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Alle Jahre wieder: eine Auswahl empfehlenswerter Bücher zum Selberlesen und Verschenken. Da ich im zu Ende gehenden Jahr ein kleines Vermögen für – hauptsächlich – historische bzw. zeitgeschichtliche Sachbücher (fast ausschließlich angloamerikanischer Autoren) ausgegeben habe und einige wirklich sehr gute darunter waren, springen diesmal doppelt so viele Tipps (genau 20) dabei heraus. Für Freunde des gepflegten Romans ist, das ist einschränkend zu sagen, leider gar nichts dabei.

 

Charles C. Mann:
Kolumbus´ Erbe
Wie Menschen, Tiere, Pflanzen die Ozeane überquerten und die Welt von heute schufen

Wohl niemand hat seinerzeit geahnt, welche Folgen die Entdeckung Amerikas global zeitigen könnte. Dass die indigenen Völker der Neuen Welt einigen von Europäern eingeschleppten Krankheiten zum Opfer fallen, die aus der Alten Welt eingeführten Pferde die Indianerkulturen prägen, Mais, (Süß-)Kartoffeln, Chili, Zuckerrohr, Kautschuk und Tabak nach Europa und Asien gelangen, Schwarze zu Millionen als Sklaven über den Atlantik verfrachtet, mindestens 100.000 Chinesen zum mörderischen Guano-Abbau auf den peruanischen Chincha-Inseln eingesetzt, die Ankunft neuer Pflanzen und Tiere nur allzu häufig gravierende Veränderungen für Mensch und Natur mit sich bringen würden. Und, und, und. Tolle Schilderung des “Homogenozäns”, also jener Epoche, die eine Angleichung der östlichen und der westlichen Hemisphäre aufgrund des kolumbischen Austauschs mit sich brachte, von Wissenschaftsjournalist Mann auf gut 800 mit lockerer Hand geschriebenen Seiten zu Papier gebracht. Ein Buch, das jede Bibliothek schmückt.

 

Adam Hochschild:
Der große Krieg
Der Untergang des alten Europa im Ersten Weltkrieg

Ein herausragendes unter den vielen jüngst zum 100. Jahrestag des Kriegsausbruchs erschienenen Werken. Leider ist der Untertitel etwas irreführend; es geht keineswegs primär um das, was die “Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts” für die europäischen Gesellschaften bedeutete. Vielmehr zeichnet der amerikanische Journalist Hochschild aus britischer Sicht und auf durchaus fesselnde Weise den Widerstand nach, der sich gegen das sinnlose Schlachten formierte, indem er sich an den Biographien der kämpferischen Protagonisten entlang hangelt, die sich der allgemeinen Begeisterung nicht anschließen mochten – von einem schottischen Führer der Labour Party bis zu einem Teil der Suffragetten-Bewegung. Ihnen gegenüber stellt er Befürworter des Krieges wie Rudyard Kipling, H. G. Wells und Conan Doyle, aber es verwundert nicht, dass die Sympathien des Autors den Pazifisten jener Zeit gehören.

 

David Gilmour:
Auf der Suche nach Italien
Eine Geschichte der Menschen, Städte und Regionen von der Antike bis zur Gegenwart

Ein Muss für jeden, der ein Herz hat für “das Land, wo die Zitronen blüh´n”. Der Italien-Kenner Gilmour, auch er Brite, erzählt wirklich sehr schön eine Geschichte des Landes unter besonderer Berücksichtigung der Eigenarten seiner Regionen und macht keinen Hehl aus seiner Einschätzung, dass das Risorgimento nicht unbedingt von Vorteil für die Entwicklung Italiens war. Zu unterschiedlich seien die Regionen, wie er schon in der Einleitung mit einer Anekdote unterstreicht. Da meint ein älterer Herr, einst Richter und Politiker, Garibaldi habe Italien einen Bärendienst erwiesen: “Wäre er nicht in Sizilien und Neapel einmarschiert, hätten wir heute im Norden den reichsten und zivilisiertesten Staat Europas… Natürlich hätten wir dann im Süden einen Nachbarn wie Ägypten.”

 

Colin McEvedy:
Städte der klassischen Welt
120 Zentren der Antike von Alexandria bis Xanten

Das posthum erschienene Werk zeichnet “ein umfassendes Bild der antiken Stadtkultur in der klassischen Welt”. Zu jeder Stadt weiß der britische Historiker und Demograph Erhellendes über Geschichte, Topographie und Bevölkerung zu erzählen, zu jeder hat er eigens Karten angefertigt. Nichts, was man in einem Stück lesen würde, aber ein feines Nachschlagewerk für alle, die an antiker Geschichte interessiert sind.

