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Drecksblatt

Wenn es Juden an den Kragen geht, davon sind die meisten Deutschen überzeugt, sind sie selbst dafür verantwortlich. Konnte es schon nur deshalb zur Shoa kommen, weil es dem Internationalen Judentum gelang, „die Völker noch einmal in einen Weltkrieg zu stürzen“, wie der Gröfaz Anfang 1939 schon mal vorbeugend klarstellte, sind es heute die Israelis, die den unbändigen Judenhass in der Region selbst heraufbeschworen haben.

Schießt der Irak Saddam Husseins im Jahr 1991 Dutzende Scud-Raketen auf Großstädte im nicht am Krieg beteiligten Israel ab, weshalb Millionen Israelis mit Gasmasken in abgedichteten Zimmern auf den nächsten Einschlag warten müssen, erklärt der Grüne Christian Ströbele, dies sei nur „die logische, fast zwingende Konsequenz der israelischen Politik den Palästinensern und den arabischen Staaten gegenüber“. Feuern im Jahr 1996 palästinensische Polizisten auf ihre israelischen Friedenspartner, ist Netanyahu schuld, der die Öffnung eines archäologischen Tunnels in Jerusalem genehmigt hat. Tritt Yassir Arafat im Herbst 2000 eine beispiellose Terrorwelle gegen israelische Zivilisten los, die Tausende das Leben kostet, geht das auf die Kappe des Oppositionspolitikers Sharon, der sich 20 Minuten auf dem Tempelberg aufgehalten hat.

Werden im Juni 2014 drei israelische Jugendliche von Palästinensern verschleppt, dichten mehrere deutsche Zeitungen den Opfern an, „Siedler“ und damit gewissermaßen illegale Besatzer zu sein, die ihr Los wohl reichlich verdient haben. Den vorläufigen Höhepunkt der „Die Juden sind an ihrem Schicksal selber schuld“-Kampagne liefert heute Abend die Online-Ausgabe der Süddeutschen Zeitung. Das Qualitätsmedium aus München, das jeden jugendlichen palästinensischen Brandsatzwerfer, der bei Zusammenstößen mit israelischen Sicherheitskräften erschossen wird, als mutmaßlich kaltblütig getöteten Jugendlichen darstellt, was die Kommentatorenmeute in „Kindermörder Israel“-Phantasien schwelgen lässt, schafft es tatsächlich, selbst einem 13-Jährigen, der auf dem Golan bei einem von Syrien aus organisierten Anschlag durch einen Sprengsatz ums Leben kommt, mittels kaltblütiger Wortwahl die Schuld für seine Ermordung zuzuschieben:

Auf den Golanhöhen ist erstmals seit Beginn des syrischen Bürgerkriegs ein Israeli getötet worden. (…) Was er in dem gefährlichen Gebiet zu suchen hatte, ist unklar.

Klar ist hingegen, dass es sich bei der Süddeutschen Zeitung um ein Medium handelt, das fortgesetzt und absichtsvoll jede wahrhaftige und faire Berichterstattung fahren lässt, wenn es um Israel geht; dass es selbst die Würde eines getöteten Kindes mit Füßen tritt, wenn es Israeli ist (bittere Ironie am Rande: das Opfer hieß Muhammad Karaka, war arabischer Herkunft und wohnte in Untergaliläa) und dass nicht einmal dem hässlichsten toten Aal zugemutet werden kann, in dieses Drecksblatt eingewickelt zu werden.

 

Hau den Bibi!

Ach, was waren das für Zeiten, als man im Journalismus Nachricht und Kommentar noch zu trennen pflegte! Bei Spiegel online gibt sich Julia Amalia Heyer keine Mühe, ihr Ressentiment gegen die allseits verhasste israelische Regierung zu verbergen, und wenn sie dazu in einem Verbrechensfall Täter zu Opfern und Opfer zu Tätern machen muss. Die Reaktion auf die Entführung dreier israelischer Teenager, nicht die Untat an sich, macht der deutschen Korrespondentin schwer zu schaffen. Doch halt – sagten wir Verbrechen? So weit würde die Reporterin nicht gehen. Sie spricht mal von einem „Unglück“, mal von einer „Tragödie“ – und mehrmals vom „Verschwinden“ der drei Jungs, „wie Netanjahu sie nennt“ und was sie offenbar nicht sind.
 
Sondern: Siedler. „Drei junge Siedler“, die am Donnerstagabend „in ihre Siedlungen trampen“. Nun wohnen zwei der drei Entführungsopfer gar nicht in einer Siedlung, sondern diesseits der Green Line, aber da Siedler gemeinhin als vogelfrei gelten, deutet Heyer damit an, dass so was schon mal passieren kann, denn schließlich leben hier Juden „auf palästinensischem Territorium“ (vulgo: umstrittene Gebiete, über welche, in dieser Reihenfolge, die Osmanen, Engländer, Jordanier und Israelis herrschten, niemals aber Palästinenser; die stellen hier rückwirkende Ansprüche, über die man reden kann oder auch muss, die aber nicht gottgegeben sind), und solche Subjekte darf man jederzeit, wie die Familie Fogel, in ihren Betten abschlachten oder eben kidnappen, um einen „Gefangenenaustausch“ in die Wege zu leiten.
 
Nun ist es natürlich möglich, dass Eyal, Naftali und Gilad nicht entführt wurden; vielleicht sind sie ja tatsächlich vom Erdboden „verschwunden“, wurden just for fun von Chefingenieur Scotty aufs Raumschiff Enterprise hochgebeamt, wo sie sich auf der Brücke gemeinsam mit der Crew über schwere Dachschäden bei Journalisten im 21. Jahrhundert amüsieren, auszuschließen ist nichts. Aber Julia Amalia Heyer ist großzügig genug, die Möglichkeit einer Entführung in Betracht zu ziehen. Womit sich allerdings die Frage stellt: Wer war’s? Die Hamas, der Heyer noch vor drei Monaten bescheinigte, sie sei angetreten, um „den Alltag der Palästinenser in Gaza lebenswerter zu machen“, kann es natürlich kaum gewesen sein, denn die „Bewegung, die seit 2007 im Gazastreifen regiert“, hat „die Anschuldigung ausdrücklich zurückgewiesen“. So!
 
