Im Jahr 2000 schüttete Jürgen Hogrefe, von 1993-98 Jerusalem-Korrespondent des Spiegel, beim „Deutsch-Israelischen Dialog“ sein Herz aus: Als deutscher Berichterstatter in Israel schreibe man „mit angezogener Handbremse“. Generell sei die Berichterstattung aus dem Judenstaat von Vorsicht und Befangenheit geprägt. Und diese Schere im Kopf – offenbar gegenüber allem Jüdischen – betreffe nicht nur den Journalismus, sondern auch andere Bereiche des gesellschaftlichen Lebens, klärte Hogrefe seine Zuhörer auf:
Um „Ärger“ mit der jüdischen Gemeinde in Deutschland zu vermeiden, hätten es deutsche Justizbehörden in einem Fall nicht gewagt, gegen einen israelischen Rechtsanwalt vorzugehen, der mit dem Verschwinden deutscher Rentengelder für israelische Pensionäre in Höhe von knapp einer Milliarde Mark in Verbindung gebracht wurde.
Man muss weder Kfz-Mechaniker noch Psychologe sein, um sich vorstellen zu können, wie heiß Hogrefes Motor in den vielen Jahren gelaufen sein muss, in denen er bei angezogener Handbremse Vollgas gegeben hat.
Dass Hogrefe mit seinen Nöten in seiner Zunft nicht ganz alleine ist, hatten wir bereits geahnt. Dem Schweizer Journalisten André Marty verdanken wir nun den tiefen Einblick in das Seelenleben eines weiteren Berufskollegen, der nicht länger schweigen will über die Missstände in Israel und die unprofessionelle, geschönte Berichterstattung deutscher Medien darüber. Nach einer geschickten Suggestivfeststellung des Fragestellers sprudelt es nur so heraus aus Carsten Kühntopp, Hörfunk-Korrespondent der ARD in Amman, zuvor von 2001-06 in Tel Aviv:
Olmert reist übernächste Woche nach Deutschland zu seiner politischen Freundin Angela Merkel. Hand aufs Herz: ein deutscher Journalist hat Beisshemmungen, wenn’s um israel [sic!] geht.
Ja, leider. Wenn es um Israel geht, ist es mit dem Gebot der journalistischen Distanz und Neutralität häufig vorbei. Stattdessen wird verlangt, dass die Berichterstattung aus Tel Aviv von dem Gefühl der emotionalen Nähe und Verbundenheit mit Israel durchdrungen ist, nach dem Motto: „Ich bin ein guter Freund Israels, und als guter Freund gestatte ich mir auch mal einige kritische Worte.“ Das ist völlig unjournalistisch, und niemand würde das von dem Korrespondenten in Stockholm, Warschau oder Johannesburg verlangen.
Alles in allem ist die Berichterstattung bei „BBC World“ oder bei „Al-Jazeera English“ viel ausgewogener und fairer, als alles, was es im deutschen Fernsehen zu sehen gibt.
In den deutschen Medien findet man in der Regel eine eindeutig anti-palästinensische Schlagseite. Zum Teil grenzt das sogar an anti-arabischen Rassismus.
Leider verrät uns Kühntopp nicht, wer von ihm verlangt hat, seine Berichte mit einem „Gefühl der emotionalen Nähe und Verbundenheit mit Israel“ zu tränken. Aber wir ahnen es auch so. Es sind sicher die gleichen finsteren Mächte, die seit vielen Jahren die deutschen Justizbehörden an ihrer Arbeit hindern, in der Westbank Elite-Stripperinnen einsetzen und zweifellos all jene wissenschaftlichen Analysen manipuliert haben, die behaupten, deutsche Medien zeichneten ein einseitig negatives Bild Israels. Es spricht Bände, dass Kühntopp erst jetzt offen reden kann, in der Freiheitsbastion Amman, endlich der zionistischen Meinungspolizei entronnen.
Carsten Kühntopp, Du berichtest seit 2001 für den ARD-Rundfunk aus dem Nahen Osten, zunächst fünf Jahre aus Tel Aviv, nun seit anderthalb Jahren aus Amman: wo lebt sich’s denn besser, in Israel oder Jordanien?