 

David Abulafia:
Das Mittelmeer
Eine Biographie

Eine hochinteressante Geschichte des Mittelmeeraums, zwar eher konventionell (nicht trocken!) geschrieben, aber voller Informationen und schöner Anekdoten – von den Reisen des Odysseus bis zu den Lampedusa-Flüchtlingen. Dazu so schön, dass man sich nicht vorstellen kann, so etwas als E-Book anzuschaffen – auch wenn das praktischer sein mag als der 960-Seiten-Ziegel aus dem Hause S. Fischer.

 

Ian Morris:
Wer regiert die Welt?

Warum Zivilisationen herrschen oder beherrscht werden

Faulheit, Gier und Angst treiben die menschliche Entwicklung voran, so Morris´ These zur Entwicklung neuer Maschinen und Produktionsprozesse zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten. Seine Interpretation, warum der Westen in den vergangenen Jahrhunderten überlegen war und jetzt dabei ist, diesen Vorsprung wieder einzubüßen (Originaltitel: “Why the West Rules – For Now”), schließt eine ausführliche Betrachtung der gesamten menschlichen Geschichte ein, ist interdisziplinär dick unterfüttert und auch sprachlich ein Genuss – ein Buch, das auf jeder Seite neue Einsichten vermittelt und das man daher gar nicht mehr aus der Hand legen möchte.

 

Ian Morris:
Krieg
Wozu er gut ist

Was Steven Pinker in “Gewalt. Eine neue Geschichte der Menschheit” bereits eindrucksvoll belegte, nämlich dass die Gewalt im Verlauf der menschlichen Geschichte, mit gelegentlichen Ausreißern, tendenziell abgenommen hat, thematisiert auch Morris, wenn er postuliert, dass Kriege trotz aller Schrecken, die sie mit sich bringen, sich durch ihre Folgen (Bildung größerer Reiche, Gewaltmonopol des Staates) langfristig positiv auf den Prozess der Zivilisation und die Sicherheit des Individuums auswirken. Und wie bei Pinker fasziniert auch bei Morris die Belesenheit des Autors und seine Eleganz im Ausdruck.

 

Antony Beevor:
The Second World War

Ohne jeden Zweifel mit die beste Gesamtdarstellung des Zweiten Weltkriegs – ein ganz großer Wurf, der allerdings jene Leser, die Beevors Werke “Stalingrad”, “D-Day” und “Berlin 1945: Das Ende” kennen, nicht überrascht haben dürfte. Ein Standardwerk für alle Zeiten.

 

Max Hastings:
All Hell Let Loose
The World at War 1939-1945

Dasselbe Thema wie bei Beevor – und gleich diesem das Beste, was dazu je erschien. Nicht nur äußerst packend geschrieben, auch randvoll mit teilweise eher nicht bekannten oder angemessen gewichteten Informationen und wirklich alle Aspekte des Themas ausleuchtend.

 

Reza Aslan:

Zelot
Jesus von Nazaret und seine Zeit

Noch eine Jesus-Biographie? Warum nicht, jedenfalls wenn sie so rasant geschrieben ist und einen eher vernachlässigten Ansatz verfolgt: den historischen Jesus von Nazareth vom im wesentlichen von Paulus erschaffenen Jesus Christus zu trennen. Dass der in Persien geborene amerikanische Religionswissenschaftler Aslan sich durch die Darstellung Jesu als jüdischen Revolutionär nicht nur Freunde machen würde, war vorauszusehen. Für den einschlägig vorgebildeten Leser ist das wenigste neu, dennoch hochinteressant, was die Interpretation etlicher überlieferter Aussagen des Nazareners anbelangt. So löst sich mancher vermeintliche Widerspruch auf, wenn man ihn im historischen Kontext betrachtet.

 

Ranulph Fiennes
Scott
Das Leben einer Legende

Grandiose Biographie des tragisch gescheiterten Polarforschers Robert Falcon Scott – und gleichsam eine Ehrenrettung. Nachdem der mit seinen Männern im antarktischen Eis zugrunde gegangene Scott zunächst als Held verehrt, später heftig als verantwortungslos kritisiert wurde, würdigt Ranulph Fiennes (übrigens tatsächlich um ein paar Ecken mit den Schauspielern Ralph und Joseph Fiennes verwandt) Scotts Leistung auf der Grundlage selbst durchgeführter Polarexpeditionen. Hochspannend.