Sie hat auch – nach gelungener Freipressung von mehr als 1000 palästinensischen Terroristen infolge der Geiselnahme Gilad Shalits – immer wieder dazu aufgerufen, mehr Juden zu entführen, um Israel zur Entlassung weiterer Tausend Häftlinge zu nötigen, und es auch mehrmals erfolglos versucht, aber darauf geht Frau Heyer nicht ein; ihr ist wichtiger, dass der „Hardliner“ Netanjahu die Hamas verantwortlich macht, und was einer sagt, der „Teilen der internationalen Gemeinschaft als notorischer Neinsager“ gilt (ungeachtet des Wye-Abkommens, ungeachtet der Bar-Ilan-Grundsatzrede, ungeachtet der von ihm veranlassten Gesten des guten Willens, die stets ohne Erwiderung blieben), ja „manchen sogar als Kriegstreiber“, das kann und darf ja nicht wahr sein. „Konkrete Beweise blieb Netanjahu bisher schuldig“, greint die Spiegel-Reporterin, ganz so, als seien die israelischen Geheimdienste es ausgerechnet der bis auf die Knochen feindseligen Journaille schuldig, ihre Erkenntnisse öffentlich zu machen.
 
Bar jeglichen Mitgefühls für die „Verschwundenen“, dreht Heyer den Israelis einen Strick aus der Tatsache, dass sie mit ihren Warnungen und Befürchtungen Recht behalten haben; sie weideten „den Vorfall propagandistisch aus“, politisch komme diese Sache dem Ministerpräsidenten „zupass“, er wolle sich „endlich wieder als der Hardliner präsentieren, als der er seit Jahren gewählt wird“. Zwar hat Netanjahu einen ziemlich undankbaren Job, der ihn zwingt, am laufenden Band Antworten auf Druck und Terror zu finden, gleichzeitig Solidarität mit den Angehörigen von Terroropfern zu zeigen und ihnen Hoffnungen zu machen, zu denen es vielleicht schon keinen Anlass mehr gibt, aber für Heyer hat das alles keine Bedeutung. Was Bibi sagt, ist vom Teufel, seine entschlossene, aber auch mitfühlende Ansprache an die Israelis wertet sie als „Brandrede“, und dass der Regierungschef – gibt’s denn so was? – auch noch Mahmud Abbas mitverantwortlich macht, nur weil der sich gerade mit der Hamas verbündet hat, geht natürlich gar nicht. „Lautstark“ macht er das auch noch, meint Heyer, die vielleicht nicht an der Journalistenschule, aber doch in der täglichen Praxis gelernt hat, wie man unliebsame Typen mit negativen Attributen zur Minna macht, gern garniert mit einem unvorteilhaften Foto des Prügelknaben. Im Spiegel hat das seit jeher Tradition; schon vor 30 Jahren haben andere Regierungschefs etwas „bekräftigt“ oder „klargestellt“, nur Begin „tönte“ immer. Was die Stimmungsmache betrifft, hat Heyer den Bogen raus, sie weiß, wenn man Netanjahu oft genug als Hardliner bezeichnet, wird’s gefressen. Und nur zu gern, wie ein Blick in die Hölle zeigt, die sich bei Spiegel online „Forum“ nennt.
 
Da Palästinenser nach der gängigen Medienstrategie immer nur als hilflose Objekte, niemals aber als handelnde – und damit auch verantwortliche – Subjekte dargestellt werden, gilt es auch in diesem Fall, die Juden nicht als Opfer zu benennen. Zwar sind es die Israelis, die seit einer Woche um drei verschleppte Minderjährige bangen, aber wirklich leiden müssen einmal mehr die Palästinenser: Die bedauernswerten Menschen, die von den Razzien im Westjordanland betroffen sind! Und was erst der Bevölkerung im Gazastreifen droht, „die bereits seit Monaten darbt“! Wieder so eine Information, die Heyer exklusiv hat; zwar wird die „humanitäre Katastrophe“ in Hamastan seit dem Abzug der Israelis vor neun (!) Jahren immer mal wieder bemüht, aber noch hat sich niemand zu Tode gedarbt, eher im Gegenteil, und wenn jemand in dem Küstenstreifen hungert oder dürstet, dann nur nach einem Dschihad gegen die Juden.

Da ist dann Julia Amalia Heyer gern bereit, im Propagandakrieg die helfende Hand zu reichen. Im Jahr 2014 ist das in einem deutschen Massenmedium überhaupt kein Problem mehr, schließlich feiert man das Bündnis zweier Terrorgruppen inzwischen landauf, landab als begrüßenswerte „Versöhnung“, die wundersamerweise den Frieden zu befördern vermag. Unter die Räder kommt dann eben der jüdische Staat, der aus übertriebener Sorge um drei jugendliche Bürger in Feindeshand mal wieder völlig unverhältnismäßig reagiert und aus der „Tragödie“ auch noch eiskalt „den maximalen politischen Nutzen“ ziehen will. Da alles, was Israel tut oder unterlässt, unter allen Umständen falsch und verwerflich sein muss, ist ein Gesetz, das „den Austausch oder die Begnadigung von Gefangenen in Zukunft schlicht verbietet“ und das man für sinnvoll halten muss, soll sich der Rechtsstaat nicht auf ewig erpressbar machen, für Heyer selbstredend eine Monstrosität, ebenso unstatthaft wie eines, „das die Zwangsernährung hungerstreikender Häftlinge erlaubt“ und so dem ersehnten Märtyrertum einen Riegel vorschiebt.
 
Derweil halten die Palästinenser seit einigen Tagen feixend drei gespreizte Finger in die Kameras, Ausdruck ihrer unbändigen Freude über die Entführung der drei Jugendlichen, aber die grassierende Soziopathie in den Gebieten, die seit zwei Jahrzehnten von Fatah und Hamas beherrscht werden, ist für Julia Amalia Heyer und ihresgleichen natürlich kein Thema. Das könnte die Feinde Israels nicht gut aussehen lassen, das wäre fatal, also wird es, wie die Erziehung zum Judenhass, die Ermordung von „Kollaborateuren“ und ähnliche in Palästina gern gepflegte Traditionen, stillschweigend unter den Teppich gekehrt.

Die letzte Tinte spart man sich auf, um vor der Gefahr zu warnen, die von den Juden ausgeht. An so einer Presse hätte das Humpelstilzchen vor 70 Jahren seine helle Freude gehabt.

 

Caroline Glick, israelische Journalistin amerikanischer Herkunft, erklärt die Zweistaatenlösung für gescheitert – und plädiert stattdessen für eine bisher kaum erörterte Option.

