Manchmal lohnt es sich doch, Leserbriefe zu studieren. So fand sich in der WELT vom 30. Mai die Zuschrift eines gewissen Herrn Helmut Schmidt aus Hamburg. Richtig: Es handelt sich um den Helmut Schmidt, den Altbundeskanzler, der sich vor mehr als 30 Jahren dadurch Respekt erwarb, indem er dem Terrorismus die Zähne zeigte.
Lang ist’s her. Seit einiger Zeit beschränkt sich Schmidt, der sich noch immer großer Beliebtheit erfreut, vor allem auf die Belehrung derjenigen, die es heute mit dem Terrorismus zu tun haben – und zwar mit einem, der Zusatz sei erlaubt, gegen den sich der RAF-Terror der 70er-Jahre vergleichsweise läppisch ausnimmt. Konkret: Schmidt nörgelt am liebsten an der Politik der USA und Israels herum („Das könnt ihr so nicht machen!“), während die doch durchaus bedenklichere Politik Russlands und der Volksrepublik China nach dem Motto „Andere Länder, andere Sitten“ von jeglicher Kritik verschont bleibt. Das fiel in Interviews mit Giovanni di Lorenzo im ZEIT-Magazin ebenso unangenehm auf wie in dem sehenswerten Porträt des Altkanzlers von Sandra Maischberger, als dem nun bald 90-jährigen Schmidt, auf dem „Platz des Himmlischen Friedens“ stehend, partout nichts zum Massaker von 1989 einfallen wollte, sondern nur zum chinesischen Essen, für das er sich leider nicht begeistern kann.
Und nun setzt sich Schmidt hin und schreibt einen Leserbrief:
In der WELT hat Herr Torsten Thissen mir die Note 4- gegeben. Dagegen habe ich keinen Einwand. Wohl aber muss ich seiner Begründung widersprechen. Er behauptet, ich hätte, „zu den chinesischen Menschenrechten gefragt…“, geantwortet: „Das ist doch nicht mein Bier.“ Tatsächlich wurde ich aber zu einem ganz anderem Thema, nämlich zur Öffentlichkeit der Hinrichtungen in China gefragt, ob ich nicht über dieses Thema mit den Chinesen reden wolle. Darauf habe ich in der Tat gesagt: „Ist es mein Bier, mit denen zu reden? Bin ich ein Lehrer für die Chinesen?“ Ich habe mich gegen jedwede Todesstrafe ausgesprochen, jedoch hinzugefügt, es sei Anmaßung, anderen Völkern beizubringen, wie sie zu leben haben.
Das wirft ja nun gleich mehrere Fragen auf: Haben Hinrichtungen in China nichts mit Menschenrechten zu tun? Oder geht es nur um die Öffentlichkeit derselben, werden Erschießungen also besser, wenn man sie in aller Heimlichkeit vollzieht? Warum will Helmut Schmidt kein Lehrer für die Chinesen sein, für westliche Verbündete wie die USA aber schon? Vielleicht weil er ahnt, dass man ihm in Peking nicht so höflich lauschen würde wie man es bei seinen Vorträgen in New York zu tun pflegt? Und hat die Praxis der Hinrichtungen in der VR China irgend etwas mit der Lebensart der Chinesen zu tun oder ist sie nicht vielmehr auf dem Mist eines Regimes gewachsen, das sich um Menschenrechte nicht schert? Henryk Broder hat kürzlich dankenswerterweise darauf hingewiesen, dass das „Selbstbestimmungsrecht der Völker“ in Wahrheit nicht die Völker schützt, sondern deren Regierungen, die darin einen Freibrief sehen, mit ihrem Volk so umzuspringen, wie es ihnen beliebt.
Irgendwie drängt sich der Eindruck auf, dass Schmidt mit der 4- in der WELT noch gnädig davongekommen ist.
1. Pfui
2. ” und zwar mit einem, der Zusatz sei erlaubt, gegen den sich der RAF-Terror der 70er-Jahre vergleichsweise läppisch ausnimmt. “, da lachen ja die Hühner. Repräsentanten der BRD werden gezielt ermordet, super läppisch, klammheimliche Freude? Lass Hirn regnen!
