Sieben Jahre nach 9/11 erklärt Michael Lüders im Leitartikel der Frankfurter Rundschau („Der falsche Krieg“), warum der Westen selbst schuld an islamistischem Terror ist.
In der islamischen Welt ist ein Großteil der Bevölkerung davon überzeugt, El Kaida habe die Anschläge vom 11. September 2001 mit Hilfe der US-Regierung und Israels begangen. Absurd, gewiss. Und doch zeigt diese Wahrnehmung, dass der Westen den Kampf um die Köpfe und Herzen der Muslime längst verloren hat.
Was allerdings eher gegen die Köpfe und Herzen der Muslime spräche. Vor allem gegen die Köpfe, denn wenn al-Qaida mit dem Großen und dem Kleinen Satan paktierte, warum genießt das Terrornetzwerk dann so große Sympathien im Orient? Und warum gilt dort dann ausgerechnet ein Bin Laden als Rächer der Enterbten? Da bleibt, wie bei der Einschätzung des Holocaust („Er hat nie stattgefunden, er war nicht so schlimm wie behauptet und die Juden haben ihn selbst veranstaltet, um Kapital daraus zu schlagen“), die Logik auf der Strecke.
Vor allem Washington ist es im Verlauf von immerhin sieben Jahren nicht gelungen, eine klare, einfache Botschaft zu vermitteln: Wir verteidigen uns gegen den Terror, aber wir führen keinen Kreuzzug gegen den Islam.
Wo, bitteschön, führt denn Amerika einen „ Kreuzzug gegen den Islam“ oder: wie sollte dieser Eindruck entstehen? Es sind doch wohl stets muslimische Jihadisten, die Moscheen sprengen und eben nicht die vermeintlichen Kreuzzügler.
Der Sündenfall war nicht der Sturz der Taliban, der Gastgeber Osama bin Ladens, und die politische Neuordnung in Afghanistan. Dafür gab es auch zwischen Rabat und Jakarta viel Zustimmung.
Lüders scheint tatsächlich Dinge zu wissen, die der Weltöffentlichkeit bislang verborgen blieben. Es sei denn, an dieser Behauptung ist soviel dran wie an der, bis zum 11. September hätte die ganze Welt Amerika liebgehabt – bis GWB der Schreckliche alles kaputtgemacht habe.
Nicht aber für die Instrumentalisierung des “Krieges gegen den Terror”, der bald schon die gesamte Region militärisch ins Visier nahm. Spätestens mit dem Irak-Krieg 2003. Saddam Hussein hatte mit El Kaida bekanntlich nichts zu tun. Trotzdem wurde er auch unter Verweis auf 9/11 gestürzt.
„Auch“ unter Verweis, ganz recht. Und außerdem, weil sich Saddam etwas zu laut über 9/11 gefreut hatte, weil er, abgesehen von seinen bis dato begangenen Verbrechen (Völkermord, Entfesselung eines Angriffskrieges etc.), nach wie vor eine Gefahr sowohl für sein eigenes Volk als auch für seine Nachbarn darstellte, weil er sich ausdrücklich als Feind Amerikas verstand, weil er jahrelang Weltsicherheitsrat und Atomenergiebehörde verarschte und weil er Familien islamistischer Terroristen in Gaza und Westbank finanziell unterstützte.
Nicht der Sturz selbst ist das Problem, sondern die Begleitumstände. Hunderttausende Iraker haben den Krieg und die bis heute andauernde Anarchie mit dem Leben bezahlt.
Hunderttausende Iraker wurden von sogenannten „Aufständischen“ ermordet, nicht von den Amerikanern und ihren Verbündeten. Aber man kann ja mal alle Toten einer Seite anrechnen – solange es die westliche ist. Klar, was nun auch nicht fehlen darf:
Hinzu kommen die Drohungen Washingtons und Israels gegen den Iran und die westliche Gleichgültigkeit gegenüber dem Schicksal der Palästinenser. Nimmt es wunder, dass auf diesem Nährboden Verschwörungstheorien gedeihen und radikale Islamisten immer wieder neuen Zulauf erfahren?
Drohungen Washingtons und Israels gegen den Iran? Das erinnert an die geniale Focus-Schlagzeile: „Israel droht Iran mit Selbstverteidigung.“ Wer droht denn hier wem die Vernichtung an?