Wie nennt man eine Abfolge von antijüdischer Hetze, unfassbar heimtückischen Terroranschlägen in großem Stil und darauf folgenden Antiterrormaßnahmen, einseitigen israelischen Zugeständnissen, die von Gesten des bösen Willens beantwortet werden, Märtyrerglorifizierung und fruchtlosen Gesprächen?

Richtig: “Friedensprozess”.

Der nahöstliche „Friedensprozess“, vor zwei Jahrzehnten ins Leben gerufen, spaltete von Anfang an. Für naive Gemüter bedeutete er nicht weniger als das Ende des israelisch-arabischen Konflikts; für diejenigen am anderen Ende des Spektrums (vulgo: ultrarechte Friedensfeinde) war er eine Totgeburt und seine Folgen wurden in düsteren Farben ausgemalt. Die dazwischen klammerten sich an die Hoffnung, es werde schon irgendwie gutgehen, schließlich sei die „Zweistaatenlösung“ gewissermaßen alternativlos.

20 Jahre nach Arafats Ankunft in den Gebieten, nach einer weiteren “Intifada” mit Tausenden von Terroranschlägen und ebenso vielen Toten, nach Arafats und Abbas´ Ablehnung sämtlicher Kompromissvorschläge und dem unverhohlenen Versuch, den jüdischen Staat auf allen möglichen Umwegen zu bekämpfen weiß man, jedenfalls in Israel, dass die Skeptiker – leider – Recht behalten haben. Hinzu kommt, dass die im arabischen Raum nahezu täglichen Bekenntnisse zur Vernichtung Israels im Westen nicht zur Kenntnis genommen werden, ebenso wenig wie die antijüdische Hetze in palästinensischen Kindergärten, Schulen und sämtlichen Medien. Außerhalb der Palästinensergebiete, insbesondere im Libanon und im Iran, sieht es nicht besser aus. Klar scheint: So, wie es ist, kann es wohl nicht weitergehen. Zwar können beide Seiten aus verschiedenen Gründen gar nicht so schlecht mit dem Status Quo leben, dennoch wird er gemeinhin als unerträglich empfunden – Dutzende von mit großen Hoffnungen entworfenen und wieder eingestampften Friedensplänen sprechen eine deutliche Sprache. Die gute alte “jordanische Option” wäre nach wie vor attraktiv – mit dem kleinen Schönheitsfehler, dass Jordanien nicht mitmachen würde.

Die palästinensische Lösung – Israel löst sich in Wohlgefallen auf oder wird überrannt und vernichtet, um eine vermeintliche Ungerechtigkeit der Geschichte zu tilgen – stößt wiederum in Israel auf wenig Gegenliebe. Ein bedingungsloser Abzug der Israelis aus sämtlichen im Präventivkrieg 1967 eroberten (manche sagen: befreiten) Gebieten, wie er von nicht wenigen Wahnsinnigen gefordert wird, hätte unweigerlich den nächsten Krieg in Rekordzeit zur Folge. Mein persönlicher Favorit (die Palästinensergebiete werden von einigen wenigen Nationen, in denen die Vernunft noch zuhause ist, unter Kuratel gestellt und unter ihrer Verantwortung mit Demokratie und zivilgesellschaftlichen Normen bekannt gemacht, bis eines Tages friedliche Koexistenz möglich ist, was allerdings ein, zwei Generationen dauern kann) wird unverständlicherweise so gut wie gar nicht in Erwägung gezogen.

Zeit, die verbliebenen Optionen zu erörtern.

1. Die Zweistaatenlösung – ein Staat für die seit den 70er-Jahren als Palästinenser bezeichneten Araber und einer als nationale Heimstätte des jüdischen Volkes. Sie ist aufgrund der zahllose Male unter Beweis gestellten arabischen Weigerung, sich dauerhaft mit der Existenz des Staates Israel abzufinden, auf absehbare Zeit nicht zu realisieren.

2. Eine Teilannexion der umstrittenen Gebiete in Judäa & Samaria / Westjordanland (es handelt sich hier um die großen Siedlungsblöcke in Nähe der ehemaligen Waffenstillstandslinien), derzeit in Israel etwa vom nationalreligiösen Politiker Naftali Bennett ins Gespräch gebracht, oder ein größerer einseitiger Rückzug Israels wäre eine weitere Option; viele Israelis sind allerdings aufgrund der Erfahrungen mit militärischen Rückzügen (Teile der Westbank ab 1994, Libanon 2000, Gaza 2005,), die allesamt mit Terroranschlägen, massivem Raketenbeschuss israelischer Ortschaften und Kidnappings israelischer Soldaten zwecks Gefangenenfreipressung beantwortet wurden, nicht wirklich erpicht auf die möglichen Folgen. Zumal nicht einmal militärische Maßnahmen als Reaktion auf Attentate und Raketenangriffe von der Welt goutiert werden.

3. Bleibt die Option, die Westbank zu annektieren. Die dort ansässige Bevölkerung zu vertreiben (wie es bei einem umgekehrten Kräfteverhältnis zweifellos geschehen würde und auch 1948/49 bereits geschah), kommt in Israel so gut wie niemandem in den Sinn; also wären die Palästinenser einzubürgern. Eine Aussicht, die die meisten Israelis schreckt – schließlich haben sie sich aus Sorge, irgendwann zur Minderheit im eigenen Land zu werden, überhaupt auf den verhängnisvollen „Friedensprozess“ eingelassen, der dann mehr Opfer gefordert hat als die Zeit davor. Die Politik der Abkopplung, der die meisten Israelis derzeit anhängen, hat zum Ziel, sich lieber früher als später von den Gebieten – bzw. 90 Prozent plus X von ihnen – zu trennen.

