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Archive for the ‘Lektüretipp’ Category

Fremde Federn: Richard Herzinger

Alle politische Kleingeisterei besteht in dem Verschweigen und Bemänteln dessen, was ist.

(Ferdinand Lassalle)

Wie wohltuend, dass inmitten eines allgemeinen Klimas der Dummheit und der Feigheit sich hin und wieder noch einige klare Köpfe zu Wort melden. Richard Herzinger sagt in der WELT genau das, was ich sonst an dieser Stelle gesagt hätte – abseits aller Plattitüden, Beschwichtigungen, Vernebelungen und lächerlichen Selbstbezichtigungen. Manchmal reicht ein nüchterner Blick auf das Geschehen.

Lesen, ausdrucken, kopieren, weiterverschicken und -erzählen! Vielleicht gibt es weniger Idioten, als man glaubt.

Update: Herzinger legt noch einmal nach. Famos!

 

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Jaffa-Orangen waren gestern. Israel hat sich längst zu einem modernen Wirtschaftswunderland gemausert, der Begriff „Silicon Wadi“ steht für das Gewerbegebiet nördlich von Tel Aviv, in dem sich Israels erfolgreiche Hightech-Unternehmen angesiedelt haben. Ein kürzlich auch in deutscher Übersetzung erschienenes Buch erklärt, was hinter dem erstaunlichen Wandel des Landes steckt. Anton Niehoff hat es für SoE rezensiert.

 

„Start-up Nation“ von Dan Senor und Saul Singer befasst sich mit dem Phänomen eines kleinen Landes: mit nur 7,1 Millionen Einwohnern hat es nicht nur die höchste Dichte an Hightech-Start-ups in der Welt (eines pro 1.844 Einwohner), sondern mehr Unternehmen an der US-Technologiebörse NASDAQ notiert als die Länder des gesamten europäischen Kontinents zusammen. Pro Kopf wird zweieinhalbmal mehr Risikokapital investiert als in den USA (und mehr als 30mal mehr als in Europa). Das Buch handelt von Israel, und es erklärt, warum dieses Land in den letzten 50 Jahren so viele erfolgreiche Innovationen hervorgebracht hat wie kein anderes.

Wie viele andere Länder hat auch Israel erkannt, dass Innovationen ein gutes Umfeld brauchen. Exzellenzcluster mit Nähe zu Universitäten, Großunternehmen und Start-ups sind ebenso wichtig wie Zugang zu einem Pool von Talenten und zu Venture Capital – aber diese Bedingungen finden sich auch in den USA, zahlreichen europäischen Ländern und in Asien, etwa in Singapur oder Korea.

Israel zeigt, dass die makroökonomischen Faktoren allein nicht ausreichen. Ausführlich schildern die Autoren, wie die Geschichte des Landes zu diesem außergewöhnlichen Phänomen beigetragen hat. So wanderten z. B. immer wieder Juden aus aller Welt ein, die unterschiedliche Talente und kulturelle Prägungen mitbrachten und die ihren Platz und ihre Beschäftigung finden mussten, egal wie gut oder schlecht die ökonomische Situation gerade war. Und natürlich ist auch die Tatsache von Bedeutung, dass das Land ständigen Bedrohungen durch seine Nachbarn ausgesetzt ist.

In Israel herrscht daher eine sehr spezielle Kultur der Führung, des Risikomanagements und vor allem der Eigeninitiative: „Wenn ein israelischer Unternehmer eine Geschäftsidee hat“, beschreiben die Autoren diese Einstellung, „dann wird er noch in der gleichen Woche mit der Umsetzung beginnen.“ Dazu passt, dass eine typische Hightech-Neugründung in Israel etwa zehnmal mehr Startkapital erhält als ein vergleichbares Unternehmen in Europa – und dass die Fluktuationsrate dieser Neugründungen fast zehnmal so hoch ist wie in den USA. Neue Ideen werden rigoros in der Praxis getestet und entweder verworfen oder beständig verbessert.

Hinzu kommt, dass Israelis es gewohnt sind, in Teams zu arbeiten, sich zu vernetzen, und es vor allem selbstverständlich finden, Autoritäten, Lehrmeinungen und Gewohnheitsdenken beständig zu hinterfragen und herauszufordern.

