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Archiv für die Kategorie ‘Gastbeitrag’

Brandneue Schueftanismen

Dan Schueftan am 17. Februar 2014 in Berlin:

“Putin kann drei Obamas zum Frühstück essen und hat dann noch Platz für Pancakes.”

“Es ist eine Sache der Natur: Es ist kalt im Winter, warm im Sommer und Israel bekommt keine Anerkennung.”

“Das Problem der Amerikaner ist ihr terminaler Fall von Hoffnung: Wir müssen einen Bösen nur gut behandeln, dann hört er auf, böse zu sein.”

“Ich bin so arrogant, mich stört nicht, was andere sagen. Für mich zählt ,mind over matter´: if you don’t mind, it doesn’t matter.”

“Die Norweger wollten anti-amerikanisch sein, also haben sie Obama den Nobelpreis gegeben.”

“Obama ist ein guter Bursche, kein schlechter wie Jimmy Carter, er ist nur leider clueless, er weiß gar nichts von gar nichts.”

“Obama ist sehr konsequent, in dem Sinne perfekt: Wenn er etwas tun soll, tut er nichts. Wenn er nichts tun soll, tut er etwas. Aber ansonsten ist er ein netter Kerl.”

“Amerikas Feinde sind glücklich, Amerikas Freunde haben Angst. Mehr muss man über Obamas Außenpolitik nicht wissen.”

“Israel ist das kreativste Land der Welt, weil bei uns nichts funktioniert.”

“Gegen die Barbaren auf der Mavi Marmara haben wir zu wenig Gewalt eingesetzt. Die Soldaten benutzten nur Paint-Guns. Warum? Wollten sie den Terroristen sagen, dass sie gelb sind?”

“In Israel trifft man jemanden, man beleidigt ihn, dann wird geheiratet. Die Sache funktioniert!”

“Wenn man über Frieden im Nahen Osten spricht, muss man schon einen sehr speziellen Humor haben. Oder John Kerry sein.”

“Wer glaubt, dass es zwischen Israel und den Palästinensern Frieden geben wird, der lebt nicht auf einem anderen Stern, sondern in einer anderen Galaxie.”

 

Dank an eine liebe Freundin dieses Blogs!

 

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Die Ayatollahflüsterer

CDU/CSU und SPD haben angekündigt, in den nächsten vier Jahren eine Außenpolitik zu betreiben, die das Teheraner Regime „Vertrauen“ schöpfen lässt.

Von Stefan Frank

Deutschland ist keine Supermacht. Die Regierung muss nicht jedes Mal, wenn irgendwo auf der Welt ein Sack Bulgur umfällt, einen Kommentar abgeben. Wie schön, wenn sie das nicht täte. Wenn das Auswärtige Amt ein Ort des Schweigens wäre, statt bloß ein verschwiegenes Örtchen. Wenn im Koalitionsvertrag zwischen CDU/CSU und SPD kein Wort über Außenpolitik stünde, allerhöchstens der Satz: „Die Bundesregierung wird sich um etwaig entstehende, Deutschland betreffende Probleme im Ausland kümmern, so wie es die Lage erfordert.“ Das würde reichen. Schluss mit den Masterplänen, an denen die Welt genesen soll. Aber so bescheiden sind Politiker nicht; sie kennen die Zukunft und wissen, was gut für andere Völker ist. Da sie ihre Erlösungspläne in einen sogenannten „Koalitionsvertrag“ schreiben, sollte man sich den mal anschauen, um zu wissen, was droht.

Wichtige Impulse für eine humanere EU sucht man vergebens. Kein Wort dazu, wie Viviane Reding umweltverträglich entsorgt werden kann. Aber den Beziehungen zum Morgenland ist ein eigenes Kapitel gewidmet. Israel und Judäa/Samaria betreffend natürlich das bekannte Blabla: „Unser Ziel ist eine Zweistaaten-Lösung“. Was aber bedeutet das: „Das Existenzrecht und die Sicherheit Israels sind für uns nicht verhandelbar“? Das heißt doch, dass sich diese größenwahnsinnige Regierung eine zukünftige Konferenz vorstellen kann, bei der sie mit Israels Feinden über die Zukunft des Landes verhandelt – und sie es ist, die festlegt, was „verhandelbar“ ist und was nicht. Wie gütig, dass diesmal anders als im Falle der Tschechoslowakei 1938 nicht an die Einsetzung eines Reichsprotektors gedacht ist, sondern CDU/CSU und SPD beschlossen haben, dass Israel sein „Existenzrecht“ behalten darf! Da werden die Israelis erleichtert sein.

Wenige Zeilen tiefer heißt es dann Manege frei für die Ayatollahs: „Unser Ziel ist die Rückgewinnung des Iran als vertrauensvoller Partner auf der internationalen Bühne“. Vertrauensvoll also. Es ist von Bedeutung, dass hier nicht das Wort steht, das man erwarten würde: vertrauenswürdig. Der Iran soll nicht zu einem vertrauenswürdigen Partner werden – würdig unseres Vertrauens -, sondern zu einem vertrauensvollen, d.h. die Ayatollahs sollen Vertrauen haben. Das Vertrauen, dass Steinmeier ihnen nichts tut – wo sie doch so sensibel sind. Es handelt sich bei dem Wort um einen Fehlgriff, aber nicht um ein Versehen. Die Koalitionsdealer haben mit Absicht nicht „vertrauenswürdig“, sondern „vertrauensvoll“ geschrieben.

Wenn die neue Bundesregierung will, dass die Mord- und Totschlagayatollahs „vertrauensvoll“ werden, dann verharmlost sie das Regime nicht nur, sondern fördert eine – geradezu rassistische – Denkweise, die Islamisten oder Moslems im Allgemeinen nicht als Menschen betrachtet, sondern als ängstliche Tiere, die man streicheln müsse, damit sie einen nicht angreifen – und die man keinesfalls „provozieren“ dürfe (jede Art der Kritik ist für sie ein rotes Tuch). Eine Übertreibung? Oh nein. Das hier steht auf der Seite www.ausgeglichenerhund.de:

„Möchten Sie Ihren Hund als motivierten Partner kennen lernen? Möchten Sie, dass er gerne auf Ihre Signale reagiert, Sie respektiert und Ihnen vertrauensvoll folgt?“

Ersetzen Sie bitte „Ihren Hund“ durch „Iran“, und Sie haben die Grundzüge deutscher Außenpolitik. Auf der Website eines polnischen Zoos ist zu lesen:

„Ein bedrohter Ayatollah spuckt seinen Gegner an. Um das zu vermeiden, sollte man seine Stimmung beobachten, die man unter anderem an der Stellung der Ohren ablesen kann: nach vorne gestellte Ohren zeigen Neugier an, gespitzte Ohren Wachsamkeit und nach hinten gestellte Ohren sollten Sie davor warnen, dass der Ayatollah sie gleich anspucken kann.“

Ich habe geflunkert, in Wahrheit ist von Lamas die Rede. Die Parallelen sind nicht zu leugnen. Es wird so getan, als ginge es bei Khamenei und seinen Komplizen nicht um Menschen, die mit grausamen Mitteln verbrecherische Ziele verfolgen, sondern um harmlose Fluchttiere, die man zutraulich machen und domestizieren könne.

Der beliebte Sozialdemokrat Rolf Mützenich hat angeregt, dass Abgeordnete des Bundestages wedelnd „auf iranische Parlamentarier zugehen“ sollten, um sie von “der wichtigen Initiative“ (Genf) „zu überzeugen”. Hat ihm noch keiner gesagt, dass der Iran keine Demokratie ist und die iranischen Parlamentarier keine Demokraten? Ebenso könnte Mützenich versuchen, mit Teherans Mutantenratten ins Geschäft zu kommen. Die sind sogar wesentlich vertrauenswürdiger: Anders als die Teheraner Parlamentarier haben die Mutantenratten kein Gesetz verabschiedet, das den Abfall vom Glauben mit dem Tod bestraft.