Hier setzt Caroline Glick an. Die vor allem als Hardcore-Kolumnistin der Jerusalem Post bekannte Journalistin plädiert für eine Annexion Judäas und Samarias, sowohl aus historischen Gründen als auch im Rahmen des Internationalen Rechts (das, anders als gemeinhin angenommen, keineswegs die Ansprüche der Palästinenser stützt). Israel sei dann vielmehr “legitimer Souverän, nicht Besatzungsmacht”. Das Entscheidende dabei ist: Glick behauptet, die größte Sorge der Israelis – im Rahmen einer Einstaatenlösung dereinst zahlenmäßig unterlegen zu sein – entbehre ihrer Grundlage. Der Knackpunkt sei, dass die als real hingenommene Zahl der Palästinenser in Judäa & Samaria / Westbank um mindestens 50 Prozent übertrieben sei. Sie beruhe auf getürkten Statistiken des PCBS (Palestinian Cantral Bureau of Statistics) aus dem Jahr 1997, in denen die Zahl der Palästinenser aus politischen Gründen hochgejazzt worden sei. So habe man Jerusalemer Araber sowie Exilpalästinenser mitgezählt, ebenso wie Palästinenser aus den Gebieten, die nach Eheschließungen mit Arabern aus Israel dorthin zogen und seither israelische Staatsbürger sind, und die Geburtenrate viel zu hoch angesetzt: Zwischen 2001 und 2011 sei etwa die Fertilitätsrate in der Westbank um mehr als ein Viertel gesunken, von 4,08 Kindern pro Frau auf 3,05; in Gaza von 5,69 auf 4,74. Die Zahlen stattdessen aufzublasen, geschah offensichtlich in der Absicht, Druck auf die Israelis auszuüben, die sich vor der „demographischen Zeitbombe“ fürchteten.

War die Zahl der in Judäa, Samaria und Gaza lebenden Palästinenser schon um 1,34 Millionen Köpfe zu hoch angesetzt, so Glick unter Berufung auf diverse durchaus glaubwürdige Statistiken, so wurden die Hochrechnungen für die nächsten Jahrzehnte ebenfalls entsprechend inflationiert. Dabei sei die vermeintliche „demographische Bombe“ in Wahrheit ein Blindgänger. Von diesem Punkt hängt Glicks Argumentation entscheidend ab: Ihre „Israeli Solution“ kann nur funktionieren, wenn die jüdische Mehrheit in Israel dauerhaft sichergestellt ist. Diese sieht vor, dass Gaza draußen bleibt; Glick verzichtet dankend, u.a. wegen der mangelnden historischen Bindung des jüdischen Volkes an das Gebiet und wegen des mutmaßlich zu gewärtigenden Kleinkriegs, in den Israel nach einem Sturz der dort herrschenden Hamas verwickelt würde. Man habe es also nur mit den Palästinensern diesseits des Jordans zu tun, deren Zahl, siehe oben, inflationiert sei: Statt der behaupteten 2,42 Millionen Araber lebten nur 1,41 Millionen in der Westbank. Ein Argument, das jedem einleuchtet, der häufiger durch das fragliche Gebiet gereist ist – menschenleere aride Gegenden, kleine Dörfer, einige wenige größere Städte – und sich gefragt hat, wo zum Henker sich die angeblich zweieinhalb Millionen Palästinenser wohl versteckt haben mögen.

Die Zahlen, die Caroline Glick anführt, sollen ihre These stützen, dass bei einer Annexion Judäa und Samarias (noch einmal: nicht Gazas!) und dem Angebot an alle dort lebenden Araber, israelische Staatsbürger zu werden, dennoch eine solide jüdische Zweidrittelmehrheit gewährleistet sei.

Nun ist die Frage, wie seriös Caroline Glicks demographisches Modell ist. Vielleicht liegt sie richtig, vielleicht liegt die Wahrheit irgendwo in der Mitte; dass die Zahlen des PCBS stimmen könnten, wäre nach aller Erfahrung mit der unverfrorenen palästinensischen Propaganda eine Sensation. Aber auch wenn Glick richtig läge: Wäre eine Zweidrittelmehrheit für Israel beruhigend oder überhaupt wünschenswert? Ja, sagt die Autorin; die neuen arabischen Mitbürger würden sich – wie die bereits in Israel existente arabische Bevölkerung von 1,7 Millionen – anpassen und die Vorteile des Lebens in einer liberalen, pluralistischen Demokratie zu schätzen wissen. Die älteren unter den Westbank-Palästinensern könnten sich noch gut an die Vorteile der „israelischen Besatzung“ erinnern. Damals konnte man sich als Palästinenser in Israel relativ frei bewegen, die meisten hatten dort einen Job, im Bildungs- und Gesundheitswesen verbesserte sich die Lage immens, die Urbanisierung nahm zu. Wie trostlos dagegen die Gegenwart: Unter der Herrschaft der PLO werden Kritiker drangsaliert, „Kollaborateure“ hingerichtet, wird die Jugend auf den „Heiligen Krieg“ gegen die Juden eingeschworen, verschwinden Milliardenhilfsgelder aus dem Ausland in den Taschen der herrschenden Gruppen.

Man kommt nicht umhin, Caroline Glick in den meisten Punkten zuzustimmen. Sie schätzt die Natur dieser Gruppen, von der vermeintlich gemäßigten Fatah bis zur islamistischen Hamas, im Gegensatz zu simplen Gemütern im Westen völlig richtig ein; sie skizziert deutlich den Charakter und das zweifelhafte Lebenswerk palästinensischer Nationalheiliger wie dem Großmufti Hadsch Amin el-Husseini und Yassir Arafat ebenso wie dem derzeitigen „Palästinenserpräsidenten“ Mahmoud Abbas, der die Attentäter von München 1972 finanzierte, in seiner Doktorarbeit den Holocaust leugnete, 40 Jahre lang Arafats Pudel war und heute Terroristen vor laufender Kamera zu Helden erklärt und üppig auszahlt (mit unser aller Steuergeldern übrigens). Sie beobachtet sehr genau die „wenig hilfreiche“ respektive unselige und schändliche Rolle Europas und die Naivität der US-Regierungen, die seit 20 Jahren meinen, Appeasement gegenüber der arabischen Welt und Druck auf Israel könnten sie in der nahöstlichen Region beliebter machen – nur um festzustellen, dass Amerika dort längst als taumelnder Riese wahrgenommen wird, der seinen einzigen Verbündeten, Israel, schmählich im Stich lässt. Die Ansicht Obamas, der israelisch-palästinensische Konflikt sei für die Instabilität der Region verantwortlich (statt zu erkennen, dass es sich genau umgekehrt verhält, dass nämlich die grausamen Zustände in der arabischen Welt den Nahostkonflikt perpetuieren), geißelt Glick zu Recht als blauäugig. Und die Tendenz, die Schaffung eines Palästinenserstaates unter allen Umständen zu unterstützen – gleichgültig ob mit oder ohne Hamas, mit oder ohne Anerkennung des israelischen Existenzrechts, mit oder ohne Ablehnung des Terrorismus – sieht sie als verheerend an.

