In Nordafrika fallen arabische Diktatoren und islamistische Gruppen schicken sich an, sie zu beerben. Die Türkei, selbst von einem abgedrehten Islamisten regiert, kuschelt mit radikalen Organisationen wie Hamas, neuerdings Bündnispartner der “gemäßigten” Fatah. Die Hisbollah ist im Libanon an der Regierung beteiligt. Und die Islamische Republik Iran droht Israel mit der Vernichtung. Alles halb so wild, meint ZEIT-Korrespondent Michael Thumann in seinem Buch “Der Islam-Irrtum”, der Westen hat einfach nicht den Durchblick. Aber er.
In der ZEIT Nr.6/2012, S. 15 schreibt Thumann nun über “Politik mit der Peitsche” und stellt dabei seine profunde “Kenntnis” des Nahen Ostens sowie seinen “scharfen analytischen Blick”, dem ihm andere Schönredner seines Schlages attestieren, eindrucksvoll unter Beweis. Ersatzweise sein eigenwilliges Weltbild, wie unser Gastautor Kai Seyffarth zeigt.
Nein, Michael Thumann ist kein Freund der offenen israelischen Gesellschaft, das wußten wir schon vorher. Aber konnte man bisher denken, dies läge ausschließlich an seinem Haß auf die Juden, die sich erfrechten, mitten in der islamisch-arabischen Welt einen Staat zu errichten und zu verteidigen, so zeigt sich nun, daß Herr Thumann ein generelles Problem mit der Demokratie hat: „Demokratisch gewählte Regierungen neigen aus Rücksicht auf Wählerstimmen dazu, Fundamentalisten zu dulden.“
Ja, das erklärt natürlich Thumanns fatale Neigung zu arabischen Despoten und Terroristen wie auch seine Wut auf Israel. Und auch wir begreifen endlich, wogegen wir uns so lange innerlich wehrten: Israel ist das Problem. Wegen der Demokratie.
Denn natürlich ist Israel die Wiege des Fundamentalismus, nicht das klerikal-faschistisch regierte Saudi-Arabien. Was auch aufs Deutlichste im aktuellen Erguß von Herrn Thumann zum Ausdruck kommt: 17 Zeilen seines Artikels braucht er, um die Unterdrückung von Frauen in Saudi-Arabien anzuprangern. Auf 19 Zeilen berichtet er – in schöner Ausgewogenheit – von hoffnungsvollen Zeichen der Besserung. Aber Saudi-Arabien kann unmöglich das Problem sein – wissen wir doch längst, daß die Juden an allem Übel der Welt, besonders aber an der Not der Araber schuld sind. Also werden flugs 45 Zeilen über die Unterdrückung der Frauen durch die „allmächtigen“ orthodoxen Juden in Israel eingefügt. Berichte über den Aufschrei in der israelischen Gesellschaft, die eindeutige Verurteilung der religiösen Fanatiker durch die gesamte Regierung und die meisten Rabbiner, die entschiedene Weigerung des Ministerpräsidenten, der versuchten Erpressung nachzugeben? – Fehlanzeige bei Herrn Thumann. Wie die meisten Feinde Israels schießt er sich auf eine fiktive Gestalt namens „Netanjahu“ (wahlweise auch „Lieberman“) ein, die mit der real existierenden Person nichts gemein hat.
Die von Herrn Thumann so geschätzten Diktaturen im Irak, in Ägypten, Tunesien und Libyen sind gefallen. (Nebenbemerkung: Der Zusammenhang zwischen ersten zaghaften Ansätzen von Demokratie und dem rasant ansteigenden islamistischen Fundamentalismus ist eine eigene Untersuchung wert. Es darf aber hier schon die These gewagt werden, daß nicht die Demokratie Ursache des Fundamentalismus ist, sondern die endemische Realitätsverweigerung unterentwickelter Gesellschaften.) Thumanns Freunde in Syrien, Jemen und Saudi-Arabien sitzen auf wackelnden Thronen. Die demokratische Gesellschaft in Israel dagegen entwickelt sich rasant, nicht zuletzt dank der Ärztinnen, Professorinnen, Richterinnen, Polizistinnen, Politikerinnen und – ja, auch – Soldatinnen und Offizierinnen. Pech für Herrn Thumann.