Vorsicht. Er als Politiker hat Einfluss auf die Verbündeten Amerikaner, nicht aber auf die eher distanzierten Chinesen. Insofern ist seine Position für einen wenn auch ehemaligen Politiker schon vernünftig. Anders sieht es bei Privatmenschen und Privatmeinungen aus.
um ehrlich zu sein, ist mir noch nie aufgefallen, dass schmidt sich durch besonders israel- oder amerika-feindliche äußerungen hervorgetan hat. im gegenteil: in vielen interviews betont er die transatlantische freundschaft.
gibt es interviews, in denen er die hinrichtungen in den usa scharf kritisiert, während er bzgl. china dazu keinen kommentar abgibt???
Ich gebe diesem Artikel eine 5- und möchte stellvertretend für die vielen anderen Denkfehler nur mal einen Satz leicht verändern und in die Denkfabrik geben:
Und hat die Praxis der Hinrichtungen in den USA irgend etwas mit der Lebensart der Amerikaner zu tun oder ist sie nicht vielmehr auf dem Mist einer Demokratie gewachsen, die sich um Menschenrechte schert?
Bitte denken Sie selbst, denn ich will Ihnen kein Lehrer sein
woher nehmt Ihr nur alle die Gewissheit, daß sich eine Verschiebung zugunsten von Mißachtung von Grenzen aus menschenfreundlichen Gründen nicht eines Tages ganz furchtbar gegen Israel verwenden lassen wird?
Wenn schon ZEIT, dann lieber das hier lesen, Claudio:
http://www.zeit.de/online/2008/20/israel-arabische-nachbarn?page=all
[...] Leise rieselt der Kalk Manchmal lohnt es sich doch, Leserbriefe zu studieren. So fand sich in der WELT vom 30. Mai die Zuschrift eines [...] [...]
@Ente:
1. Aha!
2. Natürlich nimmt sich der RAF-Terrorismus gegenüber der terroristischen Bedrohung der Neuzeit läppisch aus. Die heutigen Terroristen interessieren sich nicht „nur“ für Repräsentanten, sondern für möglichst viele Opfer. Wenn sie könnten, würden sie ganze Staaten auslöschen, wovon bei der RAF (hoffentlich) nie die Rede war.
Claudio schrieb übrigens nicht davon, dass der RAF-Terror läppisch wäre, wie du zu suggerieren versuchst, sondern davon, dass er gegenüber dem Terrorismus, dem sich Israel und die USA heute stellen müssen, läppisch sei. Hast du das falsch verstanden, oder falsch verstehen wollen? In beiden Fällen könnte man deinen letzten Satz auf dich anwenden. Vor allem wenn du dem Autor wegen dieser (absichtlichen?) Missdeutung deinerseits „klammheimliche Freude“ unterstellst. Pfui!
@Dirk:
Natürlich hat er, wenn schon, dann Einfluss auf die Amerikaner und nicht auf die Chinesen. Das ändert jedoch an seiner Aussage nichts, dass er überhaupt keinen Einfluss auf die letztgenannten nehmen möchte (scheinbar selbst wenn er könnte). Egal ob ich Einfluss habe oder nicht, ändert an dieser Aussage von Schmidt nichts: „es sei Anmaßung, anderen Völkern beizubringen, wie sie zu leben haben“. Sind die USA für ihn kein Volk?
@Christian:
Merkwürdigerweise sind die größten Kritiker der USA und Israels alles „gute Freunde“, als solche man doch kritisieren müsse. Ist ja alles nur gut gemeint. Naja, Freunde kann man sich nicht immer aussuchen. Tatsache ist, dass Schmidt seine Freunde (im Gegensatz zu China. Sind die Chinesen keine Freunde?) unentwegt kritisiert, selbst wenn sie die Kosovaren davor bewahren, ausgelöscht zu werden. Hier konnte ich Frau Maischberger im Übrigen nicht verstehen. Warum stellte sie ihm nicht die Frage, ob ihm die Vertreibung der Kosovaren, inklusiver tausender Opfer, lieber gewesen wäre, als der Angriff auf Serbien? Nichtstun ist oft tödlicher als sich einzumischen, das hat Herr Schmidt in seinem langen Leben leider noch nicht gelernt.
@falkschettler:
Sie wollen kein Lehrer sein und vergeben Noten? Ist das etwa ein kleiner Denkfehler?