Natürlich spielt Glick die möglichen Reaktionen im Fall einer Durchsetzung der „israelischen Lösung“ durch: die der Palästinenser selbst, der Ägypter und Jordanier (Friedensverträge!), Syrer (Bürgerkrieg!), Libanesen (Hisbollah!), die voraussichtliche Reaktion Europas. Sie fallen, je nach Voraussetzung, mehr oder weniger unangenehm bis kaum juckend aus, wobei der gern bemühte „Flächenbrand“ auch hier ausbleiben dürfte. Entscheidend sei jedoch, dass die USA zu ihrem strategischen Verbündeten Israel stünden, mit dem man gemeinsame Werte teile. Die Wiedervereinigung Jerusalems nach dem Sechstagekrieg 1967, die Erklärung, Jerusalem bleibe „unteilbare Hauptstadt“ (1980) und die Annexion der Golanhöhen (1981) hätten international einigen Wirbel heraufbeschworen, seien aber letztlich ohne gravierende Folgen geblieben.

Von der Welt trotz des fortgesetzten PLO- und Islamistenterrors, der Weigerung, Israel anzuerkennen und der palästinensischen Intransigenz während sämtlicher „Verhandlungen“ im Stich gelassen, täte Israel gut daran, endlich zu tun, was in seinem Sinne sei. Und die USA – schließlich richtet sich Glicks Publikation an ein amerikanisches Publikum – täten gut daran, den One-State Plan zu unterstützen, auch und gerade aus Eigeninteresse. Natürlich wisse sie, so die Autorin, dass auch ihr Vorschlag nicht ohne Nachteile sei und möglicherweise Risiken beinhalte; angesichts der Tatsache, dass alle bisherigen Lösungsversuche krachend gescheitert seien, habe das Szenario aber sehr viel für sich.

Da auf absehbare Zeit keine Situation denkbar erscheint, in der, wie in einer biblischen Vision, der Löwe friedlich neben dem Lamm ruhen könnte (es sei denn, man gibt dem Löwen jeden Morgen ein frisches Lamm), ist diese Argumentation nicht ganz von der Hand zu weisen. Und angesichts des allzu oft erlebten Procederes, dass alles, was Israel unternimmt oder unterlässt, auf meist bösartige bis absurde Kritik trifft, wären selbst die harschesten Reaktionen auf die Umsetzung von Glicks Plan zu verschmerzen. Ob die Israelis aber auf ihrer Suche nach einem Ausweg aus der vollkommen verfahrenen Situation früher oder später diese oder ähnliche Optionen in Betracht ziehen könnten, hängt weniger von ihnen selbst ab als davon, ob die Palästinenser von ihren feuchten Träumen lassen oder in ihrer Verweigerungshaltung verharren – und was der Westen, der diesen Irrsinn finanziert, aus dem Debakel der vergangenen 20 Jahre zu lernen bereit ist.

 

Caroline Glick:
The Israeli Solution
A One-State Plan for Peace in the Middle East
New York 2014

 

Tolga (23) und Victoria (21) aus Kehl (Baden-Württemberg) werden in „Ticket ins Abenteuer“ (Vox, sonntags, 15.30 Uhr) zu einem Überraschungstrip in eine angesagte Metropole am Mittelmeer eingeladen, wo sie angeblich drei Tage lang mit 50 Euro auskommen sollen, um eine Woche in einem Luxushotel zu gewinnen. Zunächst haben sie keine Ahnung, wohin die Reise geht, dann wird es ihnen – nach peinlichen Versuchen, die Lösung aus den Hinweisen im Video zu schlussfolgern („Irak?“, „Kuba?“) – mitgeteilt. Und sie haben… immer noch keine Ahnung.

Er: „Tel Aviv?!“
Sie: „Wo isch´n des?“
Er: „Tel Aviv? Tel Aviv?“
Sie (lacht): „I weiß gar nit, was desch für´n Land isch.“
Er (grübelnd): „Wo isch Tel Aviv?“
Sie: „Spanisch, des hört sich Spanisch an!“
Er: „Nee, is net spanisch.“

Der Reiseführer wird ausgehändigt; nach einer Weile:

Sie: „Israel! Aber voll geil, ich war noch nie in Israel, Mann! Bös‘ geil… Geil. Da isch doch Jesus gebor´n, gell?“
Er: „Ich weiß es nich´.“
(in die Kamera:) „Ich hab noch nie vorher was von Israel gehört gehabt. Deswegen hab ich mir auch nichts gedacht. Weder von Tel Aviv noch von Israel…“
Sie: „Aber Israeliten sind doch… sind die freundlich? Israeliten. Wenn du so´n Kopftuch oder so anhascht, bestimmt, gell?“
Er: „Nee, die haben kein Kopftuch an; ich glaub´, da leben Juden!“
Sie (lacht): „Stimmt, da sind Juden, gell… ja, Mann… voll geil.“

 

Der Papst kommt – und wird nicht einmal beim Mittagessen von der traditionellen palästinensischen Larmoyanz verschont bleiben.

Es ist schon ein Kreuz mit den palästinensischen Christen. Jedenfalls, wenn sie, selbst von den Islamisten drangsaliert und zu einem erheblichen Teil bereits weggeekelt, in offizieller Funktion gegenüber westlichen Medien ihre palästinensische Identität herauskehren und das übliche Klagelied von der „israelischen Besatzung“ anstimmen – so wie Bethlehems Bürgermeisterin Vera Baboun, die im Interview mit der „Zeit“-Beilage Christ und Welt barmt:

Wir sind weniger Christen hier als früher. Viele Familien verlassen das Land wegen der politischen Lage: der israelischen Besatzung und ihren Auswirkungen.

Nun sind die Besatzer allerdings seit 20 Jahren verschwunden, da die Stadt 1994 von Arafats Palästinensischer Autonomiebehörde übernommen wurde. Seither, und keineswegs zu Besatzungszeiten, haben allein mehr als 6000 Bethlehemer Christen die Biege gemacht, mehr als 11.000 insgesamt aus dem Westjordanland. In Jerusalem zogen Hunderte christlicher Araber aus der Altstadt fort – in jüdische Viertel. Im israelischen Kernland wächst die Zahl der Christen kontinuierlich und liegt jetzt bei ca. 140.000. Sie verwalten ihre Heiligen Stätten selbst und sind – abgesehen von gelegentlichen Fällen von mutmaßlich von jüdischen Extremisten zu verantwortendem Vandalismus, die in den vergangenen Wochen durch die Medien gingen und auch in Israel entsprechende Reaktionen hervorriefen – keinerlei Beschränkungen unterworfen.