In Jordanien geht’s mir besser, als drüben, nicht zuletzt weil es hier in den Supermärkten Haribo gibt.
Spaß beiseite. Es war sehr eigenartig: Je länger ich in Tel Aviv lebte, desto weniger verstand ich die Israelis und ihre Sicht der Welt. (…)
Im Laufe der Jahre fiel es mir auch immer schwerer, die Dinge zu trennen: Am Samstagvormittag bin ich gerne die Strandpromenade von Tel Aviv entlanggegangen. Aber während ich zusah, wie junge Kerle Beachvolleyball spielten oder ältere Herrschaften beim Gordon-Schwimmbad Volkstänze tanzten, musste ich immer daran denken, welche Zustände ein paar Kilometer weiter östlich unter dem Regime der Besatzungsarmee herrschten.
Tönt nach Verdrängen…
…genau. Damit die „Tel Avivis“ einen unbeschwerten Sabbat genießen können, wird ein ganzes Volk weggesperrt, eingemauert und umzäunt.
Und damit Carsten Kühntopp einen unbeschwerten Freitag genießen kann, putzt der Wärter seines Mietshauses in Amman ihm jeden Morgen den Jeep. Und hält die Bewohner der palästinensischen Flüchtlingslager in Jordanien aus Kühntopps Vorgarten fern.
Doch zurück nach Tel Aviv. Kein Wunder, dass Kühntopp mehr und mehr davon zerfressen wurde, stets „emotionale Nähe und Verbundenheit“ gegenüber einem Völkchen zeigen zu müssen, dessen Verhaltensweisen so irrational sind.
Die Fähigkeit, dies zu verdrängen, haben die Israelis längst perfektioniert, aber bei mir klappte das im Laufe der Jahre immer schlechter. Deshalb fühlte ich mich in Israel immer fremder und einsamer.
Was Hoffnung macht. In die Vernunft der Israelis. (Die Fähigkeit, die Kühntopp in seinen Jahren in Israel perfektioniert hat, war es übrigens, seine aufgezwungene Liebe zu Land und Leuten in seinen Berichten in keinster Weise zu zeigen, wie so mancher ARD-Hörer bezeugen kann.) Die Enttäuschung des Korrespondenten bezieht sich jedoch nicht nur auf die Opis, die ihn nicht mehr bei den Rikudei Am mitmachen ließen, sondern auch auf das politische System:
Gäbe es denn wirklich Alternativen zu Olmert?
Letztlich ist es egal, wer israelischer Ministerpräsident ist und welchem Lager er angehört.
Es war Ehud Barak von der Arbeitspartei, der mit seinem Gerede, dass man auf der palästinensischen Seite „keinen Partner“ für den Frieden habe, den Friedensprozess zerstörte. Und es war Ariel Scharon vom Likud, der die Siedlungen und Armeelager im Gaza-Streifen aufgab.
Deutliche Worte, Herr Kollege!
Die so ähnlich schon mal jemand anderes geäußert hat.
Solange es in der israelischen Gesellschaft keine grundsätzliche Einsicht gibt, dass es entweder Land oder Frieden gibt, aber niemals beides zusammen, solange wird Israel nicht die erstrebte Sicherheit bekommen.
Damit ist Kühntopp der Zeit mindestens sieben Jahre hinterher und beweist endgültig, dass er nichts von dem verstanden hat, was während seiner Zeit in Israel um ihn herum geschehen ist: In der israelischen Gesellschaft ist seit Ende September 2000 sehr wohl eine gründliche Einsicht gewachsen. Nämlich jene, dass es mit den arabischen Nachbarn auf absehbare Zeit keinen Frieden geben wird – ob mit oder ohne Aufgabe von Land.
Es fasziniert immer wieder, wie offen und dezidiert Journalisten ihre politischen Positionen in der Öffentlichkeit äußern können – und doch weiter vom Publikum als „objektive Berichterstatter“ ernstgenommen werden (wollen).
