In der Reihe „ARD-Nahostkorrespondenten reden sich um Kopf und Kragen“ heute zu Gast im Lebenshaus Schwäbische Alb der Gemeinschaft für soziale Gerechtigkeit, Frieden & Ökologie e.V.: Bettina Marx, ARD-Hörfunk-Studio Tel Aviv. Bühne frei.
…die ausländischen Berichterstatter werden in Israel, zumindest bei den offiziellen Stellen, gemeinhin als feindselig und anti-israelisch angesehen. Man wirft ihnen einseitige Parteinahme für die Palästinenser vor und mangelndes Verständnis für Israel, das von einer feindlichen arabischen Welt umgeben sei und sich in seiner schieren Existenz bedroht sehe. Dabei spielt es keine Rolle, dass Israel mit zwei Nachbarstaaten Friedensverträge geschlossen hat und die arabische Initiative Israel Anerkennung und die Aufnahme diplomatischer Beziehungen anbietet, wenn Jerusalem die UNO-Resolutionen umsetzt und sich aus den besetzten Gebieten zurückzieht.
Ne, is klar. Frau Marx ist zuallererst ein Blick in die Menschenrechts-Charta zu empfehlen, die am 24. Januar 2008 von der Arabischen Liga, die Israel „Anerkennung und Aufnahme diplomatischer Beziehungen anbietet“, ratifiziert wurde. Dort wird gleich in der Präambel klar gemacht, woher der Wind weht:
Rejecting all forms of racism and Zionism, which constitute a violation of human rights and a threat to international peace and security
Und dann in Artikel 2, Absatz 3:
All forms of racism, Zionism and foreign occupation and domination constitute an impediment to human dignity and a major barrier to the exercise of the fundamental rights of peoples; all such practices must be condemned and efforts must be deployed for their elimination.
Israel muss vernichtet werden. Und die Arabische Liga verpflichtet sich dazu, sich dafür aktiv einzusetzen. Steht in der Menschenrechtscharta der Arabischen Liga. Normal. Aber natürlich vollkommen absurd, dass sich Israel „in seiner schieren Existenz bedroht“ sieht. Mit solchen Nachbarn, die partout Friedhofsfrieden wollen.
Anschließend möge Frau Marx selbständig die Resolution 242 nachschlagen. Wir haben nämlich keinen Bock mehr, immer wieder erklären zu müssen, dass dort nicht von Israel verlangt wird, sich aus „den besetzten Gebieten“ zurückzuziehen. Sondern aus „besetzten Gebieten“.
Aber psst, es geht weiter:
Die Vorurteile gegen die ausländischen Journalisten existieren und richten sich in besonderer Weise gegen deutsche Korrespondenten - zumindest was die offizielle Politik des Government Press Office angeht. Das führt dazu, dass das GPO immer wieder einmal den Besuch eines deutschen Politikers zum Anlass nimmt, um antideutsche Artikel aus der israelischen Presse per E-Mail an alle ausländischen Journalisten zu versenden.
Dass GPO wird doch nicht etwa Texte von Lizas Welt rumschicken?
Die meisten Israelis sind ausgesprochen mitteilungsbedürftig und lassen sich gern interviewen. Professoren, Multiplikatoren, Wissenschaftler, Publizisten sind in der Regel sehr bereitwillige Gesprächspartner, die auch vor einem deutschen Journalisten nicht zurückschrecken.
Der Beweis: Die Israelis schrecken vor wirklich gar nichts zurück.
Die beiden ARD-Hörfunkkorrespondenten sind für Israel und die besetzten palästinensischen Gebiete zuständig.
…sie meint: die Palästinensischen Autonomiegebiete.
Die NS-Vergangenheit spielt in dieser Hinsicht in meiner täglichen Arbeit keinerlei Rolle. Natürlich ist man sich als Deutscher der deutschen Vergangenheit ständig bewusst. Es kann sich aber nicht auf die Berichterstattung auswirken. Wie sollte das auch gehen und wozu sollte das führen? Dass man über eine israelische Invasion im südlichen Gazastreifen nicht berichtet? Oder über die israelische Absperrungspolitik, die mehr als 3 Millionen Palästinenser in kleine Enklaven einsperrt?
Wie wäre es denn, wenn man die Verantwortung zum Anlass nehmen würde, dem Rezipienten die Hintergründe von Israels Handeln zu erklären - anstatt lediglich mit hohlen antiisraelischen Phrasen um sich zu werfen?