Europäische Leser können aus dem Buch durchaus Gewinn ziehen. Zum einen schildert es auf hohem analytischen Niveau die vielen politischen und wirtschaftlichen Herausforderungen, die das kleine Land gemeistert hat und bietet so eine völlig neue Sicht auf Israel, das hierzulande nur auf der Folie des Nahostkonflikts wahrgenommen wird. Zum anderen bietet es auch persönlich nützliche Einsichten. Denn während makroökonomische Faktoren nur langsam geändert werden können, hat es jede Firma, jeder Unternehmer und jeder Gründer selbst in der Hand, persönliche Einstellungen und Unternehmenskultur zu ändern. Denkanstöße dafür bietet das Buch zur Genüge, und deswegen ist es eine höchst anregende Lektüre.

 

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Ohne Blabla

Eine für deutsche Verhältnisse bestechende Analyse von Hans Rühle auf Welt online: Welche militärischen Optionen Israel hat, wenn die Gefahr einer iranischen Atombewaffnung akut wird. Die Kommentarspalte sollte tunlichst ignoriert werden, nach dem Motto: Don´t argue with idiots. They´ll drag you down to their level, then beat you with experience.

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Selten einen Text gelesen, in dem so klar, kenntnisreich und bestechend dargelegt wurde, welche Konsequenzen der von vielen für selbstverständlich gehaltene Rückzug der Israelis auf die Waffenstillstandslinien von 1949 hätte. Wer keine Ahnung hat, worum es geht, oder diese Überlegungen nicht ernst nehmen will, darf hier nicht mehr mitquatschen und möge sich fürderhin dort ausmähren, wo man Bücher von Finkelstein, Bremer, Neudeck, Flottau und ähnlichen Gestalten schätzt, um unbeleckt von jeglicher Sachkenntnis seine Vorurteile bestätigt zu bekommen, von Gaza als „Freiluftgefängnis“ zu lesen und von einem angeblich „nicht lebensfähigen Staat“ zu schwadronieren, wenn die Palästinenser weniger als ihre 100 Prozent bekommen.

Lesebefehl!

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Anmerkungen zu nicht lange zurückliegenden, gegenwärtigen oder in naher Zukunft dräuenden Ereignissen sowie Personen, ohne die diese Welt reicher wäre.

A wie Antizionisten

Nach dem überwältigenden Propagandaerfolg des Mavi-Marmara-Zwischenfalls wollen die „Aktivisten“ es noch einmal wissen. Im Mai soll eine weitere Flottille von 15 Schiffen zwar nicht den Palästinensern helfen, aber doch den Israelis schaden. Da auch im Licht ganz anderer Erkenntnisse trübe Gestalten an ihrer grotesken Darstellung der Ereignisse an Bord festhalten, ist eine Neuauflage der dreisten Inszenierung so gut wie sicher.

B wie Boykotteure

Trotz des aufopferungsvollen Einsatzes von Bremer Friedensfreunden, welche die gute alte deutsche Tradition des „Kauft nicht bei Juden“ wiederbeleben wollten, habe ich gestern auf dem Wochenmarkt schon wieder Datteln und Clementinen aus Israel gesehen. Am Stand eines Türken! Auf die Volksgenossen ist offenbar genauso wenig verlass wie auf Bürger mit Migrationshintergrund. Ein idealer Aufhänger für den nächsten „Kommentar des Monats“. Melzer, übernehmen Sie!

C wie Coalition of the Willing

Anzahl von Staaten, die dem Diktator Gaddafi beim Versuch in den Arm fallen, aufständische Bürger wie tolle Hunde zu erschlagen. Wir Deutschen machen da nicht mit. Wir sind für die Maus, aber auch für die Katze.

