Fast schon eine kleine Tradition: Empfehle gern eine Auswahl der Bücher weiter, die ich im ablaufenden Jahr mit Gewinn (wieder-)gelesen habe.
Steven Pinker:
Gewalt. Eine neue Geschichte der Menschheit
1033 Seiten (ohne Anhang, der noch mal 189 Seiten umfasst), aus denen sich unendlich viel lernen lässt – über Geschichte, Psychologie, Ethnologie, Hirnforschung und mehr. Grandioses Werk über den Prozess der Zivilisation, der die menschliche Gewalt in all ihren Formen tendenziell zurückgehen ließ, auch wenn sich mindestens eine Region der Erde ziemlich resistent dagegen zeigt.
Jonathan Wilson:
Revolutionen auf dem Rasen
Eine Geschichte der Fußballtaktik
Hört sich sperrig an, ist aber alles andere als das. Höchst informative, gut geschriebene und sehr unterhaltsame, mit Anekdoten gespickte Darstellung fußballerischer Entwicklungsgeschichte – vom zunächst recht planlosen Gekicke in der Frühzeit des Sports auf der britischen Insel über das legendäre und weltweit praktizierte WM-System bis zum formvollendeten Tiki Taka des FC Barcelona. Jedem Fußballfreund ebenso zu empfehlen wie jedem Ingnoranten, der meint, auf dem Rasen liefen doch nur 22 Personen einem Ball hinterher.
Simon Sebag Montefiore:
Jerusalem. Die Biographie
Packende Gesamtdarstellung der Geschichte der Heiligen Stadt aus der Feder des bekannten Stalin-Biographen. Und, ja: Der Autor ist tatsächlich ein Nachfahre des britischen Philanthropen Sir Moses Montefiore, der 1857 die Windmühle in Mishkenot Sha´ananim bauen ließ. Nicht nur ein Muss für jeden, der Jerusalem liebt; das Buch liefert unentbehrliches Faktenwissen, über das man unbedingt verfügen sollte, wenn man von einer selbstverständlichen Teilung Jerusalems schwadroniert.
George W. Bush:
Decision Points
GWB schildert entscheidende Momente seiner achtjährigen Präsidentschaft, reichert sie mit Hintergrundinformationen und privaten Histörchen an und legt dabei eine Fähigkeit zur Selbstkritik an den Tag, die man so manchem ihm in herzlicher Feindschaft verbundenen Redakteur wünschen würde. Vom SPIEGEL natürlich verrissen, aber das will nichts heißen, denn dass Bushs, Rumsfelds und Rices Darstellungen ihrer Amtszeit von den üblichen Verdächtigen in Bausch und Bogen abgekanzelt würden, ahnte man schon vorher.
Ian Kershaw:
Das Ende. Kampf bis in den Untergang -
NS-Deutschland 1944/45
Es scheint unglaublich, dass das weitgehend abgegraste Thema Zweiter Weltkrieg immer noch in weiteren Facetten ausgeleuchtet werden kann. Und keiner macht es besser als britische Historiker, die zu allem Überfluss auch noch glänzend schreiben können. Ian Kershaw erzählt, warum die Deutschen ,selbst als der Krieg längst verloren war, bis zum bitteren Ende durchhielten. Wissenschaftsprosa vom Feinsten.
Benny Morris:
One State, Two States
Resolving the Israel/Palestine Conflict
Bei Pro-Palästina-Aktivisten ist der Historiker längst unten durch, das spricht für ihn. In seinem kurzen (200 Seiten) aber knackigen Buch zeigt Morris auf, welche Ziele die jüdische und die arabische Nationalbewegung hatten und wie sie sich zur Zweistaatenlösung verhielten und verhalten. Nachdem die palästinensische Führung in dieser Hinsicht längst die Hosen heruntergelassen hat, schadet es nichts, sich mit der langen Tradition der kompromisslosen Ablehnung des Zionismus in der arabischen Welt vertraut zu machen. Morris ist pessimistisch, also realistisch, was eine Friedenslösung für Nahost angeht – und lässt den Leser ernüchtert zurück, wenn er´s nicht schon vorher war.
Russell Shorto:
New York – Insel in der Mitte der Welt
Hochinteressante Darstellung der Frühzeit New Yorks, als die Holländer die Kolonie Nieuw Nederland auf der Halbinsel Mannahatta gründeten und diesem Flecken Erde frühzeitig einen liberalen Hauch verpassten. Im Mittelpunkt des Werkes steht die Rivalität zwischen dem letzten Generaldirektor Pieter Stuyvesant und dem heute weitgehend vergessenen Adriaen van der Dock, der wohl als Erster eine Idee von einem neuen Amerika hatte. Shorto stützt sich dabei auf zeitgenössische Quellen, die erst verwertbar wurden, seit ein kauziger Experte für Altniederländisch viele tausend Seiten kaum lesbarer Aufzeichnungen aus dem frühen 17.Jahrhundert übersetzt hat. Tolle Lektüre.
Joachim Fest:
Ich nicht
Kann mich nicht einmal an ein halbes Dutzend Autobiographien erinnern, die mich derartig fasziniert haben wie die Erinnerungen Joachim Fests an seine Kindheit und Jugend. Eine untergegangene Welt, in der Jungs noch draußen herumtobten oder während einer Bahnfahrt freiwillig Heinrich Heine lasen. Mit diesem Buch setzt Fest seinem Vater ein Denkmal, einem Mann, der sich von seinem ersten Gehalt eine Goethe-Gesamtausgabe kaufte und der als überzeugter Konservativer auch ein überzeugter Nazigegner war – und die Konsequenzen trug, auch wenn er seiner Familie damit einiges zumutete. Dafür machte er seine Kinder immun gegen die perverse Ideologie der braunen Machthaber. Selten las ich ein persönliches Buch, das mich so beschäftigte.
Assaf Gavron:
Ein schönes Attentat
Irrwitziger Roman über einen Tel Aviver Yuppie, der auf dem Höhepunkt der Terror-Intifada drei mörderische Anschläge überlebt und damit eine gewisse Prominenz erlangt, die ihm einen weiteren Attentatsversuch einbringt. Parallel wird die Geschichte aus der Perspektive eines jungen Palästinensers erzählt, der den Israeli, der längst als Symbol für den Überlebenswillen seines Volkes steht, gerade deshalb endgültig aus dem Weg räumen will. Originell, schwarzhumorig, ziemlich verrückt.
Frederick Taylor:
Die Mauer
13. August 1961 bis 9. November 1989
Wer flockig geschriebene Bücher über deutsche Geschichte sucht, ist mit einem (schon wieder!) britischen Historiker meistens gut bedient. Taylor erzählt, was der Eiserne Vorhang für die Menschen bedeutete, die in seinem Schatten lebten. Sollte vor allem jenen auf den Nachttisch gelegt werden, die sich nach einer “kommoden Diktatur” zurückzusehnen scheinen.