Frau Baboun, die natürlich nicht von dem gut sichtbaren Modell des Felsendoms spricht, das kurz vor Weihnachten 1994 auf dem Dach der Geburtskirche aufgestellt wurde, geschweige denn von der wochenlangen Besetzung derselben durch Fatah-Terroristen im Mai 2001, echauffiert sich, wie könnte es auch anders sein, über die Mauer im Norden der Stadt. Diese verhindert seit einigen Jahren den Beschuss der südlichen Vororte Jerusalems durch palästinensische „Widerstandskämpfer“, muss aber als Monstrosität herhalten, die nicht etwa Terroranschläge, sondern den heiß ersehnten Frieden verhindert:

Eine eingemauerte Stadt ist eine Stadt ohne Frieden.

Wenn Bethlehem, das eben nicht „eingemauert“ ist, eine „Stadt ohne Frieden“ sein könnte, dann läge das zwar allein an der Politik der Palästinensischen Autonomiebehörde bzw. an deren „bewaffneten Armen“, aber das wird dem Papst ganz sicher nicht unter die Nase gerieben werden. Es verträgt sich ja auch nicht wirklich gut mit dem Image der „Stadt des Friedens“, wenn maskierte bewaffnete Kerle von Häuserdächern im Vorort Beit Dschala in die Wohnungen von Gilo feuern, wie es während der “Al-Aqsa-Intifada” gang und gäbe war. Als eigentliches Friedenshindernis müssen einmal mehr die Folgen herhalten, die der eigene Terror zeitigte.

Also wird dem Oberhaupt der katholischen Kirche das furchtbare Schicksal eines jungen Palästinensers ohne Pass (!) nahegebracht, denn ohne mit dem Finger auf die Juden zu zeigen, können Palästinenser keinen Gast empfangen.

Und anders als die Touristen, die sich die Geburtskirche anschauen und dann schleunigst zusehen, dass sie noch vor dem Nachmittagskaffee wieder zurück in Jerusalem sind, muss Papst Franziskus gute Miene zum bösen Spiel machen. Da die Israelis auch hier ganz anders ticken als ihre Nachbarn jenseits des Zauns, bleibt es ihm immerhin erspart, sich in einem Rehabilitationszentrum in Israel umschauen zu müssen, wo die Opfer palästinensischer Terroranschläge in Behandlung sind, denen eine Mauer zur rechten Zeit ihr Schicksal vielleicht erspart hätte. Gleichwohl muss die Mauer nach Ansicht der christlichen Bürgermeisterin Baboun weg, denn die Juden sollten, wenn man sie schon auf die linke Wange schlägt, auch noch die rechte hinhalten.

Und wenn die Juden christlicher agieren als die Christen, kommen als lachende Dritte die militanten Muslime hinzu. Ein Miteinander der Religionen im Heiligen Land, das gewiss so manchen freuen würde. Nur: Mit Frieden hätte ein solches Szenario nicht die Bohne zu tun, und das wird dem Pontifex hoffentlich gesteckt, wenn er denn politisch werden sollte. Zur Erinnerung: Hinter den Mauern des Vatikans ist Rom; hinter der Mauer südlich von Gilo der Nahe Osten.

 

24 Stunden Jerusalem – eine Doku über die Stadt und die Menschen, die dort leben. Das hört sich gut an, insbesondere, wenn man Jerusalem kennt und liebt. Man steht dafür vielleicht nicht um 6.00 Uhr auf und bleibt dann einen Tag und eine Nacht lang vor der Glotze kleben, aber, he: Jerusalem!

Jetzt die schlechte Nachricht: Das, was von morgen 6.00 bis Sonntag um 6.00 bei Arte und im Bayerischen Fernsehen gezeigt wird, ist zwar ein ambitioniertes und vor allem kostspieliges Projekt (über 2,4 Millionen Euro), der Erkenntniswert jedoch mehr als fragwürdig. Vor allem, seit die Verantwortlichen der „24h Jerusalem“-Doku und die arabischen Filmteams und Protagonisten zwei Mal von Extremisten unter Druck gesetzt wurden, das Projekt zu boykottieren: Die Abbildung der Realität vor Ort käme einer Anerkennung des Status quo gleich, so die Blockadekräfte; und diese wussten auch sehr genau, wie man dafür sorgt, dass die friedliche Koexistenz in Jerusalem nicht gezeigt wird. Die arabischen Teilnehmer knickten ein, die Macher auch, und schließlich filmte man getrennt: hier die Juden (gefilmt von Juden), da die Araber (gefilmt von Arabern) und daneben die Restlichen (gefilmt von Europäern), dergestalt eben die Apartheid abbildend, die von den palästinensischen Fanatikern gewünscht ist, denn mit Juden darf man nach deren Willen nichts gemeinsam machen. Das entspricht zwar nicht der Alltagsrealität vor Ort, aber immerhin der Auffassung der Projektleiter, die Stadt sei „geteilt“.

Geteilt war Jerusalem tatsächlich – zwischen 1948 (Eroberung Ostjerusalems durch die jordanische Legion, Halten des Westteils durch Israel) und 1967 (Eroberung Ostjerusalems durch die israelischen Streitkräfte nach Beschuss der Neustadt – also Kriegseintritt – durch Jordaniens Armee). Allerdings wird das entscheidende Geschehen jener Zeit – Vertreibung sämtlicher Juden, Zerstörung von 29 Synagogen, Schändung des jüdischen Friedhofs auf dem Ölberg, Weigerung, auch nur einen Westjerusalemer Juden an der „Klagemauer“ beten zu lassen – ausgeblendet, sodass dem uninformierten Zuschauer das Beharren der Israelis auf Kontrolle über ein geeintes, meinetwegen auch zwangsvereintes Jerusalem irgendwie widerrechtlich scheinen mag. Gerade diesem falschen Eindruck könnte man, so man es wollte, in den üppigen 24 Stunden, die zur Verfügung stehen, entgegenwirken, aber die Macher haben anderes im Sinn: die Unmöglichkeit einer alleinigen Herrschaft Israels über die Heilige Stadt herauszustellen und die „Besatzung“ Ostjerusalems zu beklagen, ohne die sich aufdrängende, weit unangenehmere Alternative (samt historischem Vorbild) zu zeigen.