D wie Dilemma

Israel will den Frieden, die Hamas ist scharf auf Krieg. Was tun, wenn man sich auf einen „Friedensprozess“ eingelassen hat, aber naturgemäß mehr zur anderen Seite neigt? Einerseits möchte die Fatah ja ein bisschen Frieden, um Verhandlungspartner, Vermittler und Sponsoren bei Laune zu halten, andererseits aber auch ein bisschen Terror, damit man der eigenen, entgegen weit verbreiteter Meinung noch immer nicht geänderten Charta nicht untreu wird und vor den arabischen Brüdern nicht als Verräter dasteht. Wie der kostbare Zwischenzustand zu erhalten ist, wird Mahmud Abbas beim nächsten Raïsparteitag dringend thematisieren müssen.

E wie Eichmann

Vor ziemlich genau 50 Jahren in Jerusalem angeklagter Nazi-Kriegsverbrecher, der als Organisator des Massenmords an den europäischen Juden unermüdlich und kreativ war, sich aber am Ende hängen ließ. Zum Jahrestag des Eichmann-Prozesses werden diverse TV-Dokumentationen ausgestrahlt.

F wie Fogel

Siedlerfamilie, die von einem palästinensischen Freiheitskämpfer im Schlaf getötet wurde. Da sich noch niemand persönlich zu diesem heroischen Akt bekannt hat, konnte noch keine Straße nach ihm benannt werden.

G wie Goldstone

Richter, der sein harsches Urteil fällte, nachdem er den Anklägern sein Ohr geliehen hatte. Jetzt hat er eingesehen, dass der Angeklagte weitaus glaubwürdiger war, was diesem allerdings, da längst verurteilt, nichts mehr nützt. Neben den Verleumdern steht jetzt immerhin auch der ehrenwerte Mr. Goldstone ohne Hemd und Hose da, von einem Verleger in Neu-Isenburg ganz zu schweigen, dem der „Report“ gleichsam als Bibel galt. Tja.

H wie Hamas

Juristische Expertengruppe mit Schwerpunkt Internationales Recht.

I wie Intifada-Seite

Auf Facebook gelöscht, weil sich ein Herr Edelstein bei einem Herrn Zuckerberg beschwert hatte. Darf man jetzt schon nicht mehr zur Gewalt aufrufen, nur weil es Juden nicht passt? Gemein!

J wie Jerusalem

10.000 Läufer hecheln durch eine Stadt. So what, könnte man sagen. Allein, wenn die Stadt Jerusalem heißt, bleiben Ärger und Proteste natürlich nicht aus. Da sollte die Strecke doch tatsächlich auch durch arabische Stadtteile führen. Unerhört!

K wie Klageweib

Seit dem tragischen Zerwürfnis zwischen Evelyn Hecht-Galinski und dem Betreiber der Plattform für die publizistischen Ergüsse der „Tochter“ hat sich Abraham Melzer das Narrengewand übergeworfen.

Inhaltlich und stilistisch ist das Ergebnis so armselig, dass der Wechsel dem uneingeweihten Betrachter gar nicht auffallen dürfte.

L wie Lachnummer

Neulich im Deutschlandfunk. Frage der Moderatorin: „Was bekommen denn die Menschen in Tripolis von den Bombardierungen mit?“ – Korrespondent: „Nun, sie haben die Möglichkeit, sich über die staatlichen Rundfunksender zu informieren…“

M wie Mentalist

Ein palästinensischer Ingenieur verschwindet in der Ukraine aus einem Zug – und taucht in einem Knast in Israel wieder auf.

(Palästina-Portal)
Dabei ist der Mann doch nur ein Ingenieur, wirklich! Wie dieser hier.

N wie Naqba-Ausstellung

Ausgefallene Darstellung eines tragischen Ereignisses. Weil 1948 aus der Auslöschung der Juden (Azzam Pascha, 1. Generalsekretär der Arabischen Liga: „Dies wird ein Krieg der Vernichtung [gemeint: der Juden] und ein gewaltiges Massaker, von dem man einmal in derselben Weise wie von den Massakern der Mongolen und den Kreuzzügen sprechen wird“) nichts wurde und stattdessen die Angreifer zu großen Teilen ihre Heimat verloren, muss diese historische Ungerechtigkeit in jeder größeren Stadt bejammert werden. Ersatzweise wird ein Wehklagen angestimmt, wenn ein OB eine derartige Obszönität in öffentlichen Räumen untersagt.