Jede Regierung der Welt muss sich entscheiden, ob sie sich auf die Seite der um ihre Freiheit kämpfenden iranischen Bevölkerung stellt („Hardliner“, pflegen Journalisten solche Käuze zu nennen; wie die Steinkäuze gehören sie zu einer bedrohten Art) oder auf die des Ayatollahregimes. Die künftige Bundesregierung hat eine schlechte Wahl getroffen. Das Wort „Freiheit“ fällt im Koalitionsvertrag nicht weniger als 49mal – aber nicht im Zusammenhang mit dem Iran.

 

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The Man Who Changed His Mind

Wie Israel die Kontrolle über den islamistischen TV-Prediger Scheich
Al-Qaradawi übernommen hat. Eine Geschichte in Arabesken.

Von Stefan Frank

Ägypten ist nach einem Jahr Herrschaft des revolutionären Dschihadismus in das Lager des konservativen Islamismus zurückgekehrt. Einige Personen des öffentlichen Lebens wurden von diesem Umschwung überrascht und stehen nun mit heruntergelassenen Hosen da, bildlich gesprochen. Zu ihnen gehört der Schauspieler Hassan Youssef, eine Berühmtheit, wie sie in Deutschland nicht ihresgleichen findet: Zwischen 1959 und 1987 wirkte er in nicht weniger als 120 ägyptischen Filmen mit und spielte darin meist einen Playboy, eine Art arabischen James Bond. Seine Frau, die Schauspielerin Shams al-Baroudi, galt in den siebziger Jahren als die schönste Frau des ägyptischen Films. 1982 aber machte das Paar eine Umra, auch kleine Hadsch genannt; das ist eine Pilgerreise nach Mekka außerhalb der Hochsaison. Von da an wurden die beiden wunderlich. Frau Baroudi fing an, den Niqab zu tragen, und gab plötzlich nur noch Religiöses von sich. Sie trat nicht mehr in Filmen auf und nannte ihre Zeit auf der Leinwand Jahiliyyah – so heißt im Koran der Zustand des Unglaubens (vor der Ankunft des Islam). 1987 beendete auch Youssef seine weltliche Kunst. Er hatte eine Geschäftsidee; er gründete eine Produktionsfirma, und da er jetzt ein Pilger war, kam er leicht an saudisches Geld. Seine Firma dreht ausschließlich Filme, die nicht unsittlich sind, also glorifizierende Seifenopern über das Leben und Reden berühmter Scheichs.

Dieser Mann wurde kürzlich in einer Livesendung des ägyptischen Fernsehens gefragt, wie einer seiner besten Freunde es hatte wagen können zu behaupten, die ägyptische Armee benehme sich schlimmer als Israel. Der das sagte, ist niemand Geringerer als ebenjener Al-Qaradawi, der die Ermordung von Israelis, Homosexuellen und Apostaten billigt, Hitler preist und einige der wichtigsten zeitgenössischen Moralhandbücher der islamischen Welt geschrieben hat. Ein Mann, der in Ägypten hochangesehen war – bis er jenen Satz über die ägyptische Armee gesagt hat. Ist Youssef aus dieser Situation lebend herausgekommen? Seine Chancen standen schlecht, denn was hätte er groß antworten sollen? „Qaradawi hat recht“? Das wäre sein Todesurteil. „Qaradawi ist ein Idiot“? Das würde ja bedeuten, dass einer der wichtigsten spirituellen Führer (so nennt man das wohl) der islamischen Welt ein Idiot wäre. Da Youssef ein gebildeter Mensch ist, fiel ihm Ockhams Rasiermesser ein: Von mehreren möglichen Erklärungen desselben Sachverhalts ist die einfachste Theorie allen anderen vorzuziehen. Die lautet in diesem Fall: Israel hat einen Chip in Qaradawis Hirn implantiert und steuert ihn jetzt wie eine Drohne.

Das Gespräch, das von MEMRI ins Englische übersetzt wurde, verlief so:

 

Hassan Youssef: Der Al-Qaradawi, den ich kenne, ist tot. Israel ist zu allem fähig. Das ist ein Double, nicht er.

Moderator: Ich mag es, wenn Sie Kinosprache benutzen. Ein Double ist jemand, der anstelle des richtigen Helden Schläge einsteckt…

Hassan Youssef: Ich bin böse auf ihn – wenn er es wirklich ist. Aber ich bin auch sehr wütend darüber, dass er auf allen TV-Sendern beschimpft wird. Man wird wütend, wenn ein Freund beleidigt wird. [...] Scheich Al-Qaradawi ist sehr moderat, kein Extremist. Darum kann ich meinen Ohren nicht trauen.

Moderator: Er hat Sie schockiert. Wenn Sie sagen, dass der Al-Qaradawi, den Sie kennen, tot ist, und sogar argwöhnen, dass Israel einen Chip in sein Gehirn gepflanzt hat – was eine metaphorische Art ist zu sagen, dass es Kontrolle über seinen Verstand übernommen hat…

Hassan Youssef: Es ist keine Metapher. Lassen Sie mich ein Beispiel geben. König Faisals Neffe, der ihn ermordet hat… König Faisal war ein großer Monarch, der an Ägyptens Seite stand im Krieg von 1973 und einer der Hauptgründe für Israels Niederlage war. Er sagte [zum Westen]: „Wir sind an das Leben in der Wüste gewöhnt. Wir haben kein Problem damit, in Zelten zu wohnen, Ziegenmilch zu trinken und Datteln zu essen. Wir wollen nichts von euch. Nehmt nicht unser Öl. Tschüss.” Wie kann jemand seinen eigenen Onkel umbringen?
(Anmerkung: Der fromme Mann kennt sich in islamischer Geschichte doch nicht gut aus, anderenfalls wüsste er, dass es in muslimischen Herrscherdynastien ganz normal ist, dass Verwandte einander umbringen, insbesondere Neffen ihre Onkel.)
Wie kann jemand seinen eigenen Onkel töten? Er traf im Ausland eine jüdische Frau und verliebte sich in sie. Sie nahm ihn mit nach Israel, wo sie ihn operierten und einen Chip in sein Gehirn implantierten, mit dem sie ihn fernsteuerten, bis er seinen Onkel tötete.

Moderator: Ich fürchte, viele Leute haben heutzutage Chips in ihren Hirnen [...] Es scheint [nach Al-Qaradawis Aussagen] so, dass die Geschichte über den israelischen Chip wahr ist…

Hassan Youssef: Das war nicht Dr. Al-Qaradawi. Was wir gerade gehört haben, kann nicht von dem Scheich Al-Qaradawi gesagt worden sein, den ich kenne. Die Stimme wurde darübergelegt. Sogar seine Gesichtszüge haben sich verändert, seit ich ihn bei unserem gemeinsamen Gebet in Doha gesehen habe. Er ist verändert. Dies sind nicht die Züge von Dr. Al-Qaradawi.

Moderator: Aber er ist es, der diese Sachen sagt, und Sie sagen, als Metapher, das ist nicht der echte Scheich Al-Qaradawi.

Hassan Youssef: Ich kann nicht glauben, dass Dr. Al-Qaradawi Lügen erzählen würde. [...] Bis auf den heutigen Tag respektiere, ehre und verehre ich den Scheich Al-Qaradawi, den ich kannte, und küsse seine Hände und Füße.

Moderator: Aber wenn Sie den Al-Qaradawi der letzten Tage sehen – Sie sagen, er sei tot.