Dann „die westliche Gleichgültigkeit gegenüber dem Schicksal der Palästinenser“. Nach Lage der Dinge zeigen sich die Araber deutlich gleichgültiger als die Europäer. Das Verständnis der Europäer für den palästinensischen Terror scheint allerdings nachgelassen zu haben. Vielleicht hat man selbst in der langmütigen alten Welt zunehmend weniger Lust, sauer verdiente Steuergelder dorthin zu pumpen, wo man dann zum Dank Hamas an die Regierung wählt und nach gelungenen Attentaten auf jüdische Zivilisten zünftige Volksfeste feiert.
Dass radikale Islamisten auch dann radikale Islamisten bleiben, wenn man ihnen die Dollar- und Euroscheine hinten und vorne reinstopft, ist dem Nahostexperten Lüders natürlich immer noch nicht aufgegangen.
Gerade weil der islamistische Terror auch weiterhin eine ernste Bedrohung darstellt, muss die Politik den Mut haben, neue, ungewohnte Ideen zu erproben. Hätten die USA und mit ihr die EU nur zehn Prozent ihrer Milliardenausgaben in diesem Krieg für langfristige Entwicklungsprojekte ausgegeben, wäre die Welt heute wahrscheinlich friedlicher.
Oder auch nicht. Trotzdem wird Lüders vom FR-Publikum sicher heftiges Kopfnicken für diese ranzige Binse ernten.
Das heißt konkret: Nicht länger unfähige und verbrecherische Regierungen, ob in Kairo oder in Islamabad, mit Geld zuschütten, damit sie – hoffentlich – eine prowestliche Politik betreiben.
Interessant, dass Lüders zum Stichwort „unfähige und verbrecherische Regierungen“ in Nah- und Mittelost ausgerechnet Kairo und Islamabad einfallen – und nicht Beirut, Damaskus, Gaza/Ramallah und Teheran, wo die Unterstützer des islamistischen Terrors sitzen. Was deutlich zeigt, auf wessen Seite Lüders’ Sympathien liegen.
Sondern stattdessen, an den Regierungen vorbei, in Bildung, Bildung, Bildung investieren, vom Dorfschullehrer bis zum Hochschulrektor. Ihnen ein gutes Gehalt zahlen und damit Zeit kaufen. Zeit, um die Grundlagen zu schaffen für gemäßigte Lesarten des Koran. Schulgeld für Kinder, damit sie die Schule besuchen können und nicht die Großfamilie ernähren müssen. In jede Metropole der Region gehört eine vom Westen finanzierte Hochschule auf dem Niveau der Amerikanischen Universität in Beirut oder Kairo. Mikrokredite für Kleinbauern und Tagelöhner, zinslose Darlehen für Unternehmensgründer sind weitere Beispiele.
Und ein iPod Touch für Jeden! Hauptsache, der Westen zahlt sein Schutzgeld.
Und bei uns heißt das: Weg mit diesem unseligen Generalverdacht gegenüber dem Islam, dem sich Millionen Muslime in Europa ausgesetzt sehen.
Mit dem GEFÜHLTEN Generalverdacht, bitte sehr. Dass die Muslime, wie Lüders ja selbst im ersten Satz seines dämlichen Artikels einräumt, eher etwas für al-Qaida übrig haben und den Westen für 9/11 selbst verantwortlich machen, ja, das kann bei dem einen oder anderen Europäer, der Augen und Ohren offen hält statt Lüders rosafarbene Orientalistenbrille aufzusetzen, schon mal Zweifel an der Loyalität muslimischer Bürger wecken. Sowas kommt von sowas.
Was der Westen alles nicht darf, wissen wir nun. Aber was sollte er denn nun machen?
Stattdessen eine intelligente Integrationspolitik, die fordert und fördert. Eine ausgewogene Nahostpolitik, die nicht allein die Palästinenser, sondern auch Israel in die Pflicht nimmt.
Gäääääääääähn.
Pragmatismus gegenüber dem Iran. Keine iranische Atombombe, dafür im Gegenzug eine Nichtangriffsgarantie durch die Vereinigten Staaten.
Wahrlich eine „neue und ungewohnte Idee“, die Lüders da umgesetzt sehen möchte: Diktatoren und irren Möchtegernvölkermördern in den Arsch zu kriechen. Wie innovativ! Auf den nächsten Aachener Friedenspreis kann sich Lüders schon mal gute Chancen ausrechnen.
Utopisch? Nicht utopischer als ein militärischer Sieg im “Krieg gegen den Terror”.