Dem Blog von André Marty wünschen wir ein langes Leben. Denn der nette Schweizer von nebenan hat ein einmaliges Talent, mit merkwürdigen Fragen Ungeheuerlichkeiten aus seinen Berufskollegen herauszukitzeln. So spricht es selbst aus Pierre Heumann, dem geschätzten Korrespondenten der Weltwoche arg befremdlich:
Kritiker werfen Dir vor, Du seiest kein Freund der Hamas-Bewegung. Bist Du’s oder bist Du’s nicht?
Ich bin vielleicht kein Freund der Hamas, aber ich achte sie und nehme sie ernst. Die Effizienz, mit der die Hamas zu Werke geht, finde ich beeindruckend. Sie ist jetzt ein zentraler Schachspieler in der Region.
Marty selbst ist natürlich professioneller Reporter ohne eigene Agenda. Und ein ausgezeichneter noch dazu:
Den Titel „Reporter des Jahres 2006“ verdankt er einem Krieg – dem „sinnlosesten Krieg, den Israel je geführt hat“.
Wenn er da mal nicht den Unabhängigkeitskrieg vergessen hat.
Befremdlich ist schon nur die Stimmungsmache gegen Israel, der Marty sein Blog gewidmet hat. (Was anderes sollte es auch sein, wenn man alle negativen Seiten eines Landes aufzählt und noch ein paar dazu dichtet?)
Viel befremdlicher ist aber jene Frage:
„Kritiker werfen Dir vor, Du seiest kein Freund der Hamas-Bewegung. Bist Du’s oder bist Du’s nicht?“
Scheinbar ist es eine ganz schlimme Sache, wenn man Terroristen nicht mag.
„Oh, Carsten Kühntopp“, kann ich da nur sagen.
Er und Bettina Marx bilden wohl das peinlichste deutsche Kommentatorenduo im Nahen und Mittleren Osten. Gut – sonst gibt es ja auch kaum Unabhängige außer uns ([HonestReporting] Medien BackSpin), die seinen Unsinn widerlegen können.
Seine Berichterstattung aus dem Libanon ist ja „vom Feinsten“: Die Hisbollah wird von ihm permanent als Widerstandsbewegung dargestellt.
ARD-Nahost-Studio…was sonst…
Die deutsche Wehrmacht wird ja auch immer noch für ihre Professionalität und Effizienz bewundert. So ganz wertfrei.
Da habe ich Kühntopp also die ganze Zeit richtig eingeschätzt. Armer Mensch, seine unterdrückte Feindseligkeit hat sich dann doch von Zeit zu Zeit deutlich Luft gemacht.
Ja ja, die Holocaust-Keule, die so unbarmherzig geschwungen wird – die hat schon manches Journalistenleben zerstört!
Ach ja. Und auf die Einsichten solcher Leute bauen die deutschen Fernsehzuschauer ihre Kenntnis über den Nahen Osten auf. Kein Wunder, daß sie glauben, wir müßten nur genügend Zugeständnisse machen, und schon bräche hier der Frieden aus.
In Amman fühlt er sich bestimmt wohl. Bekanntlich ist ja Jordanien ein Paradies für die Palästinenser.
Hier auch ein schöner Kühntopp-Kommentar: http://www.tagesschau.de/aktuell/meldungen/0,1185,OID5806330_REF1_NAV_BAB,00.html
Ich habe im Jahr 2006 oben verlinkte Bemerkungen des Herrn Kühntopp in einem Forum kommentiert. Wenn’s interessiert, stelle ich es hier nochmal hinein – Kühntopp in Anführungsstriche, ich ohne:
„Der Sieger der Konfrontation in Südlibanon und Nordisrael steht bereits fest – es ist die Hisbollah…“
Müsste es dann nicht „die Siegerin“ heißen? Naja, egal…
„Stets hatte Israel auf die Abschreckungskraft seines Militärs gesetzt, um sich zu behaupten und zu überleben, aber auch, um benachbarten Völkern seinen Willen aufzuzwingen und die eigene Hegemonie in der Region zu sichern.“ – „Auch wenn dies noch immer nur die wenigsten Israelis wahrhaben wollen: Es war der blinde Glaube an die Wunderkraft militärischer Gewalt, der das Land einen aussichtslosen und dummen Krieg beginnen ließ.“
Genau, wie kann man auch nur auf die dämliche Idee kommen, sich gegen Raketenangriffe mit Gewalt zu wehren? Einige freundliche Worte hätten gereicht, um die Hisbollah von ihrem Hauptziel – Israel zu vernichten – abzubringen. Selbst wenn die Hisbollah seit Monaten wahllos und ohne vorhergehende Provokation Katjuschas auf die israelische Zivilbevölkerung abfeuert, so hat der Kommentator dennoch Recht: Angefangen haben den Krieg die Juden.