Hassan Youssef: Ich wasche meine Hände, nachdem ich ihn berührt habe. Al-Qaradawi ist tot. Die Stimme wurde drübergelegt.

Moderator: Nein, das ist schon seine richtige Stimme…

Hassan Youssef: Ist es denkbar, dass Al-Qaradawi lügen würde?! [...]

Moderator: Was ist also mit ihm passiert?

Hassan Youssef: Es ist ein Double. Oder ein Chip. Es gibt keine andere Erklärung. Aber ich empfehle seinen Söhnen, die ich sehr gut kenne, ihn entmündigen zu lassen, wenn eine Erkrankung zugrunde liegt. [...] Scheich Jussuf Al-Qaradawi wird von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang beschimpft und gedemütigt, auf allen [arabischen] Fernsehsendern, mit Ausnahme von Al-Jazeera natürlich. Seine Söhne sollten das nicht weiter mitansehen.

Moderator: Sie sagen also, wenn es sich um eine Krankheit handelt, sollten sie ihn für unzurechnungsfähig erklären.

Hassan Youssef: Ja, sie sollten ihn daran hindern, aufzutreten und solche Sachen zu sagen.

 

Halten wir fest: Israel hat einem Double Qaradawis einen Chip implantiert, dann ein Interview mit ihm geführt und falsch synchronisiert; Youssef wird sich ab sofort die Hände waschen, nachdem er Qaradawi die Füße geküsst hat, und Qaradawis Söhne haben viel Papierkram vor sich; wäre es in arabischen Ländern nicht eigentlich einfacher, wenn man beantragen müsste, als zurechnungsfähig eingestuft zu werden, und bis dahin von Haus aus erst einmal das Gegenteil angenommen würde?

Seit den Zeiten von Tausendundeiner Nacht hat der Orient nichts von seiner Faszination eingebüßt. Zu den schönsten neueren Scheherazaden gehört die über die Zugvögel, die für Israel spionieren, die Haie, die von Israel dazu dressiert wurden, Badegäste an der ägyptischen Küste zu fressen, oder die, die der Leibarzt Jassir Arafats zum Besten gegeben hat: Der aidskranke Terrorfürst sei gar nicht an seiner Krankheit gestorben, sondern jemand habe ihm – nach seinem bekannten jahrelangen Siechtum – HIV injiziert und ihn dann auch noch vergiftet.

Oder Israels angebliche Versuche, die Al-Aqsa-Moschee mit Tunneln, Chemikalien oder gar einem künstlichen Erdbeben zum Einsturz bringen.

Was soll man dazu sagen? Israel ist Opfer eines Weltkriegs der Wahnsinnigen. Er spielt sich auch hier ab. Weit über 150 Millionen Antisemiten gibt es in der EU, hat der Antisemitismusforscher Manfred Gerstenfeld auf der Basis der von der Friedrich-Ebert-Stiftung initiierten Bielefelder Studie von 2011 und den Bevölkerungsziffern der entsprechenden Länder ausgerechnet (siehe dazu Gerstenfelds gerade erschienenes Buch Demonizing Israel and the Jews).

Wer, wie 48 Prozent der Deutschen, glauben will, dass Israel einen Vernichtungskrieg gegen die Palästinenser führt, der würde auch alles über die Juden, ihre Pläne und Methoden schlucken, was Hassan Youssef ihm auftischt. Wer weiß, vielleicht sieht man ihn schon bald auf Arte oder in der 3-Sat-„Kulturzeit“.

 

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Gaddafis Mann in New York

Von Stefan Frank

 

Jean Ziegler ist heute zum Berater des UN-Menschenrechtsrats gewählt worden. Dafür bringt er die richtigen Qualifikationen mit.

 

Es gibt in Deutschland einen sozialdemokratischen Kommunalpolitiker, dessen Name in der Lokalzeitung, die von Zeit zu Zeit über sein kommunalpolitisches Wirken berichtet, immer mitsamt seinem Doktortitel genannt wird. Den hat ihm die Carl-von-Ossietzky-Universität Oldenburg verliehen, für seine bahnbrechenden Forschungsergebnisse, die er erzielt hat bei der „Untersuchung der Dritten Universaltheorie in Libyen im Hinblick auf die ihr inhärente Menschenrechtstheorie“. So der Titel seiner Doktorarbeit. Nicht nur in Tripolis, sondern auch in Deutschland gab es also einmal ein Zentrum zur Erforschung des Grünen Buches. Ich weiß nicht, ob die Angelegenheit dem Gaddafi-Doktor oder den Soziologieprofessoren, die ihn ausgezeichnet haben, heute peinlich ist. Ganz sicher wäre sie es nicht, wenn Gaddafi nicht gegen Ende seiner Legislaturperiode solch heftiger Kritik ausgesetzt gewesen wäre. So aber lässt sich einfach nicht leugnen, dass die Dritte Universaltheorie heute nicht mehr sehr viele Verfechter hat und wohl nur noch von wenigen studiert wird.

Das ist eigentlich schade, denn wie viele Menschen gibt es schon, denen das Kunststück gelingt, sich als Intellektuelle und als Sexmonster einen Namen zu machen? Außerhalb Frankreichs, meine ich. Gaddafi war so einer. Morgens ließ er sich Männer, Frauen und Kinder schicken, die er hatte entführen lassen. Er „prügelte sie, vergewaltigte sie, urinierte auf sie“, wie es in einer Rezension von Annick Cojeans Reportage Niemand hört mein Schreien. Gefangen im Palast Gaddafis heißt. Nach dem Vergewaltigen und Urinieren empfing er dann wahrscheinlich Jean Ziegler. „Ich war einer von den Intellektuellen, die er oft eingeladen hat“, erzählt Ziegler. Gaddafi sei ein „blitzgescheiter, argumentativer, analytisch begabter Mensch” gewesen. Er habe „perfekt Englisch“ gesprochen, „viel gelesen“ und sei “ein absolut brillanter Redner” gewesen. „Das weiß jeder, der ihn bei den Revolutionsfeierlichkeiten auf dem Grünen Platz erlebt hat. Er hat die Menge gespürt, intuitiv begeistert.”

Gaddafi brauchte Ziegler nicht zu vergewaltigen, die beiden waren von Anfang an auf einer Wellenlänge. Ziegler mag bekanntlich keine demokratischen Regierungen. Gaddafi hatte keine demokratischen Anwandlungen. Ziegler schätzt antisemitische Diktatoren wie Gamal Abdel Nasser. Gaddafis Putsch vom 1. September 1969 war antisemitisch motiviert: Knapp zwei Wochen nach dem Feuer in der Jerusalemer Al-Aqsa-Moschee, für das Gaddafi die Juden verantwortlich machte, wollte er an die Macht, um einen Krieg gegen Israel vorzubereiten. Seine erste Amtshandlung: die Vertreibung der verbliebenen libyschen Juden und die Beschlagnahmung ihres Besitzes. Gaddafi wurde als Mäzen des internationalen Terrorismus berühmt, hat Anschläge auf Flughäfen und Passagierflugzeuge organisiert und wahrscheinlich 1972 das Massaker von München finanziert. Ziegler hat Terroristen gern, am liebsten die Hisbollah. Und wie Ziegler, der „rechte jüdische Gruppen“ dafür verantwortlich machte, dass er immer wieder auf seine Verbindung zu Gaddafi angesprochen wurde, sah auch Gaddafi eine unheimliche jüdische Macht am Werk:

Die Wirtschaftskrise, die die Welt 1929 getroffen hat und die, die sich seit zwei oder drei Jahren abspielt, sind beide auf die Ausweitung des zionistischen Einflusses auf alles, was mit Wirtschaft zu tun hat, zurückzuführen… Statistiken bestätigen diese jüdische Herrschaft… Nach 1929 haben die Zionisten versucht, ihre Hand auf Deutschland zu legen. Aber man muss sagen, weil es die Wahrheit ist, dass Hitler – dessen schreckliche Massaker wir verurteilen – ihre Absichten durchschaut hat. Nach ihrem Fehlschlag in Deutschland haben die Zionisten ihre Pläne auf die Vereinigten Staaten gerichtet. Sie werden dieses Land dazu zwingen, in einen Atomkrieg einzutreten, dessen Opfer das amerikanische Volk sein wird.

