Die ohne Maulkorb reden
Februar 25, 2008 von Claudio Casula
Als „Blogger der jüdisch-israelischen Szene“ haben wir, wie bekannt, gelegentlich so unsere Probleme mit der Nahost-Berichterstattung deutscher Medien. Denn, nicht wahr: Auch Korrespondenten wird man doch wohl noch kritisieren dürfen!
Gleichwohl geht Kritik bei den Herrschaften zum einen Ohr hinein und zum anderen sofort wieder hinaus. Die Behauptung, „auch von arabischer Seite angefeindet“ zu werden (warum eigentlich?) impliziert immer zugleich die vorgebliche Neutralität des Reporters, unabhängig vom Gehalt der Anfeindung. Natürlich ist auch Ulrike Putz meilenweit davon entfernt, ihre Art der Berichterstattung zu hinterfragen, sie hält es mit Hanns-Joachim Friedrichs: “Ein guter Journalist macht sich mit keiner Sache gemein, auch nicht mit einer guten.”
Im Zweifelsfall eher schon mit einer schlechten, weshalb sich aus ihren Berichten, etwa von der Raketenherstellung des Islamischen Djihad, nichts herauslesen lässt, was auf eine kritische Distanz zu ihren Gesprächspartnern hindeuten könnte.
André Marty, der immer und überall die Israel-Lobby am Werke sieht, obwohl er keine Mühe hat, jeden Tag Gesinnungsgenossen aufzutreiben, die sich ebenfalls über einen gefühlten Maulkorb beschweren, kommt nun auf sein Lieblingsthema zu sprechen: die angebliche Nibelungentreue gegenüber Israel, zu der die Mitarbeiter der Axel Springer AG verpflichtet seien:
„Inhaltlich gibt’s keine Vorgaben aus der deutschen Zentrale? Der “Springer”-Verlag ermutigt ja seine Leute zur israeltreuen Berichterstattung.“
Und Frau Putz antwortet wie folgt:
“Spiegel Online ist genauso Israel-freundlich oder -kritisch wie alle anderen deutschen Leitmedien, die heutige deutsche Gesellschaft und die deutsche Politik. In diesem Rahmen bin (ich) inhaltlich frei, eine schriftliche Verpflichtung zur unbedingten Israel-Treue, wie Du sie für den “Springer-Verlag” beschrieben hast, gibt es bei uns nicht.“
Was uns ja doch überrascht – gilt doch der SPIEGEL als das Sprachrohr der israelischen Regierung schlechthin. Aber Scherz beiseite. So sorglos wie Martys Umgang mit der deutschen Orthographie („harrsche Reaktionen“, „für Tod erklärt“), ist der mit den Fakten. Denn zu den Unternehmensgrundsätzen Axel Springers, die 1967 vom ihm selbst formuliert, nach der Wiedervereinigung 1990 geändert und 2001 ergänzt wurden, gehört diese, die Marty und Putz sauer aufstößt:
„das Herbeiführen einer Aussöhnung zwischen Juden und Deutschen, hierzu gehört auch die Unterstützung der Lebensrechte des israelischen Volkes“
Um aus dieser Haltung eine Verpflichtung zur unbedingten Israel-Treue abzuleiten, muss man entweder nicht im Bilde sein, was im Fall der beiden nicht auszuschließen ist, oder darin geübt, Fakten verzerrt wiederzugeben. Darauf versteht sich Frau Putz gewiss, was sie u.a. unter Beweis stellt, wenn sie aus einem „Gefangenendokument“ (vulgo: taktischer Burgfrieden zwischen den Terrororganisationen Fatah und Hamas) die indirekte Anerkennung Israels herausdeutet, obwohl im Papier mit keinem Wort davon die Rede ist.
Mit einer guten Sache wie dem Lebensrecht des israelischen Volkes machen sich Putz und Marty, seriöse Journalisten, die sie sind, nicht gemein, zumal ihre Gesprächspartner auf der palästinensischen Seite genausowenig davon wissen wollen wie sie selbst. Die einen wie die anderen empfinden es als Zumutung, der bloßen Existenz des jüdischen Staates das Wort zu reden. Eine solide Grundlage für das nächste Interview, das Ulrike Putz mit Hamas-Häuptling Haniye führen wird. Da plaudert zusammen, was zusammengehört.
