Alles Schlechte zum Geburtstag
März 6, 2008 von Claudio Casula
Eines lässt sich über das Gelobte Land mit Sicherheit sagen: Es wird nicht oft gelobt, jedenfalls nicht in Deutschland. Verpasst die ZDF-Redaktion des „Kleinen Fernsehspiels“ einer Mini-Reihe den Titel „Gelobtes Land – 60 Jahre Israel“, kann man Haus und Hof darauf verwetten, dass die Filme ein alles andere als positives Bild des Landes zeichnen. E voilà – die auf den Schreibtisch geflatterte Pressemappe enttäuscht die Erwartungen nicht. Man ist zwar ein bisschen früh dran (Sendetermine: 31. März – 21. April), aber der israelkritische Fernsehzuschauer kann ja schon mal vorglühen. Vorausgesetzt, er widersteht der Versuchung, zur rechtschaffen unchristlichen Ausstrahlungszeit – zwischen 0.05 und 0.40 Uhr – in Morpheus Arme zu sinken.
Hier nun die erlesene Auswahl des Zweiten zur Feier des Tages:
„Willkommen in Israel“
Im Original trägt der Film den nach Aussage des Regisseurs Eyal Halfon „zynisch und kritisch“ gemeinten Titel „What a Wonderful Place“. Er beschreibt Engstirnigkeit, Boshaftigkeit und Ausländerfeindlichkeit – Phänomene, so Halfon, die „sicher keine israelischen Erfindungen“ sind, aber gleichwohl besonders skandalös in einem Land, das eigentlich „einen höheren moralischen Anspruch“ haben müsste. Noch Fragen?
„Makom Avoda – ein Ort, eine Arbeit“
Die in Paris lebende Nurit Aviv (die Nurit Aviv: Passagierin des Air-France-Fluges 139, der am 27.4.1976 nach Entebbe entführt wurde - der Rest der Geschichte ist bekannt) erzählt die Geschichte einiger Gastarbeiter im jüdischen Staat: Eine Ukrainerin, ein Philippino und ein Thailänder versuchen, trotz der sozialen Missachtung ihre Würde zu behalten.
„Ein anderes Land“
Ein persönlicher Film über die gefährlichen Risse, die Mitte der 90er-Jahre durch die israelische Gesellschaft gingen und in der Ermordung Yitzchak Rabins kulminierten.
„Yizkor – Sklaven der Erinnerung“
Eyal Sivan beschreibt, wie Jugendliche die Hohen Feiertage Israels im Frühjahr erleben: „Die Erinnerung an unser Leid ist es, die uns daran hindert, das Leiden anderer wahrzunehmen.“ Dass die israelische Gesellschaft, im Bewusstsein der Vergangenheit, sehr wohl zukunftsorientiert ist, und zwar in weitaus größerem Maße als das alte Europa, wird der Zuschauer nicht erfahren, ebensowenig wie von der banalen Tatsache, dass die Lage der Palästinenser in Israel sehr wohl wahrgenommen wird. Denn, so die FAZ am 29.6.1991, der Staat Israel lässt sich „von Tabus und Traditionen beherrschen“, und schon der Titel des Films deutet darauf hin, dass der Autor der in Israel praktizierten Gedenkkultur, nun, sagen wir: kritisch gegenübersteht.
Nun ist ja völlig klar, dass jeder Film für sich seine Berechtigung hat. Schließlich gibt es auch in Israel genügend Missstände, die aufzuzeigen und anzuprangern legitim, ja sogar notwendig ist, wenn auch eher für das heimische Publikum. Insofern spricht die Auswahl für den offenen Umgang der israelischen Gesellschaft mit ihren Fehlern und Versäumnissen. Anders sieht die Sache schon aus, wenn der gemeine deutsche TV-Konsument ausschließlich Filme präsentiert bekommt, in denen das Land schlicht und einfach schlecht wegkommt. Keine Rede von den Errungenschaften Israels unter schwierigsten Bedingungen: von der erstaunlichen Integration der Neueinwanderer aus zahllosen Kulturen; von der auch im permanenten Ausnahmezustand niemals in Frage gestellten Demokratie; von der militärischen Selbstbehauptung inmitten einer feindlich gesinnten Region; von der blühenden hebräischen Kultur, die so vor 60 Jahren kaum denkbar war; vom Aufstieg eines kleinen Landes ohne Bodenschätze zu einer High-Tech- und Wohlstandsgesellschaft. Alles hochspannende Geschichten, die ein wenig zum Verständnis Israels in Deutschland beitragen und sicher manchen positiv überraschen könnten.
Wie gesagt: Im Ausland wird Israel selten gelobt, aber gern kritisiert. Und deshalb schätzen wir israelische Autoren, die alles genauso sehen wie wir. Happy Birthday, Israel!
Das ist mal wieder typisch! Warum macht niemand einen Film über Misstände in arabischen Ländern? Themen würde es zu genüge geben: Keine Demokratien, dafür jede Menge Diktaturen und Monarchien, religiöse Intoleranz, keine Gleichberechtigung von Mann und Frau - dafür aber öffentliche Hinrichtungen, Zwangsehen, Fanatismus und religiöser Irrsinn!
Es gäbe wirklich ein weites Betätigungsfeld für unsere Journalisten und Filmemacher!!
1988 hatte ich rechtzeitig zum 40-jährigen Bestehen Israels meinen ersten Videorekorder in Betrieb. Wenn ich diese Aufnahmen heute sehe, dann frage ich mich, in welcher verlogen heilen Welt das deutsche Fernsehen damals lebte. Die heute ausschließlich verbreiteten Verleumdungs-Sichtweisen wurden damals schon angedeutet, aber letztlich waren es noch regelrecht neutrale Berichte über die Entstehung und Geschichte des Staates. Zum 50-jährigen sah das schon ganz anders aus. War klar, dass in diesem Jahr alles noch extremer wird.
[...] „Alles Schlechte zum Geburtstag“, überschreibt Claudio Casula seine Anmerkungen zum ZDF-Programm anlässlich des 60-jährigen Bestehens des Staats Israel. Und belegt anhand dieses Programmes, warum diese Beschreibung nur allzu richtig ist. [...]