Das klingt nach Ziegler, ist aber ein Zitat aus einem Gespräch, das Gaddafi Anfang der 80er-Jahre mit Reportern geführt hat. Man kann sich vorstellen, wie die „Diskussionen“ mit Gaddafi, zu denen Ziegler nach eigenem Bekunden ein- bis zweimal im Jahr nach Tripolis reiste, verlaufen sind. Eines schönen Tages im Jahr 1989 dann, als Gaddafi nicht wusste, wie er die Zeit totschlagen sollte – das Vergewaltigen und Foltern hatte ihn müde gemacht, der Krieg gegen das Nachbarland Tschad lief schlecht, und auch der so erfolgreiche Lockerbie-Anschlag lag schon etliche Wochen zurück -, trat er an Ziegler heran und fragte: „Jean, ich möchte ab sofort einmal im Jahr einen Gaddafi-Preis für Menschenrechte vergeben, was hältst du davon?“ Ziegler war Feuer und Flamme und stellte den neuen Nobelpreis der Schweizer Öffentlichkeit vor. Er wurde hinfort an verdiente Antisemiten vergeben, wie etwa Louis Farrakhan, Hugo Chavez oder den malaysischen Premierminister Mahathir Mohamad („Die Juden müssen von Zeit zu Zeit massakriert werden“). 2002 teilte sich der Holocaustleugner Roger Garaudy den Preis mit: Jean Ziegler.

Wohl aus falscher Bescheidenheit heraus hat Ziegler dies Reportern gegenüber jahrelang bestritten. Erst als die in Genf ansässige Organisation UN Watch Ende September ein Video der Preisverleihungszeremonie veröffentlichte, bekannte Ziegler: Ja, er hat den Gaddafi-Preis für Menschenrechte 2002 erhalten.

Soeben ist der Preisträger auf Vorschlag der Schweizer Regierung in den Beratenden Ausschuss des UN-Menschenrechtsrates gewählt worden.

Ein Leben voller Erfolge! Aber nicht alle sind von Ziegler überzeugt. Wie ebenfalls durch UN Watch bekannt wurde, das zeigen WikiLeaks-Dokumente, drängte James Morris, der Direktor des UN-Welternährungsprogramms WFP, den damaligen UN-Generalsekretär Kofi Annan im November 2002, Ziegler seines Postens als Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung, welchen dieser damals innehatte, zu entheben. Ziegler hat das Amt nämlich nicht nur für sein Steckenpferd benutzt – Hass auf Israel zu schüren (die Juden würden die Palästinenser aushungern) -, sondern er hat tatkräftig dazu beigetragen, das Los der Hungernden härter zu machen. Er hat die Regierungen in Ländern des südlichen Afrikas, die von Dürren betroffen waren, dazu aufgestachelt, Nahrungsmittelhilfen aus dem Ausland abzulehnen, wenn nicht klar sei, ob nicht auch genveränderter Weizen, Soja oder Mais darunter sei.

Morris schreibt: „Die aufhetzende Politik, die von Mr. Ziegler betrieben wird, hat einen negativen Effekt auf das Leben der Hungernden“; Zieglers Berichte zeigten einen „ernsthaften Mangel an ökonomischem Verstand und Kenntnis der Details der Lebensmittelsituation in den Gebieten, die er im Auftrag des Hochkommissars untersucht“; „glaubt Mr. Ziegler, dass seine wiederholten Tiraden gegen die Bretton-Woods-Organisationen und die multinationalen Unternehmen diese dazu animieren werden, mit den Vereinten Nationen bei der Förderung des Rechts auf Nahrung zusammenzuarbeiten?“; „mit Nahrungshilfe Politik zu betreiben, ist zutiefst unmoralisch“; „dies ist nicht die erste verstörende Verlautbarung Mr. Zieglers, die es dem WFP schwerer statt leichter macht, den Hungernden in Notsituationen zu helfen“.

Der Titel von Zieglers Buch „Wir lassen sie verhungern“ ist also berechtigt, das „Wir“ ist in diesem Fall Pluralis Majestatis. Als es darum ging, Lebensmittel in Gebiete zu schicken, in denen Menschen hungern, hat Ziegler nicht versucht, diese Aufgabe möglichst effektiv zu erfüllen, um möglichst viele Menschenleben zu retten, sondern hat sich allein von seinem Narzissmus und seinem blinden Hass leiten lassen. Zieglers einzige Qualifikation besteht darin, Heiligenscheine für Diktatoren anzufertigen. Als Berater des UN-Menschenrechtsrats, dem eigens für diesen Zweck geschaffenen Gremium, ist er darum der richtige Mann am richtigen Platz.

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Stefan Frank ist freier Journalist. Auf seiner Homepage ist eine Auswahl seiner Texte und Interviews zu finden.

 

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Frieden für den Golan

Über den Golan schreiben viele Leute, die ihn noch nie gesehen haben.
Und sie haben auch gleich feste Ansichten zur Hand. Dass “die Besetzung
durch Israel” völkerrechtswidrig sei, zum Beispiel, und dass der Höhenzug
unbedingt “an Syrien zurückgegeben” werden muss, damit Friede werde
im Nahen Osten. Vermutlich schlachtet der Diktator in Damaskus gerade
sein Volk ab, weil er sich über den Verlust der Golan-Höhen wahnsinnig
gegrämt hat? (Allerdings war er erst zwei Jahre alt, als die ruhmreiche
syrische Armee die Beschießung israelischer Dörfer vom Golan aus unfreiwillig einstellen musste.)

Unser Gastautor Kai Seyffarth fährt und wandert seit 21 Jahren regelmäßig
über den Golan; es hat ihn eine tiefe Liebe zu dieser Landschaft ergriffen.
Angeregt von der politischen Parole der Golan-Bewohner und ihrer
Unterstützer in Israel – HaAm im HaGolan, Das Volk ist mit dem Golan -
entwickelte er vor langer Zeit seine eigene griffige Formel: Sh’lom im
HaGolan.

 

Frieden für den Golan

Kai Seyffarth, 26. Mai 2012

 

Yael hat ein köstliches Frühstück gezaubert an diesem frühen Samstag morgen. Auf meine Nachfrage erklärt sie die Bilder an der Wand: Wie sie 1963 zum Militärdienst hierher an die syrische Grenze kam. Wie nach der Gründung des Moshav primitive Blockhütten gebaut wurden, mitten in die Einöde. Wie drei junge Frauen in kurzen Hosen die ersten Bäume pflanzten.
Yael ist die Herbergsmutter des Gästehauses „Sea of Galilee“ im Moshav Almagor oberhalb des Kinnereth. Von ihrem Garten aus bietet sich ein überwältigender Blick auf den See; links liegen die steilen Hänge des südlichen Golan. Es ist der zweite Morgen meiner Reise, und ich freue mich auf einen Tag, der mir allein gehört.
Mein erstes Ziel ist die Festung Nimrod ganz im Nordosten. Nachdem ich den Jordan überquert habe, biege ich auf die Straße 888 ab, eine meiner Lieblingsstrecken. Das Dorf Had Nes bleibt am Wege liegen mit seiner Weinkellerei, die heute leider geschlossen ist.
Dann kommen lange nur Einsamkeit und Weite. Ein einzelner Traktor zieht seine Bahn über die Felder. Apfelplantagen und Weinberge wechseln sich ab. Kühe liegen im Schatten großer Eukalyptusbäume. Erstaunlich viele Pferde gibt es neuerdings. Ein Weißstorch landet neben der Straße. Radrennfahrer in ihren leuchtenden Trikots kommen mir entgegen. Die sind hart im Nehmen, denke ich, bei dieser Hitze!