„Ist es nicht wirklich Zeit (für die Israelis), die Arroganz und die Hybris gegenüber den Arabern aufzugeben?“
Das schlägt dem Fass den Boden aus dem Gesicht…
„Israel dürfte erst dann Frieden und Sicherheit bekommen, wenn es sich den Nachbarn zuwendet, anstatt ihnen den Rücken zuzudrehen und sich hinter immer höheren Mauern zu verschanzen.“
Würde Israel seinen Nachbarn den Rücken zudrehen, würde augenblicklich ein Krummdolch in selbigem stecken. Die Mauer, die ein Zaun ist, verhindert seit ihrem Bestehen sehr erfolgreich palästinensische Selbstmordattentate.
„Doch Nasrallah lehrte nicht nur die Israelis das Fürchten…“
Aha – Nasrallah als mächtiger Superheld, Hisbollah als kraftvolle Gerechtigkeitsliga? Genau wie hier:
„In den letzten vier Wochen entblößte Hisbollahs schreckliche Tatkraft…“
„Der Verlierer, den es wohl am schlimmsten getroffen hat, ist das libanesische Volk.“
Och, wieso? Jetzt fließen doch bestimmt bald üppig EU-Wiederaufbauhilfen, gerade rechtzeitig, da die maroden Telefonleitungen, Mobilfunksendeanlagen und Kraftwerke sowieso bald schlapp gemacht hätten. Als Gegenleistung kommen 20.000 asylberechtigte Libanesen nach Deutschland, wo sie als Opfer der „israelischen Aggression“ mit offenen Armen empfangen werden und den friedliebenden Islam verbreiten können.
„…die israelische Attacke war maßlos und hat Libanon um Jahre oder gar Jahrzehnte zurückgeworfen.“
Maßlos ist allenfalls eine solche Übertreibung. Dass Israel zuerst attackiert wurde und dem Treiben der Hisbollah ein Ende setzen musste, wird völlig ausgeblendet, und da die libanesische Bevölkerung sich anscheinend über alle Maße mit der Hisbollah identifiziert, bräuchte sie sich eigentlich über die Reaktion der Israelis nicht zu wundern: Wer Wind sät wird Sturm ernten!
Abgesehen davon, dass der zitierte Kommentator bewusst oder unbewusst die die tatsächlichen, dem Krieg vorangegangenen Geschehnisse nicht zur Kenntnis nimmt, dass er die Geschehnisse folglich nicht in logischen Zusammenhang bringen kann, impliziert sein Kommentar folgende Grundannahme: Die arabischen-islamischen Nachbarn Israels denken im Prinzip wie der Westen: Tust du mir nichts, tu ich dir nichts, redest du vernünftig mit mir, rede ich vernünftig mit dir. Wir werden zu einer Lösung kommen, die ein friedliches Miteinander möglich macht. Ein solches Denken aber ist mit der Blut-und-Boden-Ideologie der Hisbollah und der Hamas unvereinbar, dies widerspräche auch dem, was der falsche Prophet gelehrt hat: ein Blick in den Koran bringt Aufklärung.
Der Islam und sogar islamische Terrororganisationen werden vom ARD-Kommentator durch eine super-rosarote Brille gesehen. Wer sich gegen Terror wehrt, der lebt verkehrt.
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