O wie Opfer, zivile

Seltsam, dass die Franzosen Ende August 1944 so euphorisch die Befreiung von Paris feierten – immerhin waren bei den Kämpfen in der Normandie rund 20.000 unschuldige Bürger umgekommen. Wie auch immer: In Libyen oder Afghanistan sind zivile Opfer unter allen Umständen zu vermeiden, weshalb sich die NATO aus diesen Ländern zurückzuziehen hat, nach unserer Kenntnis sofort, unverzüglich. Es wird danach zwar erst recht zivile Opfer geben, aber die gehen dann nicht auf das Konto des Westens. Näheres erklärt Guido Westerwelle.

P wie Palästina-Portal

Überflüssigste Kreation seit der Erfindung der Gesichtswurst, und noch deutlich unappetitlicher als diese. Aber wen wunderts? Wenn in Deutschland ein erfolgloser Künstler die Politik für sich entdeckt, besteht grundsätzlich Anlass zur Beunruhigung.

Q wie Qassam

Explosiver Ausdruck des Bedürfnisses palästinensischer Dschihadisten, Juden zu piesacken.
Die Krone der Militärtechnik ist das Geschoss nicht, deshalb bemüht man sich um die Einfuhr von größeren Kalibern, etwa Grad-Raketen, mit denen sich auch weiter entfernt liegende Städte beschießen lassen. So lange man nicht aus den Hügeln Samarias in den Großraum Tel Aviv hineinfeuern kann, muss man nehmen, was man hat. Apropos.

R wie Raketenbeschuss

Bestandteil des arabischen Zermürbungskrieges gegen Israel, der international nicht geahndet wird, den jüdischen Staat aber nicht zur Ruhe kommen lässt und im günstigsten Fall zu einer Militäroperation provoziert, womit die internationale Aufmerksamkeit wieder geweckt wird.

S wie Staatsgründung

Die palästinensische Autonomiebehörde strebt die staatliche Unabhängigkeit ohne lästige Verpflichtung zur Beendigung des israelisch-palästinensischen Konflikts an und bemüht sich um die Akzeptanz der Staatengemeinschaft für diese alle bisherigen Abmachungen Hohn sprechende Maßnahme. Es wird interessant sein, zu beobachten, welche Länder ihr Desinteresse an einer friedlichen Lösung des Nahost-Konflikts endlich offen zeigen. Brasilien, Argentinien und Uruguay haben sich schon geoutet, Kolumbien hingegen hält offenbar am Land-für-Frieden-Prinzip fest. Buh-Rufe von der Westbank.

T wie Twitter

Online-Plattform zur raschen Verbreitung von Kurznachrichten, greift gravierend und in geradezu unzumutbarer Weise in die Arbeitsabläufe von Journalisten alten Schlages ein.
Diese nämlich sind ernsthaftes, gründliches, kenntnisreiches Arbeiten gewohnt, es handelt sich um erstklassige Rechercheure, die nicht mit neumodischem Schnickschnack behelligt werden wollen. Nur die Besten machen irgendwas mit Medien, weshalb die Reportergranate Robert Hetkämper aus Japan berichtet und Ulrike Putz auf dem Balkon ihrer Beiruter Wohnung sitzend die Lage in Bengasi beschreibt.

U wie Unruhen

Gegenwärtige Zustände in der arabischen Welt von Tunis über Kairo und Damaskus bis Sana´a. Es scheint so, als seien die Menschen dort mit ihren Regierungen unzufrieden. Dabei dachten wir immer, sie wachten morgens mit dem Gedanken an den israelisch-palästinensischen Konflikt auf und gingen abends mit dem Gedanken an den israelisch-palästinensischen Konflikt schlafen. Jedenfalls hat man uns doch immer erzählt, alles werde gut, wenn nur endlich „der Nahost-Konflikt“ gelöst würde. Sollte es etwa mehrere geben?