Heute ist mir nicht nach Politik zumute – ich beschließe, nicht am Tal der Tränen vorbeizufahren, wo Avigdor Kahalani mit seinem Bataillon im Oktober 1973 die syrische Panzerarmee zum Stehen brachte. Aber die Geschichte läßt sich nicht verdrängen, wenn man auf dem Golan unterwegs ist. Gelegentlich sehe ich Ruinen syrischer Militärposten. Hartnäckig hält sich die linke Legende, wonach die Israelis im Sechstagekrieg 100,000, ja sogar 200,000 Einwohner vom Golan vertrieben hätten. Selbst nach syrischen Angaben lag die Bevölkerungszahl weit unter 100,000. Die Mehrzahl von ihnen waren dort stationierte Soldaten, wie man an der häßlichen Beton-Kasernen-Architektur unschwer erkennen kann – die Bauten der ursprünglichen Bewohner bestanden aus groben schwarzen Basaltsteinen. Und außerdem gehörte zu der Gesamtzahl auch die Einwohnerschaft der Stadt Kuneitra, die nach dem Waffenstillstandsvertrag auf syrischer Seite liegt, aus Propagandagründen jedoch bis heute eine Ruinenstadt geblieben ist.

 

Am Fuße des Avital mache ich eine Pause. Der schneebedeckte Hermon ist von hier gut zu sehen. Zu meinen Füßen breitet sich sanft die Hochebene aus. Irgendwo da vorn ist schon Syrien. Es sieht ruhig aus, nichts deutet darauf hin, daß ein blutiger Schlächter gerade wieder einmal dabei ist, die undankbare Bevölkerung seines Landes zu dezimieren. Aber so war es schon immer: Wer Augen und Ohren verschloß, fuhr als Tourist nach Syrien und kam begeistert zurück. Folterkeller und Todeszellen gehören nicht zum Programm von Biblisch-Reisen. Ahmed, der Studienfreund meines Vaters, verschwand in den 80er Jahren spurlos. Und auf welcher Seite mag Nabil heute stehen, mit dem ich das Zimmer im Studentenwohnheim teilte?

Ich nähere mich Mas’ada und erkenne den Ort kaum wieder. Die Hauptstraße wurde zum Boulevard mit vielen neuen Häusern, Geschäften und Cafes. Autos parken davor in zwei Reihen. Ein Pferd steht ungerührt auf der Straße und frißt die Blumen vom Mittelstreifen. Bei der Ausfahrt grüßt ein großes Schild in drei Sprachen „Go in Peace“.
Die Landschaft wird belebter; Kinder spielen am Straßenrand, drusische Familien ziehen zur Ernte in ihre Kirschplantagen. Ich halte an und kaufe zwei Schalen Süßkirschen für Yael.

Es wollte mir nie in den Kopf, daß die linken Aktivisten glaubten, Frieden im Nahen Osten sei möglich und wahrscheinlich, sobald nur der Golan an die syrische Soldateska ausgeliefert sei. Was wäre das für ein Frieden, für den man Tausende Bauernfamilien entwurzelt? Denn von den 40,000 Bewohnern des Golan (etwa zu gleicher Zahl Drusen und Juden) – Menschen, die in Freiheit aufgewachsen sind! – wollte und könnte niemand mehr dort wohnen und seine Felder bestellen, wenn die syrische Armee und Geheimpolizei einrückte. Das war vor zwanzig oder dreißig Jahren unter dem Mörder Assad senior nicht anders als heute, nur wollte es damals außerhalb Israels niemand wissen. Im Herbst 1993, als die Welt euphorisiert war über die Verträge von Oslo, hingen überall in Israel Bettlaken aus den Fenstern: „HaAm im HaGolan“ – Das Volk ist mit dem Golan. Auf einem kahlen Hügel trafen wir eine Gruppe junger Leute mit ihren Wohncontainern, verrückte Zeloten. Avigdor Kahalani gründete die Partei „Dritter Weg“, die in allen Punkten mit der Arbeitspartei von Itzchak Rabin und Shimon Peres übereinstimmte – nur darin nicht, den Golan aufzugeben. Zu jener Zeit gewöhnte ich mir an, meine Beiträge in Foren über den Nahen Osten mit „Sh’lom im HaGolan“ zu unterschreiben. Frieden mit dem Golan, oder auch sinngemäß: Frieden für den Golan. Es erhob sich lautes Geschrei; Leute beschwerten sich, wie man ihnen zumuten könne, mit so einem Hardliner überhaupt zu diskutieren. Aber die Fragen sind bis heute unbeantwortet: Wie stellen wir uns den Frieden praktisch vor? Wem gehört das Land?

 

Die Straße führt durch den Moshav Neve Ativ, am Ein- und Ausgang gesichert durch schwere Eisentore. Den Hermon habe ich jetzt im Rücken. Die Festung Nimrod liegt vor mir, dahinter das Hula-Tal. Man begreift mit den Sinnen, daß es nahe lag, dort eine Festung zu bauen – und warum es für die syrische Artillerie so leicht war, von hier aus die israelischen Dörfer und Felder im Tal zu beschießen.

Ich will nicht mit dem Auto bis zum Burghügel fahren, sondern parke am Nebi Hazori, dem Grab eines drusischen Scheichs. Ich weiß nicht, was sich dort verbirgt, man könnte es besichtigen, aber heute scheint ein besonderer Feiertag zu sein. Viele Menschen strömen hinein, die Männer in traditioneller Festtagskleidung, Kinder spielen im Garten. Ich wende mich nach rechts, wie mein treuer Reisebegleiter, das Büchlein „Hiking in Israel“ mir empfiehlt. Bald habe ich die Straße und die Menschen hinter mir gelassen und tauche ein in die typische Natur des Golan: ein tief eingeschnittenes Tal, Nachal Hazori. An den Hängen stehen einzelne niedrige Bäume. Beherrscht wird das Bild vom golden leuchtenden hohen Gras, schon vertrocknet zu dieser Jahreszeit. Aber dazwischen eine Explosion von Blumen und Farben. Die Talkerbe, durch die in regenreichen Wintern das Wasser hinunterschießt und große Felsbrocken rund schleift, ist überwölbt von einem gewaltigen Oleander-Urwald. Jetzt ist die Blütezeit, ein Meer von zartrosa Blüten umgibt mich. Der märchenhafte Duft aber stammt nicht vom Oleander, sondern von den Feigenbäumen. Nach diesem Geruch hatte ich mich gesehnt!
Eidechsen huschen über die Steine, Vögel zwitschern; die erste halbe Stunde bin ich allein unterwegs. Dann überhole ich einige Familien. Die Väter haben ihre Jüngsten in Rückentragen; die anderen Kinder reicht man sich an schwierigen Stellen zu. Denn das Klettern über die großen Steine ist nicht immer einfach, verlangt Aufmerksamkeit. Nachdem ich eine Weile abgestiegen bin, bietet sich in einer Kurve der Blick auf die Festung Nimrod. O je, so weit oben. Der Aufstieg führt durch einen lichten Olivenhain. Die Sonne hat mittlerweile Kraft gewonnen; einigermaßen verschwitzt komme ich am Eingang der Festung an.