Aber auch im Nahostkonflikt stoßen wir deutsche Journalisten manchmal an Grenzen. Zum Beispiel habe ich immer das Problem, wenn ich meine palästinensischen Gesprächspartner zitiere, die nie von den Israelis und immer von den Juden sprechen. Das schafft natürlich Probleme, wenn nicht die Israelis, oder die israelischen Soldaten als Besatzer, Invasoren etc bezeichnet werden, sondern die “Juden”.
Das kann dem deutschen Zuhörer wirklich nicht zugemutet werden: Wo kämen wir denn hin, wenn sich durch solche Zitate die Erkenntnis durchsetzte, dass die armen Palästinenser gar nicht die israelischen Soldaten, Besatzer, Invasoren hassen – sondern die Juden an sich! Am Ende würde noch in einem durchschnittsdeutschen Hirn die Erkenntnis keimen, dass Land für Frieden keine gangbare Lösung ist. Und dass gar nicht die Besatzung Grund allen islamistischen Terrors auf der Welt ist. Gott bewahre.
Die Kritik an unserer Berichterstattung ist dabei in den seltensten Fällen sachlich oder gar konstruktiv, sondern meistens bösartig und verleumderisch.
Dafür ist sie Expertin.
Es gibt natürlich diese Schere im Kopf. Immer wieder fragt man sich: kann ich, als deutsche Journalistin, so etwas schreiben? Darf ich beispielsweise über das Leid der Palästinenser berichten, ohne immer im gleichen Bericht auch auf das Leid der Israelis hinzuweisen, auch wenn mir dies sehr viel geringer erscheint?
Die wirkliche Schere im Kopf hat sie uns oben schon ungewollt erklärt. Aber es ist auch aufschlussreich, dass ihr das Leid der Israelis grundsätzlich „geringer erscheint“ als jenes der Palästinenser.
Ich will Ihnen ein Beispiel nennen. Im letzten Jahr, vor dem Rückzug der Israelis aus dem Gazastreifen und der Auflösung der dortigen Siedlungen, bot das Studio Tel Aviv ein ganzes Paket mit Hintergrundberichten an. Einer der Berichte befasste sich mit der Geschichtsverfälschung, mit der Tendenz rechtsgerichteter Kreise in Israel, immer alles mit dem Holocaust zu vergleichen, Kritiker als Nazis zu titulieren und arabische Herrscher mit Hitler zu vergleichen. Zahlreiche Siedlerführer hefteten sich damals gelbe Sterne ans Revers, um eine Parallele zwischen dem Verlust ihrer Siedlungen und der deutschen Ausgrenzungspolitik gegen die Juden herzustellen. Wir haben lange darüber diskutiert, ob wir einen solchen Beitrag anbieten sollen und können. Schließlich kamen wir zu dem Schluss, dass es zum umfassenden Bild der aktuellen politischen Diskussion gehört.
Die wirkliche Schere: Dass in der arabischen Welt Israel ständig mit den Nazis verglichen wird, ist kein Thema. Nie.
Ein anderes Beispiel: wann immer mein Kollege oder ich einen kritischen Kommentar zur israelischen Politik anbieten, bekommen wir und unsere Sender hinterher körbeweise Hörerpost, die meisten sind voller Schmähungen. Ich frage mich, ob der Korrespondent in Paris, der einen kritischen Kommentar über die Politik von Jacques Chirac schreibt, auch mit solchen Konsequenzen rechnen muss.
Natürlich nicht. Je von einer „französischen Verschwörung“ gehört, die Kritiker gnadenlos verfolgt und mundtot macht? Nur die Juden können jederzeit Armeen von Hörerbriefschreibern in Gang setzen.
…in Deutschland und auch in anderen westlichen Ländern [werden] immer wieder die Printmedien und das Fernsehen auf Mängel in der Berichterstattung untersucht, selten oder nie aber das Radio. (von einer Studie über das National Public Radio abgesehen, die von der Electronic Intifada Website untersucht wurde und erschreckende Einseitigkeit zugunsten Israels belegte.)
Einwandfreie Quelle für objektive Berichterstatter aus Deutschland.
In Deutschland gab es in den letzten Jahren zwei Studien zur Nahostberichterstattung deutscher Medien (…). Die Forscher kommen zu dem Ergebnis, dass die deutschen Printmedien nicht durchgängig antisemitisch sind, dass sie sich aber antisemitischer Vorurteile bedienen. Sie werfen den Journalisten vor, die israelische Politik negativ darzustellen. Ganz grundsätzlich stelle ich die Gegenfrage: wie und warum soll man etwas, das negativ ist und negative Auswirkungen hat, denen man als Journalist jeden Tag begegnet, positiv darstellen?