V wie Verkehrschaos

Kann sich jemand vorstellen, dass die Jaffa Road in Jerusalem, seit Jahrzehnten eine lärmende, dieselverpestete, von heruntergekommenen Läden gesäumte Hauptverkehrsader, schon bald eine aufgeräumte Straße sein wird, durch die silbrig glänzende Trams schnurren? Ich noch nicht.

W wie Waffenstillstand

Von palästinensischen Extremisten hin und wieder verkündete Absicht, eine kurze Zeit auf Terror gegen israelische Zivilisten zu verzichten, während der „bewaffnete Arm“ eine Rakete nach der anderen abschießt. Eher gibt Helmut Schmidt das Rauchen auf als dass Banden wie Hamas und Islamischer Dschihad wahrhaftig dem Terror entsagen, aber aus der taz wird man das nicht erfahren.

X wie Xenophobie

In Sharm el-Sheik kann man einem Juden vor laufender Kamera ja mal die Hand drücken, aber was man wirklich denkt, das sagt man dem eigenen Volk.

Y wie Yehuda

Yehuda Avners 730-Seiten-Wälzer „The Prime Ministers. An Intimate Narrative of Israeli Leadership“ beschreibt ebenso kenntnis- wie anekdotenreich israelische Politik der letzten Jahrzehnte und ihre Protagonisten. Das macht einen schon wehmütig. Premiers wie Begin und Golda hätten auf Terror, Raketenbeschuss, Vernichtungsdrohungen und die internationale Verleumdungs- und Delegitimierungskampagne in Politik und Medien entschlossener agiert als etwa ein Olmert, und dem Land wohl einiges erspart. Sehr zur Lektüre im Original empfohlen, denn in deutscher Übersetzung dürfte es kaum erscheinen.

Z wie Zeugen, glaubwürdige

Noam Chomsky, Sümeyye Ertekin, Norman Finkelstein, Neve Gordon, Glenn Greenwald, Arun Gupta, Amira Hass, Henning Mankell, Paul Larudee, Gideon Levy, Lubna Masarwa, Ken O’Keefe, Daniel Luban, Kevin Ovenden, Ilan Pappé, Henry Siegman, Ahdaf Soueif, Richard Tillinghast, Alice Walker, Stephen M. Walt, Philip Weiss, Norman Paech, Haneen Zoabi. Wer seine längst widerlegten Märchen aus 1001 Propagandanacht bedenkenlos von einem Ex-Terroristen verlegen lässt (siehe A), und zwar in der Sachbuch- statt in der Fiction-Abteilung, wäre bei jedem anderen Thema längst draußen. Nicht aber bei diesem. Schön für die üblichen Verdächtigen, ein Elend für alle anderen.

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Einer der kürzesten Witze aller Zeiten geht so: „Geht ein SoE-Autor an einer Buchhandlung vorbei.“ Was mich betrifft, empfehle ich, wie vor Jahresfrist, gern zur Lektüre weiter, was mir im ablaufenden Jahr besonders lesenswert erschien. Dass es sich in erster Linie um (zeit-) historische Sachbücher handelt, schlägt sich in dieser Auswahl entsprechend nieder.

Richard J. Evans:
Das Dritte Reich

Monumentales zeitgeschichtliches Werk in drei voluminösen Bänden, exzellent strukturiert und geschrieben. Selbst wer sich schon eingehender mit dem Nationalsozialismus beschäftigt hat, wird hier noch auf interessante Fakten stoßen. Auf gut 3000 kleinbedruckten Seiten beschreibt der britische Historiker zunächst die Entwicklung bis zur Machtergreifung („Aufstieg“), dann die Friedensjahre von 1933 bis 1939, in denen der Krieg bereits vorbereitet wurde („Diktatur“), und schließlich den Zweiten Weltkrieg und die Shoah („Krieg“). Nichts für schwache Nerven. Schon für die komplette Taschenbuchausgabe sind 100 Euro hinzublättern, aber jeder Cent lohnt sich.