Und gleich noch einer, weil es so schön ist: Was haben Hinrichtungen in den USA damit zu tun, dass Hinrichtungen in China ein Verstoß gegen die Menschenrechte sind? Werden diese chinesischen Hinrichtungen in großem Stil und zum großen Teil ohne rechtsstaatliches Verfahren besser, wenn auch andere Nationen Hinrichtungen anwenden? In seiner Aussage ging Claudio auf Schmidt ein, der behauptete, nicht zu Menschenrechten, sondern zu Hinrichtungen befragt worden zu sein. Keine Rede von den USA. Schon merkwürdig, dass manche Menschen nur das Eine im Kopf haben und hinter jedem Busch die USA sehen. Insofern: Thema verfehlt. Was gibt es dafür für eine Note?
Hinrichtungen sind in jedem Fall abzulehnen, allerdings sollte man nicht mit verschiedenem Maß messen, und das wird immer wieder getan.
Auch mit der Einmischung ist das so eine Sache - ja, ich bin mit mir selbst nicht im Reinen, in Myanmar plädiere ich für Einmischung, anderswo dagegen.
Jedoch sollte man sich einmal die Ergebnisse der Einmischung im Allgemeinen ansehen: vor allem in Afrika, aber auch Irak und Vietnam. Da gibt es auch so zwiespältige Ergebnisse.
In Afrika hat langfristig eine eindeutige Destabilisierung stattgefunden (vielleicht weil der Kontinent noch zu “jung” war?), die sich heute in Bürgerkriegen und Terror äussert. In Vietnam dagegen ist der langfristige Erfolg eher in einer Verbesserung der Lage der Bevölkerung zu sehen. Irak ist warscheinlich noch zu “frisch” um überhaupt etwas sagen zu können. Im Moment sieht es eher nach einem Desaster aus. Aber so sah es damals in Vietnam auch aus.
Was nun Einmischungen in China (bzw. überhaupt in Asien) anlangt: Man denkt dort anders. Daher sind diese Einmischungen meist kontraproduktiv, vor allem wenn sie öffentlich stattfinden. “Im kleinen Kreis” d.h. nichtöffentlich kann man mit Chinesen durchaus reden, wenn man ihnen die Möglichkeit einräumt, dieses Reden als freundschaftliche Beispielnennung zu betrachten. Tritt man hingegen als Besserwisser auf, machen Chinesen sofort dicht.
Daher muss es Unterschiede in der Ansprache von US- Amerikanern und Chinesen geben. Ob das allerdings hinter Schmidts Äusserungen steht, halte ich nicht nur für fraglich, sondern eher für ausgeschlossen. Er hatte ja nicht umsonst den Beinamen, “der Abkanzler”, jedoch suchte er sich seine Opfer immer schon nach einem ganz persönlichen Muster aus…
Daher ist es vielleicht nicht der Kalk, sondern eine mit dem Alter deutlicher zu Tage tretende Charaktereigenschaft.
Zitat:
“Es handelt sich um den Helmut Schmidt, den Altbundeskanzler, der sich vor mehr als 30 Jahren dadurch Respekt erwarb, indem er dem Terrorismus die Zähne zeigte.”
Schmidt war und ist ein Blender. Bis zur Geiselnahme von Stockholm fuhr er einen richtigen Schmusekurs gegenüber den Terroristen. Die Terroristen genossen sogar eine Vorzugsbehandlung im Knast, während nach Außen ein ganz anderes Bild vermittelt wurde. Schmidt war sogar ein Nutznießer von Schillys & Co Anschuldigen, da der Bürger diesen Kanzler “mit (scheinbaren) Biss” sogar gut fand.
Ausgerechnet auf dem Ö-R-Sender Phönix lief darüber mal eine ausgezeichnete Doku, wo diese Mär vom “Zähne zeigenden Kanzler” zerpflückt wurde.
@ Fega Maldas:
ich glaube im fall haben sich allerdings viele amerikaner sehr gerne helmut schmidt als freund ausgesucht! wenn henry kissinger regelmäßig schmidt besucht und ihn als guten freund bezeichnet, klingt das für mich glaubwürdig.
meiner meinung nach hat schmidt bei aller kritik an den usa nie das augenmaß verloren.