Gegengegenfrage: Warum ziehen Sie nicht nach Amsterdam und fangen bei „Bad News from the Netherlands“ an?
Ich will hier nicht näher auf diese äußerst umstrittene Studie eingehen.
Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung. Dubios. Im Gegensatz zur “Electronic Intifada Website” natürlich.
Kommunikations- und Medienwissenschaftler, die dazu berufener sind als ich, haben das schon zu Genüge getan. Nur soviel: Wenn ich versuchen würde, alle als antisemitisch charakterisierten Ausdrücke - wie alt, einsam, blutig etc. aus meiner Berichterstattung zu streichen, wäre das Ergebnis eine ziemlich farblose und trockene Darstellung von sehr dramatischen Ereignissen.
Hier dürfen wir uns getrost lautes Gelächter im Lebenshaus Schwäbische Alb vorstellen. Die Gemeinschaft für soziale Gerechtigkeit, Frieden & Ökologie e.V. klopft sich auf die Schenkel. Leider hat Frau Marx ihren Zuhörern nicht vorgelesen, was wirklich in der Studie steht:
Rassistischer Antisemitismus liegt dann vor, wenn auf Juden als ein ‚Abstammungskollektiv’ mit (antijüdischen) Vorurteilen Bezug genommen wird. In diesem Begriffsfeld dominieren laut vorliegenden empirischen Untersuchungen die folgenden Zuschreibungen: Auf den Körper bzw. „biologische“ Eigenschaften bezogen (biologistisch): triebhaft, hässlich, schwächlich, krumme Nase, Plattfüße, fett, gedrungen, klein, schwarzhaarig, lockig, etc. Auf die Kultur und den Charakter bezogen (kulturalistisch): raffgierig, geldgierig, Wucherer, Schieber, Mauschel, blutsaugend, feige, fanatisch, rachsüchtig, rücksichtslos, aggressiv, militaristisch, unberechenbar, unversöhnlich, machthungrig, zerstörerisch, überheblich, falsch und hinterhältig, unheimlich, radikal, verschwörerisch, religiös-fundamentalistisch, heimatlos, kosmopolitisch, zersetzend, gerissen, schlau, intellektualistisch, karrieregeil, geschäftstüchtig, parasitär, feige, nachtragend, Kapitalisten, proletarische Aufrührer, Reichtum, etc. Speziell auf Juden aus Osteuropa bezogen: Schmutzig, laut, roh, faul, arbeitsscheu, unproduktiv, kulturell rückständig, arm, etc.
Schweigen im Saal.
Es gibt den starken israelischen Staat auf der einen Seite und eine Vielzahl von auseinander gerissenen kleinen armseligen palästinensischen Inseln auf der anderen Seite.
Hat jemand ein Taschentuch für mich? Und für Frau Marx? Und die anderen Zuhörer im Lebenshaus?
An dieser Stelle will ich aber auf ein Phänomen hinweisen, das mir bemerkenswert erscheint: immer wieder wird uns Israel-Korrespondenten von Hörern vorgeworfen, dass wir bestimmte Begriffe benutzen oder nicht benutzen. (…) Ein langjähriger Israel-Korrespondent [aus den USA] beklagte, dass er zum Beispiel nicht mehr über “besetzte Gebiete” sprechen dürfe, sondern den neutralen und völlig unzutreffenden Begriff “umstrittene Gebiete” verwenden müsse.
Wenn Frau Marx sich mit der Geschichte des Nahen Ostens auseinandergesetzt, UN-Resolutionen und die Verträge von Oslo gelesen hätte, dann wüsste sie: „umstrittene Gebiete“ ist kein völlig unzutreffender, sondern der einzig zutreffende Begriff.
Mordanschläge auf mutmaßliche palästinensische Terroristen oder Personen, die des Terrorismus verdächtig sind, werden “gezielte Tötungen” oder “Liquidierungen” genannt. Als Berichterstatter muss man sich davor hüten, solche Begriffe unkritisch zu übernehmen.
Richtig! Lieber moralisch aufgeladene, faktisch falsche Wörter benutzen, anstatt solche, die Tatsachen sachlich beschreiben! Wussten wir ja schon.