David Horovitz:
Still Life with Bombers

In seinem 2004 erschienenen Buch zeigt der Chefredakteur der Jerusalem Post sehr anschaulich, wie die Israelis mit der Terror-Intifada ab Herbst 2000 zu leben lernten und welchen Einfluss die beispiellose Welle der Gewalt auf ihre politischen Einstellungen hatte. Ein Must-Read für jeden, der sich zum Nahostkonflikt äußern zu müssen meint, jedoch – anders als der Dreck von Shlomo Sand, Norman Finkelstein und Moshe Zimmermann – leider nicht auf Deutsch erhältlich. Lektüre ist noch nicht abgeschlossen, eine ausführliche Rezension folgt demnächst auf diesem Blog.

Antony Beevor:
D-Day

Ein weiteres ausgezeichnetes Werk des englischen Militärhistorikers („Stalingrad“, „Berlin 1945“), das eindrucksvoll die Landung der Alliierten in der Normandie und die Kämpfe bis zur Befreiung von Paris schildert.

Benjamin von Stuckrad-Barre:
Auch Deutsche unter den Opfern

Sehr unterhaltsame Sammlung von klugen und ironischen Reportagen. Ob Stuckrad-Barre Politiker im Wahlkampf beobachtet oder Protagonisten der Kulturszene: Das ist Deutschland, alter Finne!

Robert Crowley:
Konstantinopel 1453. Die letzte Schlacht

Glänzende Darstellung zunächst der vergeblichen Versuche der Religion des Friedens, Byzanz zu erobern, bis zu Sultan Mehmets entschlossenerem Unternehmen, die von den Glaubensbrüdern im Stich gelassene christliche Bastion am Bosporus zu belagern und zu schleifen.

Heike Faller:
Wie ich einmal versuchte, reich zu werden

Launiger Bericht einer Journalistin: Während eines Sabbaticals versucht sie sich über die Mysterien der Finanzwelt schlau zu machen, die ihr bis dahin ein Buch mit sieben Siegeln waren. Wie funktioniert der Geldkreislauf, was passiert an der Börse, warum fällt der Goldpreis mal, warum steigt er? Unterhaltsam und lehrreich, vor allem, wenn man selbst von Wirtschaft keinen Schimmer hat.

David Landes:
Wohlstand und Armut der Nationen

„Warum die eine reich und die anderen arm sind“, heißt es im Untertitel, und das erklärt Landes überaus interessant: Eine Mischung aus geographischen (und klimatischen) Faktoren, historischen Entwicklungen und kulturellen Gepflogenheiten hat dazu geführt, dass es einigen Ländern bestens geht und andere einfach nicht in die Gänge kommen. Wirtschaftsgeschichte vom Feinsten.

Martin Block und Birgit Schulz:
Die Anwälte – Eine deutsche Geschichte

Was hatten Hans-Christian Ströbele, Horst Mahler und Otto Schily mal gemeinsam? Sie verteidigten RAF-Terroristen vor Gericht und pflegten ein zwiespältiges Verhältnis zur Bundesrepublik. Heute ist der erste ein grüner Besserwisser, der 21-jährige Berufsschüler vor McDonald´s bewahren muss, der zweite ein Nazi, der vor der Gefahr des Weltjudentums warnt und der dritte brachte es zwischenzeitlich zum Bundesminister des Inneren, der Selbstmordattentätern bescheinigte, wenn sie den Tod wollten, könnten sie ihn haben. Bizarre Lebenswege dreier Männer, die sich nichts mehr zu sagen haben.

Hamed Abdel-Samad:
Der Untergang der islamischen Welt: Eine Prognose

Kurz, knapp und einleuchtend fasst der deutsch-ägyptische Poitikwissenschaftler die Gründe zusammen, warum die islamischen Länder im Zustand der Rückständigkeit erstarrt sind. Mindestens ebenso lesenswert wie seine dramatisch ehrliche Autobiographie „Mein Abschied vom Himmel“.