In den vergangenen Jahren haben die Archäologen hier viel ausgegraben und vor allem hervorragend rekonstruiert. Die Bilder auf Postkarten und in Reiseführern sind hoffnungslos veraltet und geben die Wirklichkeit nicht annähernd wieder. Dabei hat sich auch herausgestellt, daß die Festung nicht, wie bislang angenommen, von den Kreuzfahrern erbaut wurde, sondern 1227 von den Ayyubiden, 40 Jahre nachdem Saladin die Kreuzritter an den Hörnern von Hittin vernichtend schlug.

 

Die Besichtigung beginnt am westlichen Ende des Burgberges; hier ist die Freile-gung am weitesten fortgeschritten. Herrliche Säle, kunstvolle Fenstereinfassungen, Säulen und Gewölbe, steile Felstreppen, geheime Gänge und Maueröffnungen, Terrassen und Aussichtsplattformen wechseln einander ab. Romantisch ist der Einstieg in die gemauerte Zisterne, deren halbes Dach eingestürzt ist.

 

Der Donjon, die innere Burg, liegt erhöht am östlichen Rand, der Weg dorthin führt unter schattenspendenden Bäumen entlang. Hier oben hat man eine phantastische Fernsicht. Archäologisch ist dieser Teil noch weitgehend unerschlossen; wir dürfen uns auf die Ergebnisse der kommenden Jahre freuen.

Ich könnte nun auf dem gleichen Weg zurückkehren, entscheide mich aber für den Serpentinenpfad am Osthang. Wiederum führt mich ein versteckter Gang zu einer Nebenpforte, diese ist nur knapp einen Meter hoch. Auf allen vieren krieche ich hindurch.
Zurück an der Straße, ignoriere ich den Rat meines Reiseführers („von hier können Sie in zwanzig Minuten bergauf joggen“) und strecke den Daumen raus. Zwei bildhübsche junge Frauen halten kichernd an. Sie verstehen kein Wort Englisch, ich darf aber mitfahren und bedeute Hebräisch radebrechend, ich würde ihnen zeigen, wo ich aussteigen will.

Es ist inzwischen früher Nachmittag und richtig heiß; ich könnte ein Bad gebrauchen. Das ist nicht unmöglich auf dem Golan, doch es kostet ein wenig Mühe. Die Sa’ar-Wasserfälle direkt an der Straße sind Ende Mai fast ausgetrocknet, aber es gibt andere Täler, die immer Wasser führen. Ich steuere also zurück aufs Hochplateau und zum Nachal Gilbon.
Plötzlich taucht eine riesige Staubwolke vor mir auf, begleitet von ohrenzerreißendem Lärm. Syrische Panzer! – Ach nein, nur eine Horde Jugendlicher auf ihren Quads.
Der Weg zu den Wasserfällen Devora und Gilbon beginnt an der zerstörten Siedlung Aweinat el Shamaliya. Der Wanderführer mahnt, ich solle auf den markierten Pfaden bleiben, die Hänge rechts und links sind noch immer nicht vollständig von syrischen Minen geräumt. Wie überhaupt das Schild „Danger! Mines!“ allgegenwärtig ist auf dem Golan.
Schon auf dem vollgestellten Parkplatz konnte ich ahnen, daß ich hier nicht allein sein würde. Den schmalen Felsvorsprung unter dem Devora-Fall belagert eine Gruppe junger Leute mit wohlgeformten, athletischen Körpern. Es wäre lächerlich, sich dazwischenzudrängen. Ich gehe weiter, treffe auf eine arabische Großfamilie, selbst die Oma am Stock klettert über steile Felsen. Hochachtung! Im Schatten der Oleander schließe ich mich einem Pärchen an, das federnden Schrittes an Familien und Wandergruppen vorbeizieht. Dann stehen wir am Rand des Gilbon-Falles, der von beeindruckender Höhe ist. Nun also steil hinunter, da unten wartet das erfrischende Naß. Ich beeile mich, will vor einer Gruppe lautstarker arabischer Jugendlicher dort sein. Einer pöbelt mich an („Geh doch nach Hause!“); ein anderer fragt mitfühlend, ob es mir nicht zu heiß sei. Sehe ich so aus?

 

Der Weg zum Bassin kreuzt einige Male den Bachlauf. Steine und Äste liegen darin, auf die man treten kann; doch am sichersten kommt man hinüber, wenn man die Hosen aufkrempelt und hindurchwatet. Ich bin froh, daß ich meine Trekking-Sandalen anhabe.
Am Wasserbecken, vielleicht zwanzig Meter im Durchmesser, herrscht Gedränge. Ich suche jemanden, dem ich meinen Rucksack mit Kamera, Kreditkarte und Autoschlüsseln anvertrauen kann. Eine Familie neben mir unterhält sich auf Russisch. Ich spreche sie an, sie stimmen freundlich zu. Jetzt noch über ein paar große Steine balancieren, endlich falle ich ins angenehm kühle Wasser. Hier gibt es sogar Fische! Wenn man unter der Wasser-wand hindurchtaucht, kann man sich in einer Nische auf die Basaltfelsen setzen. Die ganze Welt verschwimmt hinter diesem beweglichen Vorhang.
Ich fühle mich wunderbar erfrischt; aber als ich auf dem Rückweg aus dem Schatten der Oleander trete, trifft mich unvermittelt die Nachmittagsglut. Der Aufstieg aus dem Tal ist kurz und steil, dann geht es noch einige Kilometer auf einer Schotterpiste zurück zum Parkplatz.
Die Kleinkinder in den Rückentragen der Väter sind eingeschlafen, ihre glühenden Gesichter werden mit Wasser gekühlt. Die arabischen Jugendlichen klettern auf einen Pick-up und werfen ihre leeren Plastikflaschen in die Landschaft. Eine junge Frau winkt mir aus dem Autofenster – ach so, das Pärchen von vorhin. Mein ausgedörrtes Hirn phantasiert eisgekühlte Getränke und ein üppiges Abendessen.

Von der Klimaanlage verwöhnt, gleite ich gemächlich über die sanften Hügel hinunter zum Kinnereth. Dabei denke ich über die alte Frage nach, wem eigentlich der Golan gehört. Juristische Argumente interessieren mich nicht. Die Grenzen im Nahen Osten haben die Siegermächte des Ersten Weltkriegs völlig willkürlich aus der Konkursmasse des Osmanischen Reiches geschnitten. Warum bitte sollten die Grenzverläufe von Anfang Juni 1967 die einzig legalen sein, die von 1917, 1920, 1948 und 1973 aber nicht? Das ist doch Humbug.
Seit langem vertrete ich die Ansicht, Frieden sei nur möglich, wenn alle Seiten den Status Quo hinnehmen, die aktuellen Grenzen in ihrer historisch gewachsenen Willkür. In Nablus und Hebron spricht die demographische Wirklichkeit nun einmal – trotz der Patriarchengräber! – für eine palästinensische Souveränität, in Jerusalem und Jaffa für eine israelische. Und so wie das Haus meiner Urgroßeltern in Bromberg/Bydgoszcz für mich futsch ist, so ist der Golan für Syrien perdu. Sag beim Abschied leise Servus.
Am Ende dieses Tages kommt mir aber noch ein anderer Gedanke. Ich erinnere mich an die Verse eines deutschen Nachkriegsdichters:

Und weil wir dies Land verbessern,
lieben und beschirmen wir’s.
Und das liebste mag’s uns scheinen –
so wie andern Völkern ihrs.