In der amerikanischen Politik wird das besonders deutlich, wenn Condoleezza Rice von “The Gaza” spricht und die Palästinenser im Gazastreifen “The people of the Gaza” nennt. In der Öffentlichkeit setzt sich so leicht der Eindruck fest, die Palästinenser in Gaza und im Westjordanland seien zwei verschiedene Völker und zumindest die Palästinenser in Gaza lebten nicht länger unter Besatzung.
Egal, dass Israel jeden einzelnen Soldaten und jeden einzelnen Siedler aus jedem einzelnen Quadratmillimeter des Gazastreifens zurückgezogen hat und selbst Palästinenser erklären, Gaza sei nicht mehr besetzt: Frau Marx weiß es besser. Frei nach dem güldenen Satz Ismail Haniyes: „Glauben sie nicht, was in der Hamas-Charta steht. Glauben Sie, was Frau Baumgarten, die Deutsch-Palästinensische Gesellschaft und ihr Kollege Christoph Schult erzählen.“
Ein Journalist, ganz gleich ob er Deutscher ist oder nicht, der die israelische Politik a priori nicht kritisch beleuchtet, hat seinen Beruf verfehlt. Wer denkt, dass er als deutscher Journalist nicht das Recht und sogar die Pflicht hat, kritisch über Israel zu berichten, der sollte nicht Korrespondent in Israel sein.
Hat Danny Seaman wirklich nur Jörg Bremer gemeint?
Sie betreiben genau dies, was Frau Marx in ihrem (übrigens in jedem einzelnen Punkt zutreffenden) Vortrag beklagt: kampagnenhafte Meinungsmache und böswillige Schmähungen all jener, die sich um ein objektives Bild der Ereignisse in Palästina bemühen. Sie sollten sich in Grund und Boden schämen!
Welches Palästina meinen Sie denn? Ich kenne Palästina nur als historischen Begriff. Meinen Sie die Autonomiegebiete? Ein Palästina vom Golan bis Eilat und vom See Genezareth bis zum Mittelmeer? Oder wie genau definieren Sie Palästina.
Und seit wann zeichnen Leute wie Frau Marx ein “objektives Bild?”
@Jidak
Ich werde mal drüber nachdenken.
Ich werd’ jetzt mal emotional:
Die Dame hat einen Namen, der alles sagt. Sie schwätzt den Unsinn, den alle schwätzen, die den berühmtesten Träger ihres Nachnamens immer noch für einen großen Helden und Glückseligmacher halten.
Oh übrigens: Wenn die
JudenIsraelis sich ihr so böswillig gegenüber verhalten, wie kommt es, dass sie sie immer noch reinlassen? Dass bisher nur die BBC - und auch das nur vorübergehend - “boykottiert” wurde (aber nicht aus dem Land gewiesen)? Wie kommt es dann, dass die Beschimpfer aus dem Ausland nicht - wie es in anderen Staaten der Region normal ist - jede/r einen “Begleiter” haben, der überprüft, was die Damen und Herren so von sich geben? Dass die Schreiberlinge und Schwadronierer mit den Mikrofonen keiner Zensur unterliegen, so lange sie nicht aus Kampfgebieten “berichten”?Ist diese Dame so dämlich oder so boshaft?
@heplev
Du weißt doch: Wenn Carsten Kühntopp und Frau Marx redaktionell den Nahen Osten “beackern”, kann nichts Vernünftiges dabei herauskommen.
Eigentlich machen doch die ARD-Rundfunkanstalten (und dazu gehören die zwei) nichts anderes als den von uns (HonestReporting) schon angesprochenen Laptop-Journalismus.
Sie halten sich mal hier oder dort auf, agieren aber meistens vom sicheren Tel Aviv aus.
C. Kühntopp und Frau Marx z.B. decken von Tel Aviv aus den Libanon, Syrien, den Irak, Saudi Arabien und den Irak ab und verlassen sich auf die Beiträge von palästinensischen Freelancern, die gelegentlich (nicht alle) das Blau vom Himmel lügen.
Leute wie den “Frontberichterstatter” Michael Totten kann man mit der Lupe suchen.
Aber das weißt du ja auch. Nur für die Leser hier sein großartiger Blog:
http://www.michaeltotten.com/archives/2008/02/the-final-missi-2.php
Für mich ist er der beste Blogger weltweit.
@Bernd:
Besser als die Jungs von SoE? Du spinnst wohl!
Und für solche Korrespondenten zahlt man GEZ-Gebühren, na super!