John Kennedy Toole:
Ignaz oder Die Verschwörung der Idioten

Witziger Roman eines jungen Amerikaners aus den 60er-Jahren, den ich erstmals in einer Zeit las, als ich einen Heidenspaß an Sloterdijks „Kritik der zynischen Vernunft“ hatte: Die Geschichte eines hochgebildeten, aber komplett asozialen, stinkefaulen Nerds in New Orleans, der sich so lange von der Welt verfolgt fühlt, bis man tatsächlich hinter ihm her ist. Lese ich immer mal wieder, weils einfach saukomisch ist. Der Titel spielt auf ein Zitat von Jonathan Swift an: „Wenn ein wahres Genie in die Welt tritt, erkennt ihr es an den Idioten, die sich dagegen verschwören.“

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Opferneid

In seinem großartigen Buch „Unter Linken. Von einem, der aus Versehen konservativ wurde“ (Ende letzten Jahres auf diesem Blog empfohlen) widmet SPIEGEL-Autor Jan Fleischhauer dem Juden- und Israelknacks der Linken ein eigenes Kapitel: „Opferneid – Die Linke und der Antisemitismus“. Leider wurde dieser Aspekt in der kürzlich im Fernsehen gezeigten Filmversion komplett ausgeklammert, was sogar sehr schade ist, denn selten hat jemand auf knapp 25 Seiten so treffend beschrieben, was da im Argen liegt – und beileibe nicht nur bei den deutschen Linken. U.a. finden sich dort Passagen wie diese:
 

Das Tabuverbot, die Juden als Problem zu sehen, hat auf der Linken gerade mal fünfundzwanzig Jahre gehalten. Es gehört zu den Errungenschaften der Achtundsechziger, hier einen ersten Schlussstrich gezogen zu haben. Seit Anfang der Siebziger darf man in den aufgeklärten Kreisen wieder ganz offen darüber reden, dass die Welt ein besserer Platz wäre, wenn sich die Juden ein bisschen am Riemen reißen würden. Es gibt ein paar Konzessionen an den Zeitgeist, statt von Juden spricht man jetzt von Israelis, aber jeder weiß, was gemeint ist.

Über eine gewisse „obsessive Besessenheit“:
 

Es ist für mich immer wieder verblüffend zu sehen, wie viele Menschen sich im Nahen Osten auszukennen scheinen. Ich war vor Jahren einmal in Israel, zusammen mit meiner Frau, die ich damals gerade kennengelernt hatte; es hat mir gefallen, muss ich sagen, das Wetter war gut, die Leute freundlich, es gibt viele historische Stätten zu besichtigen. Aber ich kann nicht behaupten, dass ich mich, nur weil ich mal im See Genezareth geschwommen bin, nun als Israel-Experten empfinde. Schon gar nicht habe ich eine Idee, wie man die Auseinandersetzungen zwischen Juden und Arabern lösen könnte, es ist mir auch nie in den Sinn gekommen, dazu einen Vorschlag zu erarbeiten. Aber mit diesem Desinteresse bin ich offenbar in der Minderheit: Es gibt gerade in Deutschland eine erstaunlich große Zahl von Spezialisten, die sich über die Lösung des Palästinakonflikts den Kopf zerbrechen und an einem Plan basteln, der die Region ein für alle Mal befrieden könnte. Das ist keine Spezialität der Linken, diese Art von Gedankenspiel scheint eine begeisterte Anhängerschaft in allen Lagern zu besitzen. Auf der Linken wird es nach meiner Einschätzung nur besonders passioniert betrieben. (…)
 
Nicht die Kritik an der israelischen Politik gibt zum Nachdenken über die Gemütslage der Kritiker Anlass, sondern die nahezu obsessive Beschäftigung mit diesem Ausschnitt der Welt, die Entschiedenheit im Urteil und die besondere Erregungsbereitschaft, mit der alle Überlegungen vorgetragen werden. Man könnte ja auch einmal umgekehrt fragen, wenn uns, beispielsweise, die Mexikaner laufend ihre Meinung zu Fragen der deutschen Innenpolitik kundtäten und dann ganz beleidigt reagierten, sobald wir ihre interessanten, aber leider ziemlich wirklichkeitsfremden Ansichten nicht gebührend ernst nähmen. Ich vermute, wir wären auch etwas befremdet, wenn unsere mexikanischen Freunde leidenschaftlich die Vor- und Nachteile der deutschen Einheit diskutierten und dazu lange Leitartikel verfassten und Podiumsdiskussionen abhielten. Uns würde wahrscheinlich der Verdacht beschleichen, dass die Mexikaner ein kleines Deutschenproblem hätten und sich besser um ihre eigenen Angelegenheiten kümmern sollten. (…)
 