Also sehen wir unter anderem: eine „Siedlerin“, die mit ihrer vielköpfigen Familie östlich der Altstadtmauern wohnt; einen Muezzin, der minutenlang ins Mikrofon jammert; einen Fotografen, der Schwierigkeiten hat, einen Fototermin mit einer chinesischen Schauspielerin wahrzunehmen; eine „Friedensaktivistin“, die sich für die Araber ins Zeug legt, dazu einen „Menschenrechtler“; eine arabische Großfamilie, der übel mitgespielt wurde oder auch nicht; einen Freak aus Russland, der sich von einem ominösen Gönner aushalten lässt und den Part des naiv-gläubigen Christen gibt; und: die Mauer, die Mauer, die Mauer!

Da auf Druck der üblichen Verdächtigen keinerlei Anzeichen für friedliches Mit- statt Nebeneinander gezeigt werden darf – worauf sich die Verantwortlichen, wie noch einmal betont werden muss, eingelassen haben -, sehen wir beide Bevölkerungsgruppen allein für sich herumwurschteln, also keine jüdischen und arabischen Ärzte oder Pfleger, keine Müllmänner gemeinsam bei der Arbeit.

Stattdessen: eine „geteilte Stadt“. Wie ungerecht, dass Israel sie allein beansprucht! Und dass es „keine Stadtverwaltung in Ostjerusalem“ gibt. Die gibt es zwar in Ostberlin auch nicht mehr, aber den Juden kann man eine Teilung ihrer Hauptstadt schon zumuten. Gut, theoretisch könnten sich die Araber Ostjerusalems – es gibt übrigens auch welche in Westjerusalem – an den Kommunalwahlen in großer Zahl beteiligen und ihre eigenen Interessen wahrnehmen, aber das wäre wiederum eine Anerkennung des Status quo, und das geht ja nicht.

Bleibt die Frage: Cui bono? Blöde Frage. Das Projekt nützt niemandem außer den Machern. Regisseur Volker Heise sagt denn auch, es sei ein “Programm von Europäern für Europäer”, mit dem man “niemandem helfen” könne und wolle. Immerhin, das Sendungsbewusstsein geht nicht so weit, den Beteiligten in ihr Leben hineinquatschen zu wollen. Oder zu können, ließe sich etwas boshaft ergänzen.

So bleibt unterm Strich ein Projekt, mit dem sich Europäer ihren verqueren Blick auf die Dinge im Nahen Osten bestätigen. „Das wird hier mal alles jüdisch“ sagt die durchaus sympathische Mutter der „Siedlerfamilie“, als sie auf das Viertel im Osten der Stadt blickt. Aha, denkt der halbgebildete deutsche Nahostkenner, die wollen Jerusalem judaisieren und die Araber vertreiben! Dass die Juden seit Mitte der 90er-Jahre des 19. Jahrhunderts die Bevölkerungsmehrheit in der Stadt stellen, dass im Jahr 1967 knapp 55.000 Araber in Jerusalem lebten und heute mehr als 280.000, und dass auch ihr relativer Anteil an der Bevölkerung kontinuierlich steigt, wird man in „24h Jerusalem“ nicht erfahren. Auch nichts vom Miteinander von Juden und Arabern in der Stadt, von Schulen oder Volkshochschulkursen, in denen Seite an Seite gelernt wird – nichts.

Nichts auch über die Behauptung palästinensischer Geistlicher und Politiker, die Juden hätten keinerlei historische Verbindung zu Jerusalem, der Tempel habe sich nie über dem Berg Moriah erhoben und daher sei der Anspruch der Juden null und nichtig.

Schade ums Geld – und mehr noch um die Sendezeit. Es ließe sich mühelos – und weitaus kostengünstiger – eine einstündige Doku herstellen, die dem Zuschauer weit mehr über Geschichte und Gegenwart Jerusalems vermitteln könnte als 24 Stunden, in denen man 70 von 800.000 Bewohnern dabei zuschauen kann, wie sie ihren Kindern die Zähne putzen, frühmorgens durch die Grabeskirche schnüren oder Schulkinder zu einem reinlicheren Auftreten ermahnen, weil die „innere Reinheit die Reinheit der Nation“ bedingt, wie es in der arabischen Schule heißt. Kommentiert wird so etwas nicht, man kann sich aber etwas dazu denken. Wenn man will. Der Rest ist Manipulation – durch Auslassen, Andeuten und unwidersprochene Behauptungen. Eben ein Film von Europäern für Europäer. In Jerusalem leben die Menschen derweil ihr Leben, mal neben-, mal miteinander. Apartheid gibt´s im Fernsehen.

 

Ach, Mr. Kerry…

Da hat Israel die letzten 26 Terroristen nicht freigelassen und die Palästinensische Autonomiebehörde damit um eine große Feier gebracht und dann auch noch den Bau von 700 Wohnungen genehmigt, wo ohnehin schon ein Stadtviertel steht, das Jerusalem nie und nimmer an Terrorbanden wie Hamas oder Fatah abtreten wird, da macht es „Puff“, und das war´s dann. Wie einfach dieser vermaledeite Nahostkonflikt doch ist!

Jedenfalls, wenn man partout darauf aus ist, Israel den Schwarzen Peter zuzuschieben.

Reden wir doch zur Abwechslung mal über Mahmud Abbas. Sie wissen schon, der „Partner für den Frieden“. Was spricht eigentlich für ihn? Er trägt gewöhnlich einen dunklen Anzug statt Kampfmontur wie sein Vorgänger Arafat, das ist schon mal ein Fortschritt. Vielleicht. Und er kann immerhin für sich beanspruchen, die Terror-Intifada einen „großen Fehler“ genannt zu haben, natürlich nicht, weil es moralisch fragwürdig sein könnte, Jugendliche vor einem Club oder Holocaust-Überlebende bei einer Seder-Feier in Massen zu ermorden und zu verstümmeln, sondern weil so etwas „palästinensischen Interessen“ zuwiderläuft. Heißt: Man erreicht mit Terror nicht wirklich etwas, der sorgt weltweit für unschöne Bilder und eher weniger Bereitschaft zum Entgegenkommen bei der israelischen Bevölkerung – das hält einen wie Abbas aber nicht davon ab, die Urheber der Massaker als „Helden“ und „Freiheitskämpfer“ zu würdigen. He, man könnte solche Leute freipressen und sie dann wenigstens verschämt bei Nacht und Nebel nach Hause zurückkehren lassen, statt ihnen einen großen Bahnhof zu bereiten.

