß wir als Land auf der politischen Ebene kein besonders gutes Bild abgeben. Dies tut aber unserem Pflichtbewußtsein und unserer Soldatenpflicht keinen Abbruch.
Jeder meiner Kameraden geht mit der Überzeugung in den Einsatz, erstens einen unschätzbar wichtigen Beitrag zur Befriedung des Landes beizutragen (bei allen materiellen, auftragsbedingten und menschlichen Unzulänglichkeiten, notabene!), und zweitens schlicht und ergreifend seine verdammte Pflicht zu tun. Wir haben bereits viele gefallene Kameraden zu beklagen. Und glaub mir, für die Witwe eines jungen Oberfeldwebels ist es völlig unerheblich, in welchem Teil eines weit entfernten fremden Landes ihr Mann fiel. Es ist schon schwer genug für sie, überhaupt zu begreifen, daß ihr Mann in Ausübung seiner Pflicht sein Leben einsetzte und verlor.
Darum bitte ich Dich, mit despektierlichen Beschreibungen unserer Soldaten vorsichtig umzugehen. Wir sind bestimmt keine Schönwettersoldaten, und rumlümmeln tun wir uns gewiß auch nicht. Wenn Du daran zweifelst, dann lade ich Dich gerne zu einer unserer Einsatzübungen ein, mit denen wir uns auf unseren gefährlichen Auftrag in Afghanistan vorbereiten.
Auf unsere politische Führung hingegen darfst Du weiterhin mit deutlichen Worten eindreschen - dafür haben wir Meinungsfreiheit. Und so lange ich den Rock nicht trage, stimme ich Dir sogar zu.
Herzliche Grüße
EDI
Dass Deutschland mittlerweile (wieder) selbst entscheidet, wann und wo es seine Interessen militärisch durchzusetzen vermag, ist seit 1990 kein Geheimnis mehr. Die Frage sollte also nicht sein, warum Deutschland seine Truppen nicht nach Süd-Afghanistan schickt, sondern, ob Deutschland seine Armee überhaupt im Ausland einsetzen sollte.
@ EDI
Vielen Dank für Deine Antwort! Davon abgesehen, dass ich Dir mit jeder Zeile zustimmen muss, ist mir bewusst geworden, dass sich der Kommentar tatsächlich auch so lesen lässt, als denke ich despektierlich über die Bundeswehr, was ich sehr bedaure. Schließlich können die Soldaten nur umsetzen, was von oben vorgegeben wird. Dabei würde sie sicher auch andere Aufgaben bestens erfüllen. Und: In weniger gefährlichen Landesteilen eingesetzt zu werden, heißt ja nicht: “in ungefährlichen”. Leider wissen das nur wenige Deutsche zu schätzen. Vor der Truppe (war selbst bei der Bundeswehr, und das damals wirklich als “Schönwettersoldat”
ziehe ich den Hut – vor der Politik nicht.
Unsere Politiker haben mehr Schiss als Vaterlandsliebe, wie man so treffend sagte.
Interessant ist doch auch, dass das Schreiben von Gates jetzt die miese Stimmung auslöst - und fast jeder nur von amerikanischen Forderungen redet/schreibt, obwohl nur etwas geäußert wurde, was von den übrigen Verbündeten weit stärker vertreten wird als von den Amerikanern. Dass die als Führungsmacht jetzt die Forderung gestellt haben, gießt wieder mal Wasser auf die Mühlen gewisser Leute, die gerne unterschlagen, wer alles hinter dem Brief steht. Eingedroschen wird nur auf einen…
@Claudio:
Akzeptiert - danke.
Siehe auch hier: http://www.mimusvitae.de/#080207