Hallo Claudio,
dein Artikel ist mal wieder genial. Allerdings gäbe es noch zwei, drei Medien, die man auch genauer unter die Lupe nehmen sollte. Das eine Käseblatt ist die Magdeburger Volksstimme, das andere Klopapier heißt Mitteldeutsche Zeitung/Halle. Natürlich darf man auch den MDR- Funkhaus Sachsen-Anhalt nicht vergessen. Seit Jahren decken sie angebliche Konspirationen und Skandale rund um das “Weltjudentum”, um Israel und um die dort lebenden Juden auf. Der antisemitische Kot, der dabei versprüht wird, zeigt natürlich Wirkung bei der deutsch-nationalen Bevölkerung. Die Winkelschreiber (ich möchte diese Leute nicht als Journalisten bezeichnen) beteuern selbstverständlich, dass sie Israel gegenüber nur objektiv sind. Mit Antisemitismus habe das ganze nichts zu tun. Na klar. Sie möchten nur die dortige Bevölkerung schützen.
Auf der nächsten Seite ihrer Tageszeitung jubeln sie dann, welch gutes Verhältnis das Land Sachsen-Anhalt zu Syrien und seinem Präsidenten hat.
“Um aus dieser Haltung eine Verpflichtung zur unbedingten Israel-Treue abzuleiten, muss man entweder nicht im Bilde sein, was im Fall der beiden nicht auszuschließen ist, oder darin geübt, Fakten verzerrt wiederzugeben.”
Oder aber man sieht das Lebensrecht des israelischen Volkes als verhandelbar an und will keine Aussöhnung.
[...] Spiegel zum Beispiel, der hat sogar eine Agenda. Lächerlich? Es wird noch besser ~ Die ohne Maulkorb reden Monday, February 25, 2008 | at 9:54 [...]
Hab ichs doch geahnt: das ultimative Interview der Putz mit Hamas-Häuptling Haniye steht an. Ich freu mich schon……..
Mir gefällt in dem Interview das schöne Wort “Leitmedien”.
Irgendwie gefällt das diesen, sagen wir mal Rot(z)nasen bei SPON.
Man und/oder frau ist Leitmedium!
Man leitet also die dumpfe Masse in die richtige Richtung, sozusagen als Medium.
Das baut natürlich auf. Man ist Führer/in. Na wenigstens ein bissel.
In dem Interview erweist sich Frau Putz in der Tat als ein Medium. Bei einer Seance.
Schöpft aus der paranormalen Realität.
“Erwin erscheine!”
Und da isser schon!
Zum Verhältnis zwischen Israel und Deutschland fällt mir folgendes Zitat (sinngemäß) ein: „Ein guter Freund zeichnet sich nicht am meisten dadurch aus, dass er dich lobt, sondern dich [konstruktiv] kritisiert.“
Mein Kommentar dazu ist, dass beim Thema Israel Kritik mit Vorwurf verwechselt wird.
Ein Held von Entebbe gestorben:
http://www.ynetnews.com/articles/0,7340,L-3511488,00.html
Also die “jüdisch-israelische Szene” geht mir nicht mehr aus dem Kopf. Ein scheinbar einfach so dahingeworfener Begriff mit doppeltem Boden.
“Szenen” haben ja an sich einen verruchten Touch, riechen nach “Untergrund” und sind gemeinhin eine Zusammenfassung von Menschen mit “extremen” Ansichten. Gerade im politischen Kontext ist “extrem” nicht im wertfreien Sinne als “weit abseits des ‘Mainstreams” zu verstehen, sondern als gefährlich-fanatisch, also außerhalb des Verfassungsbodens stehend. Oder würde jemandem einfallen, Tierschützer oder “Friedensaktivisten” in Szenen zusammenzufassen? Die Präfixe “Neonazi” oder “Islamisten” sind eher in diesem Zusammenhang bekannt, was auch insofern Sinn macht, als diese Begrriffe per definitionem für fanatischen Extremismus, Rassismus und Demokratiefeindlichkeit stehen. Wer Mitglieder einer Religionsgemeinschaft und Angehörige einer gewissen Nationalität automatisch zu einer (politischen) “Szene” zusammenschnürt, bei dem ist es kein großes Rätsel, wessen Geistes Kind er ist.
Ulrike Putz schreibt offenbar das, was viele lesen möchten. Der Antisemitismus ist heute mainstream, auch wenn er sich in Antizionismus umbenannt hat.
Natürlich wird nicht direkt ausgesprochen, dass man letztlich Propaganda GEGEN Israel macht, aber deutlich wird das schon in den vielen Artikeln von Ulrike Putz. Und ihre fröhliche Berichterstattung über den Bau von Kassam-Raketen war dabei eines der widerlichsten Texte von ihr.
unter zionismus verstehen die linken bildungsbürger heute das, was man vor 70 jahren als “weltjudentum” bezeichnet hat.
[...] Spiegel zum Beispiel, der hat sogar eine Agenda. Lächerlich? Es wird noch besser ~ Die ohne Maulkorb reden « Kurt Westergaard [...]