Wenn Sie sich ein wenig vorbereitet haben auf Ihre Mission, Mr. Kerry, dürften Sie die Osloer Verträge kennen. Gibt es irgendeinen Punkt, den die palästinensische Seite erfüllt hätte? Hat sie jemals auch nur einen Terroristen an Israel ausgeliefert? Den Gewaltverzicht in Wort und Tat umgesetzt? Überhaupt irgendetwas unternommen, das dem Frieden und der Aussöhnung dienen könnte?

Mitnichten. Die „Verhandlungsposition“ der Palästinenser ist exakt dieselbe wie vor 20 Jahren: ein Palästinenserstaat, der sich an den „Grenzen“ (also Waffenstillstandslinien zwischen Israel und Jordanien) vor dem Sechstagekrieg 1967 orientiert – UN-Resolution 242 zum Trotz; die Forderung, Israel habe Ostjerusalem mit seiner historischen Altstadt und den heiligen Stätten abzutreten (ungeachtet der arabischen Praxis, sämtliche Juden aus Jerusalem hinauszuwerfen, alle Synagogen zu zerstören und ihnen den Zutritt etwa zur Westmauer zu verwehren); und alle palästinensischen Flüchtlinge von 1948 (heimatlos geworden durch einen Krieg, den sie selbst bzw. ihre arabischen Verbündeten zu verantworten hatten) und ihre Nachkommen müssten nach Israel — und nicht in den prospektiven Staat Palästina — einwandern.

Abbas ist nach wie vor nicht bereit, Israel als Staat der Juden anzuerkennen, weil er, wie alle Araber, die Juden nur als Religionsgemeinschaft, nicht aber als Volk mit Anspruch auf staatliche Unabhängigkeit im eigenen Land begreift – ein Recht, das er für sich und die erst seit Ende der 60er-Jahre so genannten Palästinenser selbstverständlich in Anspruch nimmt. Er ist nicht bereit, ein Ende des Konflikts zu verkünden, sollte er eine Einigung mit Israel erzielen. Er hat bisher noch jede Einigung mit Israel abgelehnt, selbst die von Ehud Olmert angestrebte.

Gründe: siehe oben.

Abbas, der, wenn er überhaupt jemals über eine halbwegs demokratische Legitimation verfügte, diese längst verspielt hat – seine Amtszeit lief 2009, also vor fünf Jahren, ab -, lässt sogenannte Kollaborateure hinrichten, hetzt als „Partner für den Frieden“ bei jeder Gelegenheit gegen den jüdischen Staat und nimmt deswegen auch, statt irgendwelche Kompromisse einzugehen, lieber den Umweg über die „Staatengemeinschaft“ (UN), um sich alles, was er haben will (einen Staat, ohne sich mit Israel einigen, um bei günstiger Gelegenheit wieder Krieg führen zu können), von anderen zu holen. Nicht eine einzige vertrauensbildende Maßnahme hat dieser Mann vorzuweisen, stattdessen stellt er jeden Tag, den der Herr werden lässt, eine neue Forderung auf. Damit überhaupt die Schimäre eines „Friedensprozesses“ aufrecht erhalten werden kann, kennen seine Vorbedingungen für die selbstverständlich fruchtlosen Gespräche kein Maß.

Wohlgemerkt, das ist das arabische Verständnis von Verhandlungen – ein Geben und Nehmen: Israel gibt, und die Palästinenser nehmen.

Auf dem Gebiet, auf das er Einfluss hat, lässt er zu, dass die nächste und die übernächste Generation mit Hass auf die Juden vergiftet werden. Nur so können zwei junge Männer eine Familie inklusive Säugling in ihrem eigenen Haus abschlachten und noch stolz darauf sein – weil sich in „Palästina“ niemand für eine solche Monstrosität in Grund und Boden schämt, sondern das Töten von Juden den Täter zu einem role model macht, zum „Märtyrer“, der sich für sein Land aufgeopfert hat.

Tja, so sieht´s aus, Mr. Kerry. Was meinen Sie: Soll Israel zu Menschen Vertrauen haben, die ihre Kinder zum Kanonenfutter erziehen? Würden Sie der Al-Qaida die Hälfte von Washington D.C. überlassen? Nicht? Dann verstehen Sie sicher, warum Israel weder die Hamas noch die Fatah oder den Islamischen Dschihad auf den Zinnen der Jerusalemer Altstadtmauern sehen will. Man wird auch nicht Gebiete an Milizen abtreten, die nur danach gieren, das Terrain zum Abschuss von Raketen auf israelische Städte zu nutzen. Für wie dämlich halten Sie die Israelis, Mr. Kerry? Für Ihre warmen Worte und das Doppelspiel von Herrn Abbas sollen die Menschen in Israel – bedroht von Hisbollah im Norden, von Hamas und Islamischem Dschihad im Süden und den iranischen Mullahs im Osten – ihre Sicherheit aufs Spiel setzen? Sie selbst haben ja schon aus Verzweiflung angeboten, Jonathan Pollard freizulassen, denn von den Palästinensern ist nicht zu erwarten, dass sie sich auch nur einen Millimeter von ihren Maximalpositionen wegbewegen. SIE gehen für DIE Kompromisse ein? Was für ein schäbiges Spiel ist das denn?

Wenn Sie es noch mal zum Mitschreiben haben wollen: Ja, Abu Mazen muss seinen Friedenswillen unter Beweis stellen. Noch einmal: unter Beweis stellen, nicht hier das eine und dort das andere erzählen. Ja, die Hetze muss ein Ende haben, wenn der Frieden jemals eine Chance haben soll. Ja, auch die Palästinenser müssen Kompromisse machen.

Nein, Israel ist nicht mehr bereit, einseitige Zugeständnisse zu machen. Nein, weniger als ein Ende des Konflikts wird nicht akzeptiert. Nein, Jerusalem, die “Heilige Stadt”, wird nicht in die Hände von Leuten fallen, die andere Religionen nicht achten.

Lassen Sie sich nicht länger verarschen, Mr. Kerry. Und: Sollten Sie es besser wissen als Sie nach außen vorgeben – hören Sie auf mit diesem Theater. Es führt zu nichts. Sagen Sie Abu Mazen, dass er sich bewegen muss, um überhaupt noch finanzielle oder politische Unterstützung beanspruchen zu können. Versuchen Sie es wenigstens. Schluss mit den Sonntagsreden, Titten auf den Tisch! Und sollten Sie dann einsehen, dass in Nahost für Sie nix zu holen ist, kümmern Sie sich doch einfach um andere Konflikte. In der Ukraine soll gerade ganz schön was los sein.

 

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