Vor ein paar Jahren haben wir uns an dieser Stelle schon einmal mit Helmut Schmidt beschäftigen müssen. Damals hatte der beliebteste Kanzler aller Zeiten sich geweigert, an gewissen menschenrechtswidrigen Praktiken des Regimes in Peking Kritik zu üben.
Jetzt geht er, wie die WELT berichtet, noch einen Schritt weiter: Der 93-jährige Elder Statesman, der u.a. bei TV-Auftritten gern damit punktet, Israel inakzeptables Verhalten bei der Bekämpfung des palästinensischen Terrorismus vorzuwerfen, sieht in dem vor 23 Jahren verübten Massaker auf dem “Platz des Himmlischen Friedens” eine Verteidigungsmaßnahme des chinesischen Militärs. Die allgemein kolportierte Zahl der Toten sei “weit übertrieben”. Außerdem dürften “politische Vorgänge in China (…) nicht nach europäischen Maßstäben beurteilt werden”.
So also läuft das mit der Kritik: Wer sich außerhalb des eigenen Wertekonsenses bewegt, wird gewissermaßen als immun betrachtet; dafür darf man sich, wenn einem nach Belehrungen zumute ist, an den Ländern, die sich auf derselben Umlaufbahn befinden wie man selbst, schadlos halten. Von den einen ist ja nichts anderes zu erwarten, und die anderen kriegen dann eben die volle Breitseite ab. Nur in solch einem Biotop, in dem alles als eine Soße gilt, vor allem Terror und Terrorbekämpfung, ist es möglich, dass, wie heute, im Kommentar einer großen Tageszeitung zu den tödlichen Angriffen eines fanatischen Mobs in verschiedenen Ländern des Orients westliche “Provokateure” und islamistische Mörder auf eine Stufe gestellt werden; schließlich seien die Extremisten auf beiden Seiten zu finden.
Nicht nur Helmut Schmidts moralische Kompassnadel dreht sich unkontrolliert im Kreis. Vor diesem Hintergrund scheint die allgemeine Bewunderung des Volkes für den Alt-Bundeskanzler schon wieder sehr einleuchtend.