 

Der Golan gehört den drusischen Bauern in Mas’ada und Majdal Shams. Er gehört den jüdischen Bauern auf den Traktoren und in den Weinbergen. Er gehört dem Hüttenwirt auf dem Hermon und den Neueinwanderern in Katzrin, den Kibbuzniks und den Archäologen, den Naturschützern und den Wanderern. Der Golan gehört den Geiern und Stachelschweinen, dem roten Mohn und den wilden Alpenveilchen.
Der Golan gehört denen, die ihn mit Respekt behandeln, die ihn wirklich lieben. Darum bitte ich um

Frieden für den Golan

 

Literatur / Links:

http://www.SeaofGalileeGuestHouse.com

http://www.parks.org.il/BuildaGate5/general2/company_search_tree.php?mc=378~All

Hiking in Israel, Toby Press 2008
Guide to the Golan Heights, by Aviva Bar-Am and Yisrael Shalem, Safed Regional College
Avigdor Kahalani, A warrior‘s way, Steimatzky, 1999

 

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Lyrik zum Schrottwert

Während der Grieche resigniert seinen Schierling auf Eis mixt, heischt Günter Grass als Homer für Arme um Aufmerksamkeit. Und während wir alle noch rätseln, was uns der Großdichter sagen will, sagt uns Stefan Frank in seinem Gastbeitrag für Spirit of Entebbe, was gesagt werden muss.

 

Grass weiß, was die Götter wollen,
Denn der Chor hat`s ihm gesagt,
Wie Donner seine Verse rollen
Zu künden, was Zeus hat geklagt:

Europa hat gar viele Sorgen,
Und Hellas ist in großer Not,
Kann nun nicht mehr weiter borgen,
Die Hochkultur, die ist bald tot.

Weil sie nicht gern Steuern zahlen,
Haben Griechen es sehr schwer,
Bald sind wieder neue Wahlen,
Aber wo kommt´s Geld bloß her?

Einst erfanden sie die Dramen,
Antigone und den Orest,
Doch die Rechnungen, die kamen,
Und die Zinsen sind die Pest.

Lauschig ist`s an attischen Gestaden,
Auch der Günter war schon da,
Will jetzt endlich wieder baden,
Sehnt sich nach Olympia!

Wo bleibt Sitte, wo bleibt Anstand
Im innereuropäischen Verkehr?
Krösus schafft sein Geld ins Ausland,
Ach, der Geist, der leidet sehr.

Doch weh` den EU-Kommissaren,
Sokrates flucht voll Verdruss,
Warum soll er weiter sparen?
Ein Ouzo noch, und dann ist Schluss.

 

Stefan Frank ist freier Journalist. Auf seiner Homepage ist eine Auswahl seiner Texte und Interviews zu finden.

 

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Jaffa-Orangen waren gestern. Israel hat sich längst zu einem modernen Wirtschaftswunderland gemausert, der Begriff “Silicon Wadi” steht für das Gewerbegebiet nördlich von Tel Aviv, in dem sich Israels erfolgreiche Hightech-Unternehmen angesiedelt haben. Ein kürzlich auch in deutscher Übersetzung erschienenes Buch erklärt, was hinter dem erstaunlichen Wandel des Landes steckt. Anton Niehoff hat es für SoE rezensiert.

 

“Start-up Nation” von Dan Senor und Saul Singer befasst sich mit dem Phänomen eines kleinen Landes: mit nur 7,1 Millionen Einwohnern hat es nicht nur die höchste Dichte an Hightech-Start-ups in der Welt (eines pro 1.844 Einwohner), sondern mehr Unternehmen an der US-Technologiebörse NASDAQ notiert als die Länder des gesamten europäischen Kontinents zusammen. Pro Kopf wird zweieinhalbmal mehr Risikokapital investiert als in den USA (und mehr als 30mal mehr als in Europa). Das Buch handelt von Israel, und es erklärt, warum dieses Land in den letzten 50 Jahren so viele erfolgreiche Innovationen hervorgebracht hat wie kein anderes.

Wie viele andere Länder hat auch Israel erkannt, dass Innovationen ein gutes Umfeld brauchen. Exzellenzcluster mit Nähe zu Universitäten, Großunternehmen und Start-ups sind ebenso wichtig wie Zugang zu einem Pool von Talenten und zu Venture Capital – aber diese Bedingungen finden sich auch in den USA, zahlreichen europäischen Ländern und in Asien, etwa in Singapur oder Korea.

Israel zeigt, dass die makroökonomischen Faktoren allein nicht ausreichen. Ausführlich schildern die Autoren, wie die Geschichte des Landes zu diesem außergewöhnlichen Phänomen beigetragen hat. So wanderten z. B. immer wieder Juden aus aller Welt ein, die unterschiedliche Talente und kulturelle Prägungen mitbrachten und die ihren Platz und ihre Beschäftigung finden mussten, egal wie gut oder schlecht die ökonomische Situation gerade war. Und natürlich ist auch die Tatsache von Bedeutung, dass das Land ständigen Bedrohungen durch seine Nachbarn ausgesetzt ist.

In Israel herrscht daher eine sehr spezielle Kultur der Führung, des Risikomanagements und vor allem der Eigeninitiative: “Wenn ein israelischer Unternehmer eine Geschäftsidee hat”, beschreiben die Autoren diese Einstellung, “dann wird er noch in der gleichen Woche mit der Umsetzung beginnen.” Dazu passt, dass eine typische Hightech-Neugründung in Israel etwa zehnmal mehr Startkapital erhält als ein vergleichbares Unternehmen in Europa – und dass die Fluktuationsrate dieser Neugründungen fast zehnmal so hoch ist wie in den USA. Neue Ideen werden rigoros in der Praxis getestet und entweder verworfen oder beständig verbessert.

Hinzu kommt, dass Israelis es gewohnt sind, in Teams zu arbeiten, sich zu vernetzen, und es vor allem selbstverständlich finden, Autoritäten, Lehrmeinungen und Gewohnheitsdenken beständig zu hinterfragen und herauszufordern.

Europäische Leser können aus dem Buch durchaus Gewinn ziehen. Zum einen schildert es auf hohem analytischen Niveau die vielen politischen und wirtschaftlichen Herausforderungen, die das kleine Land gemeistert hat und bietet so eine völlig neue Sicht auf Israel, das hierzulande nur auf der Folie des Nahostkonflikts wahrgenommen wird. Zum anderen bietet es auch persönlich nützliche Einsichten. Denn während makroökonomische Faktoren nur langsam geändert werden können, hat es jede Firma, jeder Unternehmer und jeder Gründer selbst in der Hand, persönliche Einstellungen und Unternehmenskultur zu ändern. Denkanstöße dafür bietet das Buch zur Genüge, und deswegen ist es eine höchst anregende Lektüre.

 

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In Nordafrika fallen arabische Diktatoren und islamistische Gruppen schicken sich an, sie zu beerben. Die Türkei, selbst von einem abgedrehten Islamisten regiert, kuschelt mit radikalen Organisationen wie Hamas, neuerdings Bündnispartner der “gemäßigten” Fatah. Die Hisbollah ist im Libanon an der Regierung beteiligt. Und die Islamische Republik Iran droht Israel mit der Vernichtung. Alles halb so wild, meint ZEIT-Korrespondent Michael Thumann in seinem Buch “Der Islam-Irrtum”, der Westen hat einfach nicht den Durchblick. Aber er.

In der ZEIT Nr.6/2012, S. 15 schreibt Thumann nun über “Politik mit der Peitsche” und stellt dabei seine profunde “Kenntnis” des Nahen Ostens sowie seinen “scharfen analytischen Blick”, dem ihm andere Schönredner seines Schlages attestieren, eindrucksvoll unter Beweis. Ersatzweise sein eigenwilliges Weltbild, wie unser Gastautor Kai Seyffarth zeigt.

