In den alten Zeiten war das so: Wer nix zu beißen hatte, kam möglicherweise irgendwann auf die Idee, irgendwo einen Laib Brot zu stehlen. „Mundraub“ nannte man das, und das war beileibe kein Verbrechen, sondern eine Mitleid erregende Tat. Stand es um die Gesamtsituation nicht zum Besten, riss man schon mal einer Omi die Handtasche weg. Schon etwas weniger sympathisch, aber im Vergleich zu den folgenden doch eine eher lässliche Sünde.
Mit einem Bulldozer Autos und Menschen zu zermalmen, Schüler in einer Bibliothek mit einer Maschinenpistole niederzumähen, Grenzpolizisten zu töten – das ist schon ein anderes Kaliber, das kaum als Verzweiflungstat, noch dazu als eine aus Armut geborene, durchgehen kann. Eigentlich. Denn in der Frankfurter Rundschau erweckt die notorische Inge Günther den Eindruck, dass es auch für solche Verbrechen eine Entschuldigung (sie würde sagen. Erklärung) gibt:
http://www.fr-online.de/in_und_ausland/politik/aktuell/1380441_Armut-schuert-die-Kriminalitaet.html
„Armut schürt die Kriminalität“ – das ist doch eine Überschrift, die die schwindsüchtige FR-Leserschaft anspricht. Zwar deutet die Autorin an, dass auch der politische Frust ein Motiv sein könnte, und sogar der wahre Grund wird erwähnt, jedoch nur, um gleich wieder relativiert zu werden:
„Nicht nur Islamisten von der Hamas hetzen. In West-Jerusalem etwa tauchten jüngst Plakate auf, die offenbar rechtsradikale Kahane-Anhänger verfasst hatten: “Gebt ihnen” – gemeint sind die Palästinenser – “keine Gewehre, gebt ihnen keine Bulldozer, gebt ihnen keine Jobs.”
Inge Günther stellt also das „Schlachtet die Juden“ der Hamas auf eine Stufe mit der Forderung radikaler (?) Israelis, ihren Feinden keine Tötungsmittel in die Hand zu geben. Nun können zwar die 250.000 Araber Jerusalems nichts für eine überschaubare Anzahl Terroristen, aber zumindest der Forderung, ihnen keine Gewehre zu geben, kann man sich auch anschließen, ohne rechtsradikal zu sein. Leider vergisst Inge Günther auch zu erwähnen, dass die Hamas bei der Mehrheit der Palästinenser einen Stein im Brett hat, während die Kahane-Anhänger (von denen auch Günther nicht wirklich weiß, ob sie die Plakate zu verantworten haben) mit ihrer Partei in Israel nicht mal zur Wahl zugelassen sind. Wichtig ist nur: „Unter beiden Bevölkerungen machen Radikale zusätzlich böse Stimmung.“
Es müssen ja immer beide sein – eines der Leitmotive deutscher Nahostberichterstatter. Haben wir jetzt alle drei zusammen? Terrorverständnis, Gleichmacherei – ah, es fehlt noch die Täter-Opfer-Umkehr. Kein Problem für die versierte Inge Günther:
„Besagte Familie Dwayat jedenfalls zahlte seit Jahren Strafgebühren für ihr “illegal” errichtetes Haus. Eine Summe, die sich umgerechnet auf einige zehntausend Euro beläuft; hinzu gesellten sich Anwalts- und Gerichtskosten. Aus dem Haus wird sie wahrscheinlich so oder so müssen, da sie das Geld nicht mehr aufbringen kann. Die Eltern sind schwer krank, der eine Sohn kam bei dem Attentat um, der andere verlor seinen Job als Taxifahrer. Sein israelischer Arbeitgeber hat ihn gefeuert, um sich von Kunden nicht vorhalten zu lassen, er beschäftige den Bruder eines Terroristen.“
Wenn schon keine schwere Kindheit zur Hand ist, dann müssen Krankheit und Arbeitslosigkeit Mitleid erregen – sowie die Tatsache, dass der Mörder bei seinem eigenen Amoklauf erschossen wird. So weiß der FR-Leser nun, dass der Familie des Attentäters ziemlich übel mitgespielt wurde, zumal ja auch das Wörtchen illegal in Anführungszeichen gesetzt wird, um Zweifel zu schüren. Man weiß schon, wie es zu verstehen ist.
Eine runde Sache also, der Artikel von Inge Günther. Alles drin, was so drin sein muss. Und der gute alte Uri Avnery wird auch zitiert. Inge hat im Unterricht gut aufgepasst. Kopfnote: eine glatte eins. Mit Sternchen.