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Rückblende: Zu Gast beim Reformer

Juni 12, 2012 von Claudio Casula

„Das syrische Regime hat die US-Medien lange mit Glanz, Glamour und Exklusivität geblendet“, schreibt Spiegel online. Assad habe sein Image in US-Medien mit einer PR-Agentur aufpolieren lassen.

Nun – in Deutschland hatte er das gewiss nicht nötig, die Medien hierzulande waren ja bis vor kurzem allzu beflissen, dem eiskalten Diktator in den Allerwertesten zu kriechen. Als Beispiel greifen wir uns einfach mal, nun: die SPIEGEL-Ausgabe 28/2001 heraus. Damals katzbuckelten Volkhard Windfuhr, Olaf Ihlau und Joachim Preuß in Damaskus vor dem vermeintlichen „Modernisierer und Wirtschaftsreformer“, der „in einer Volkswahl (97,29 Prozent Jastimmen) zum Staatschef gekürt“ worden war.

Unter der saftigen Schlagzeile „Scharon plant den Krieg“ (im Original ohne Anführungsstriche) erschien ein Interview, das denkwürdige Passagen wie diese enthält:

Assad: „Krieg ist mit dem Tatbestand einer Aggression verbunden. Scharons Besuch der Aksa-Moschee in Jerusalem war eine solche Aggression.“

Statt Assad darauf hinzuweisen, dass Scharon die Al-Aqsa-Moschee nie betreten hat, meinen die Besucher:

„Damals war Scharon noch nicht Regierungschef.“ Und liefern unmittelbar darauf noch die Steilvorlage: „Kann es sein, dass er heute als Premier den Frieden gar nicht will?“

Der Diktator greift den Ball dankbar auf: „Es liegt auf der Hand, dass Scharon und seine Regierung einen Krieg anstreben. Sie wollen die ganze Region in einen Konflikt stürzen.“

„Aber welchen Nutzen könnte Scharon denn aus einem Krieg ziehen?“, wollen die Stichwortlieferanten aus Hamburg wissen.

Und Assad sagt: „Das fragen wir uns auch.“

Keiner weiß es, aber einen Krieg anzetteln zu wollen, kann man dem israelischen Regierungschef ja schon mal, einfach so, unterstellen.

Bemerkenswert an dem Gespräch sind nicht Assads Aussagen („Mir geht es wie meinem Vater um die Wiederherstellung von Recht und Gerechtigkeit, die Voraussetzungen für einen echten Frieden. Darauf kommt es mir an“), der Apfel fällt nicht weit vom Pferd, und dass Diktatoren lügen, erkennt man daran, wenn sie den Mund aufmachen. Nein, bemerkenswert ist – von einigen halbgaren kritischen Fragen abgesehen – die devote Schleimerei der SPIEGEL-Reporter:

„Vielleicht muss ja der junge Präsident und Nachfolger eines großen Vaters zunächst einmal Härte demonstrieren und deshalb scharfmacherische Töne anschlagen?“

„Herr Präsident, wir würden gern mehr über Ihre Person wissen. Sie haben etwas über zwei Jahre in London gelebt und dort eine Ausbildung zum Augenarzt gemacht. Sie haben dort Ihre Frau, eine Bankenanalystin, kennen gelernt, aber auch westliches Gedankengut und westliche Gebräuche. Inwieweit wirkt sich das auf Ihre jetzige Funktion als Staatschef aus?“

„… jedenfalls verfügen Sie über einen ganz anderen Horizont an Erfahrungen, als er Ihrem Vater zur Verfügung stand.“

„Führt das hin und wieder nicht zu einer Situation, wo der Präsident gern eine schnellere Gangart einlegen möchte im Sinne sozialer Reformen, als der gesellschaftliche Entwicklungsstand es zulässt?“

„Was machen Sie, damit die Politik Sie nicht völlig auffrisst?“

Diese Empathie kann einem im Lichte der Ereignisse in Syrien nur noch obszön vorkommen. Kein Wunder, dass Despoten wie Assad auch gern deutsche Medien benutzen: Wer ohne jede Berechtigung als „Reformer“, „Modernisierer“ und „Hoffnungsträger“ vorgestellt wird, wem Journalisten derart willig wie die SPIEGEL-Männer aus der Hand fressen, der muss in der Tat keine PR-Agentur bemühen. Häme über die US-Medien ist in der Redaktion des Nachrichtenmagazins daher ganz gewiss nicht angebracht, eher schon schamhaftes Schweigen.

 

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