Ein Gutteil der deutschen Linken hat genaue Vorstellungen, wie sich die Juden in Palästina aufführen sollten und wie besser nicht, wenn ihnen ihre Zukunft lieb ist. Von Wolfgang Pohrt stammt die Formulierung vom „Täter als Bewährungshelfer“, der darauf achte, dass „seine Opfer nicht rückfällig werden“: Nichts aus der Geschichte gelernt zu haben, gilt hierzulande als besonders schwere Sünde, und die Juden haben sich in dieser Beziehung aus deutscher Sicht als besondere Enttäuschung erwiesen.

Über seltsame Allianzen:
 

(Israel) ist übrigens auch der einzige Staat in der ganzen Region, der seinen Bürgern alle westlichen Freiheitsrechte garantiert, inklusive Frauen, Homosexuellen und politisch Andersdenkenden, ein Novum im Nahen Osten. Nur in Israel gibt es ein gleiches freies Wahlrecht, nur hier darf jeder über alles debattieren, was ihm gefällt, und muss nicht fürchten, von irgendwelchen Schergen verschleppt zu werden, weil er mächtigeren Leuten auf die Füße getreten ist. Selbst die arabischen Einwohner genießen innerhalb der israelischen Grenzen Freiheiten, die ihnen in der muslimischen Nachbarwelt samt und sonders vorenthalten werden. Es gibt also aus der Sicht eines frauenbewegten, für Minderheitenschutz, Schwulenrechte und politische Selbstbestimmung eintretenden Durchschnittslinken durchaus Gründe, dem israelischen Staat die Daumen zu drücken, aber die Sympathien liegen in diesem Fall nicht selten bei den frauenverschleiernden, schwulenhassenden, minderheitenverachtenden Moslembrüdern im Umland. Tatsächlich kann nur allzu oft noch jeder palästinensische Selbstmordattentäter auf mehr Verständnis rechnen als ein israelischer Siedler, der im Geröllfeld bei Ariel oder Ofra sein Haus errichtet, da wird an deutlichen Worten nicht gespart.

Über groteske Besserwisserei:

Die Israelis haben durchaus eine Lehre aus dem Holocaust mitgenommen, wie sich zeigt, nur leider aus Sicht der internationalen Gemeinschaft der Weltverbesserer die falsche: Wo besorgte Friedensschützer zu Geduld mit den Terroristen raten, bevorzugen die Nachfahren der KZ-Überlebenden die Praxis von Prävention und Strafe. Anders als die Zuschauer von außen, die finden, man sollte die Ankündigungen einer zweiten Endlösung durch arabische Staats- und Parteiführer nicht so ernst nehmen, halten sie sich lieber an ihre Erfahrung, die ihnen sagt, dass sie denselben Fehler besser nicht noch einmal machen sollten. Begütigende Worte und ernste Ermahnungen haben in der Vergangenheit leider nicht so viel ausgerichtet wie von der Gemeinde der Friedensforscher in ihren Studien ausgewiesen.

Über die eigentliche Antriebsfeder:

Auf ihrer Suche nach einem Ersatzopfer, dass sie an die Brust drücken kann, ist die Israel-kritische deutsche Linke gleich um die Ecke in der nahöstlichen Nachbarschaft fündig geworden. Nun gilt der Palästinenser als der gute Mensch, dem man beistehen muss, als „Opfer der Opfer“, wie es der langjährige Bremer SPD-Bürgermeister Henning Scherf bei einem Empfang in seinem Rathaus für 50 Opferopfer so trefflich auf den Punkt brachte. Das ist die zweite Etappe der Umschuldungsaktion: Je mehr sich die Israelis an den Palästinensern versündigen, desto geringer wiegt die Schuld der Deutschen.

Wie gesagt: ein großartiges Buch, übrigens gerade in der aktualisierten Taschenbuchausgabe erschienen. Selten waren 8,95 € (in Österreich: 9,20 €) so gut angelegt.

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