 

Nein, Michael Thumann ist kein Freund der offenen israelischen Gesellschaft, das wußten wir schon vorher. Aber konnte man bisher denken, dies läge ausschließlich an seinem Haß auf die Juden, die sich erfrechten, mitten in der islamisch-arabischen Welt einen Staat zu errichten und zu verteidigen, so zeigt sich nun, daß Herr Thumann ein generelles Problem mit der Demokratie hat: „Demokratisch gewählte Regierungen neigen aus Rücksicht auf Wählerstimmen dazu, Fundamentalisten zu dulden.“

Ja, das erklärt natürlich Thumanns fatale Neigung zu arabischen Despoten und Terroristen wie auch seine Wut auf Israel. Und auch wir begreifen endlich, wogegen wir uns so lange innerlich wehrten: Israel ist das Problem. Wegen der Demokratie.

Denn natürlich ist Israel die Wiege des Fundamentalismus, nicht das klerikal-faschistisch regierte Saudi-Arabien. Was auch aufs Deutlichste im aktuellen Erguß von Herrn Thumann zum Ausdruck kommt: 17 Zeilen seines Artikels braucht er, um die Unterdrückung von Frauen in Saudi-Arabien anzuprangern. Auf 19 Zeilen berichtet er – in schöner Ausgewogenheit – von hoffnungsvollen Zeichen der Besserung. Aber Saudi-Arabien kann unmöglich das Problem sein – wissen wir doch längst, daß die Juden an allem Übel der Welt, besonders aber an der Not der Araber schuld sind. Also werden flugs 45 Zeilen über die Unterdrückung der Frauen durch die „allmächtigen“ orthodoxen Juden in Israel eingefügt. Berichte über den Aufschrei in der israelischen Gesellschaft, die eindeutige Verurteilung der religiösen Fanatiker durch die gesamte Regierung und die meisten Rabbiner, die entschiedene Weigerung des Ministerpräsidenten, der versuchten Erpressung nachzugeben? – Fehlanzeige bei Herrn Thumann. Wie die meisten Feinde Israels schießt er sich auf eine fiktive Gestalt namens „Netanjahu“ (wahlweise auch „Lieberman“) ein, die mit der real existierenden Person nichts gemein hat.

Die von Herrn Thumann so geschätzten Diktaturen im Irak, in Ägypten, Tunesien und Libyen sind gefallen. (Nebenbemerkung: Der Zusammenhang zwischen ersten zaghaften Ansätzen von Demokratie und dem rasant ansteigenden islamistischen Fundamentalismus ist eine eigene Untersuchung wert. Es darf aber hier schon die These gewagt werden, daß nicht die Demokratie Ursache des Fundamentalismus ist, sondern die endemische Realitätsverweigerung unterentwickelter Gesellschaften.) Thumanns Freunde in Syrien, Jemen und Saudi-Arabien sitzen auf wackelnden Thronen. Die demokratische Gesellschaft in Israel dagegen entwickelt sich rasant, nicht zuletzt dank der Ärztinnen, Professorinnen, Richterinnen, Polizistinnen, Politikerinnen und – ja, auch – Soldatinnen und Offizierinnen. Pech für Herrn Thumann.

 

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Kein schöner Tod

Rafiach, wie wir es nennen (Rafah in den deutschen Nachrichten), liegt an der Grenze zwischen Ägypten und dem Gazastreifen. Die Erde unter Rafiach ist von Tunneln förmlich durchlöchert. Dort werden Drogen, Prostituierte, Waffen und was man sonst noch so zum Leben braucht geschmuggelt.

Letzte Nacht wurde ein solcher Tunnel geflutet – und zwar nicht einfach mit Wasser, sondern mit Abwässern. Ich glaube, unter der Erde gefangen zu sein und in Abwasser zu ertrinken ist ein besonders häßlicher Tod. Drei palästinensische Schmuggler kamen dabei ums Leben.

Wundert Ihr Euch, daß kein Aufschrei um die Toten durch Eure Medien ging? Kein Protest gegen die perfide Methode, einen Schmugglertunnel mit Abwässern zu fluten, statt die Schmuggler einfach festzunehmen, wenn man den Tunnel gefunden hat? Wo sind die empörten Forderungen, daß die Israelis sich für die Todesfälle zu entschuldigen habe?

Die Antwort ist ganz einfach. Es waren gar nicht die Israelis, die den Tunnel geflutet haben. Es waren die Ägypter.

Jetzt ist alles klar, nicht wahr?

 

(Ich habe auch die Bilder von vor zwei Jahren gefunden, an die ich mich erinnerte – als israelische Soldaten palästinensische Schmuggler aus einem Tunnel retteten – guckt Euch die ruhig mal an – denn auch das habt Ihr nicht in der Tagesschau gesehen…)

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Freudenausbrüche

Während in New York und Ramallah Abu Mazens Rede frenetisch bejubelt wurde, ging durch unsere Nachrichten eine Meldung, die es in die deutschen Zeitungen nicht geschafft hat.

Bei einem Verkehrsunfall in der Nähe von Hebron wurden ein junger Vater (25) und sein ein Jahr alter Sohn, ein Baby, getötet. Die Angehörigen bestanden auf einer Untersuchung des Unfalls, denn der junge Mann war ein vorsichtiger Fahrer. Im Auto lag ein dicker Stein, die Windschutzscheibe war zerschmettert. Die Untersuchung des Toten ergab, daß er im Gesicht von diesem Stein verletzt worden war. Ein Stein, den Palästinenser vermutlich aus einem fahrenden Auto auf Asher Palmers Auto geschleudert worden war.

Das also passierte, während außer uns keiner hinguckte. Der Vater und das Kind wurden heute begraben. (Bericht Ynet). Auf allen Bildern des kleinen Yehonatan fallen seine runden, roten Backen auf. Was seine Mutter, die Mann und Kind verloren hat, durchmacht, weiß ich nicht. Ich nehme an, die Palästinenser, die den Stein geworfen haben, feiern und lächeln, wie der Mörder der Familie Fogel gelächelt hat.

Das kleine Mädchen, das während einer Steinschmeiß-Aktion “feiernder” Palästinenser verletzt wurde, hat sich hoffentlich inzwischen erholt. Das Bild des blutenden Babygesichts mit der aufgerissenen Haut ist unschön, und es wird in israelischen Medien unkenntlich gemacht. Das ist in Israel so Sitte. Das Kind hat Glück gehabt – ein bißchen höher, und es hätte ein Auge verloren. Und auch noch schlimmer hätte es, unberufen, ausgehen können.

Warum wird in ausländischen Medien nicht mal geschildert, wie Freudenfeiern a la Palestine aussehen? Das gehört doch zum ganzen Bild bei so intensiver Berichterstattung. Jubelfeiern in Ramallah, Steine in Kalandia und Kiriat Arba. Ein verletztes Baby, ein totes Baby und ein toter junger Vater.

 

 

Ach so. Mein Gott, es waren ja nur Siedler, diese Untermenschen. Die sind zum Abschuß freigegeben. Die stören und nerven die Palästinenser, die haben ihr Lebensrecht verwirkt.

Das Recht, ihren Zorn oder auch ihren Jubel mittels Wackersteinen an Kleinkindern auszuleben, scheint die Welt ihnen zuzugestehen, den palästinensischen Edelmenschen.

Und heute wurde bekannt, daß die Polizei schon länger von der neuen Mode weiß: dicke Steine aus schnell vorbeifahrendem Auto auf die Windschutzscheibe eines israelischen Autos zu schmeißen.  Heute wurde ein Mann dadurch verletzt. Da soll keiner sagen, daß die Palästinenser kein kreatives Potenzial hätten!

 

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