Dass man Terroristen sehr wohl militärisch besiegen kann, sieht man u.a. in der Zerschlagung der „Al-Aqsa-Intifada“ und derzeit auch endlich im Irak. Man muss es nur wollen und dabei die richtige Strategie anwenden. Mit dem von Lüders angemahnten Selbstflagellantentum täte sich der Westen ganz bestimmt keinen Gefallen.
Lüders geht den einfachsten Weg und sucht die Schuld für alles beim Westen. Aber an wen sollte er auch sonst appellieren? Könnte Lüders, selbst wenn er es wollte, über irgendeinen arabischen TV-Kanal eine Mahnung zur Umkehr an die muslimische Adresse verbreiten? Oder ist er wirklich der Ansicht, dass die Misere der islamischen Welt auf unser Konto geht und nicht etwa hausgemacht sein könnte?
Gut, vielleicht tut man Lüders ja doch unrecht, und er ist, obwohl mit sehr viel Empathie für den Islam ausgestattet, einfach nur der ideale Christenmensch. Schließlich heißt es doch: Betet für die, die euch verfolgen. Tut wohl denen, die euch hassen.
Und dann schau’n mer mal, was passiert.
Besonders überzeugend ist die pathetische Klage über „die westliche “Gleichgültigkeit” gegenüber dem Schicksal der Palästinenser“ ja nicht gerade. Von der “Not” keines anderen Volkes lesen wir öfter in der Zeitung, hören wir öfter in den Nachrichten. Über kein Volk der Erde macht sich der Westen – Regierungen wie Zivilgesellschaft – größere Sorgen. Nirgendwo ist der Westen eher bereit, riesige Summen Geldes ganz ohne Gegenleistung in Form von Good Governance zur Verfügung zu stellen, als in den Palästinensergebieten. Gleichgültigkeit sieht anders aus. Gleichgültig war der Westen gegenüber den Opfern der Saddam-Diktatur, gleichgültig war er gegenüber den Opfern der Völkermordes in Ruanda und gleichgültig ist er den Darfur-Opfern gegenüber. Und weitgehend gleichgültig ist die westliche Welt gegenüber den unter den Bedingungen des Terrors lebenden Israelis, die täglich von Schrecken, Leid und Tod bedroht sind.
@ breckmann
Treffer. Versenkt.
Jo. Das Posting markiert – wie viele andere zuvor schon – den Frontverlauf – der so ist, wie zu erwarten war.
Und?
Terroristen kann man militärisch zerschlagen? Bezaubernder Gedanke. Früher als kleines Kind stand ich am Meerestrand und zerschlug die Wellen – es wäre mir beinahe gelungen alle zu erwischen.
Buchtipp: Derrida – Schurken
http://freiebildung.wordpress.com/2008/06/05/buchbesprechung-vorlaufig-jacques-derrida-schurken/
Ist das Zahlen von Geldern in Milliardenhöhe an eine korrupte und bisweilen terroristische Palästinenserregierung nicht irgendwie auch eine Form von Gleichgültigkeit gegenüber den Palis?
Ich rede jetzt nichts gut! Aber seit Sadam nicht mehr der diktatorische Machthaber Iraks ist, gehen sich die einzelnen Bevölkerungsgruppen dort unten wieder gegenseitig an den Kragen. Da frage ich mich, was schlimmer ist: ein völkermordender Diktator oder sich mordende Völker?
Ist das nun eine Rede zur Verteidigungs Amerikas?
Zur Rechtfertigung, dass Amerika wie so oft Weltpolizist spielte?
Natürlich nur mit hehren Motiven!
Es ist ja auch schön, dass es eine höhere Macht gibt, die weiß was gut für andere ist.
… Hunderttausende Iraker wurden von sogenannten „Aufständischen“ ermordet, nicht von den Amerikanern und ihren Verbündeten …
Richtig!
Aber ist nicht schon zuvor von vielen Seiten davor gewarnt worden, dass ein Angriff des Iraks die Region destabilisieren würde?
Wurden nicht schon zuvor Zweifel laut, dass das Argument, der Irak habe Massenvernichtungswaffen, nur vorgeschürzt sei?
Liegt man nicht jedes Mal richtig, wenn man hinter einer Einmischung der USA, das Interesse an Rohstoffen vermutet?
Ein Diktator kann mit seinem Volk treiben was er will. Solange es in seinem Land keine Rohstoffe gibt oder keine Pipeline hindurchführt, hat er von Amerika nichts zu befürchten.
Mit Verlaub, PW, Sie reden dumm.
@7 nedganzbachert
Und nun fassen wir uns einmal an die eigene Nase und fragen uns, was denn Deutschland und/oder die EU gegen die bösen Schurken auf dieser Welt unternehmen. Ich meine, außer Finanzspritzen…
Eigentlich wären doch -nur ein Beispiel von vielen- das europäische Trauerspiel angesichts der Balkan-Bürgerkriege Grund zur Demut genug. Aber schon klar, wer nichts macht, macht nichts verkehrt. Und so decken deutsche Kriegsschiffe die Wiederbewaffnung der Hisbollah, werden durch deutsche staatliche Finanzhilfen palästische Terroristen finanziert. Und die scheinheilige Öffentlichkeit empört sich… natürlich gegen Israel oder die USA – nicht gegen palästinensische, irakische oder afghanische Terroristen!
@ nedganzbachert
“Wurden nicht schon zuvor Zweifel laut, dass das Argument, der Irak habe Massenvernichtungswaffen, nur vorgeschürzt sei?”
Nein. Zumindest von keiner Regierung, von keinem Minister, und auch von keinem einzigen Geheimdienst weltweit. Russen, Rotchinesen, Franzosen, Briten, Sudetendeutsche – alle waren einer Meinung.
“Liegt man nicht jedes Mal richtig, wenn man hinter einer Einmischung der USA, das Interesse an Rohstoffen vermutet?”
Aber sicher. Das Oel in Suedkorea, der Eisenerz in Israel, die Platinminen in Afghanistan, und nicht zuletzt die Diamanten Bosniens bestaetigen Ihre kluge Sicht.
“Ein Diktator kann mit seinem Volk treiben was er will. Solange es in seinem Land keine Rohstoffe gibt oder keine Pipeline hindurchführt, hat er von Amerika nichts zu befürchten.”
Wohingegen er gerade dann von den Europaeern und Russen nichts zu befuerchten hat. Sonst natuerlich auch nicht.
“… alle waren einer Meinung
Wie praktisch doch so ein selektives Gedächtnis ist, nicht wahr Herr Rosenfeld?
@ Saddamfreund vom Dienst
Das musst Du schon selbst wissen. Es ist nun mal ein ein Fakt, dass kein Geheimdienst der Welt und keine demokratisch legitimierte Regierung an der Existenz von Saddams WMD zweifelte.
Aber was interessieren Dich Fakten, wenn Du einem alten doitschfreundlichen Diktator nachweinen moechtest?
“Ist das Zahlen von Geldern in Milliardenhöhe an eine korrupte und bisweilen terroristische Palästinenserregierung nicht irgendwie auch eine Form von Gleichgültigkeit gegenüber den Palis?
”
Ja Robin, da ist was dran.
Diese Dialoge mit dem Iran, die der Westen jahrelang führte und am liebsten immer noch führen will, haben dem iranischen Volk auch nichts genützt. Und die Palis haben nichts davon, dass ihren Oberindiandern soviel Geld in den Rachen geworfen wird.
Damit werden hauptsächlich Waffen gekauft und Selbstmordattentäter ausgebildet. Wer ein ziviles Leben führen möchte und zufällig in Gaza geboren wurde, muss den Westen als Komplizen seiner Regierung begreifen.
@ pidoubleyou
“Da frage ich mich, was schlimmer ist: ein völkermordender Diktator oder sich mordende Völker?”
Dir kann geholfen werden. Selbst bei ungünstigster Rechnung liegen alle Irakkriegstoten zusammengenommen mindestens mit dem Faktor 10, eher aber 50 unter dem, was Saddam in seiner Amtszeit so angerichtet hat. Nur dass bei dem keine Ende in Sicht gewesen wäre. Laut UNICEF sind während der Sanktionen alleine 500.000 Kinder mangels chemischer Wasseraufbereitung verreckt.
@ nedganzbachert
“Ein Diktator kann mit seinem Volk treiben was er will. Solange es in seinem Land keine Rohstoffe gibt oder keine Pipeline hindurchführt, hat er von Amerika nichts zu befürchten.”
Wirklich hübsch. Amerika schaut also bei einigen Terror-Regimes beiseite und unternimmt gegen andere etwas. Alt-Europa unternimmt gegen alle nichts. Du hast recht, das ist wirklich extrem ungerecht gegenüber Diktaturen. Man sollte gegen kein Terror-Regime etwas unternehmen, solange nicht alle Staaten der Erde gemeinsam gegen alle Terror-Regimes gleichzeitig vorgehen, ohne eines zu benachteiligen. Oder habe ich dich da falsch verstanden?