 

Giles Milton:
Weißes Gold
Die außergewöhnliche Geschichte von Thomas Pellow und das Schicksal weißer Sklaven in Afrika

Weiße Sklaven? Oh ja, die gab es: Bis zu eine Million Weiße – vorwiegend Küstenbewohner in Portugal, Spanien und Italien, aber auch auf den britischen Inseln sowie Schiffsbesatzungen im Mittelmeer und im östlichen Atlantik – wurden ab Mitte des 16.Jahrhunderts von Barbareskenpiraten nach Nordafrika, in etwa das heutige Marokko und Algerien, verschleppt und von Sklavenhändlern verkauft, u.a. um vom Sultan bei großen Bauvorhaben eingesetzt zu werden oder als Soldaten zu dienen. Viele überlebten es nicht. Am Beispiel Thomas Pellows, eines englischen Jungen, der 1716 von muslimischen Korsaren als Sklave nach Meknes gebracht wurde, schildert Milton ihr Schicksal. Übrigens: Erst im Jahr 1816 wurde dem muslimischen Sklavenhandel ein rasches Ende bereitet – auf eine Art und Weise, die dem Spirit of Entebbe entspricht.

 

Henryk M. Broder:
Die letzten Tage Europas
Wie wir eine gute Idee versenken

Eine EU-Schelte, wie man sie von Broder erwarten darf: gnadenlos die Finger auf die Wunden legend, ohne Respekt vor der hehren Vorstellung Europas, wie sie den Brüsseler Bürokraten vorschwebt, und so sarkastisch, wie sie dem Gegenstand ihrer Betrachtung angemessen ist. Das einzige, was man dieser äußerst kurzweiligen Abrechnung vorwerfen kann: Sie ist mit 222 fluffig zu lesenden Seiten viel zu kurz geraten. Dabei ist doch jeder Tag, den der Herr werden lässt, dazu geeignet, dem Buch ein weiteres Kapitel hinzuzufügen.

 

Roger Moorhouse:
Berlin at War
Life and Death in Hitler´s Capital, 1939-45

Unverständlicherweise immer noch nicht in deutscher Übersetzung erschienen: Moorhouses Buch über alle relevanten Aspekte des Kriegsalltags für die Berliner Bevölkerung, von den teils kriminellen Folgen, die die Verdunkelung nach sich zog (Stichwort: der “S-Bahn-Mörder”) über den grassierenden Hunger infolge der Lebensmittelrationierung und das Leben mit den Luftangriffen bis zur Bespitzelung durch die Gestapo und den noch heute unfassbaren Terror gegen die jüdische Bevölkerung. Sehr eindringlich geschildert und auch für jene, die sich schon ausführlich mit dem Thema beschäftigt haben, alles andere als langweilig.

 

Stacy Schiff:
Kleopatra
Ein Leben

Weithin gelobtes Buch der Pulitzer-Preisträgerin über die letzte Herrscherin der Ptolemäer-Dynastie; auch aller Mythen entkleidet bleibt noch genug übrig, was man an der hochgebildeten Griechin (!) faszinierend finden kann.

 

Niall Ferguson:
Der falsche Krieg
Der Erste Weltkrieg und das 20. Jahrhundert

Gesamtdarstellung des Krieges und seiner Ursachen inklusive der immer noch umstrittenen Schuldfrage – gewohnt brillant geschrieben. Bin noch nicht ganz durch, gebe aber gern eine uneingeschränkte Leseempfehlung ab.

 

Ross King:
Michelangelo und die Fresken des Papstes

Ein sehr schönes Buch über die Entstehung der Deckenfresken in der Sixtinischen Kapelle – man erfährt höchst Interessantes über die Maltechniken in der Renaissance, über den schwierigen Charakter Michelangelos und die ambivalente Beziehung des Künstlers zu Papst Julius II.; macht Lust, sich den in Vergessenheit geratenen Hollywoodstreifen “Inferno und Ekstase” aus dem Jahre 1965 (mit Charlton Heston und Rex Harrison) anzuschauen, der eben dies zum Thema hat.

 

Gerald Drissner:
Als Spion am Nil
4500 Kilometer ägyptische Wirklichkeit

Dass ein Deutscher, der große Sympathie für Land & Leute hegt, sich einen klaren Blick auf die Unzulänglichkeiten wie die wirklich hässlichen Seiten des Landes bewahren kann, beweist der Journalist Gerald Drissner mit der Beschreibung seiner Reisen durch Ägypten. Kenntnisreich und auch als Erzähler überzeugend, bringt Drissner uns den ägyptischen Alltag nahe. Wirklich niederschmetternd: der gemeine Antisemitismus, der auch 35 Jahre nach dem Friedensvertrag mit Israel gang und gäbe ist.

 

Jared Diamond:
Vermächtnis
Was wir von traditionellen Gesellschaften lernen können

Wie handhaben indigene Gesellschaften wie etwa in Neuguinea, Australien oder auf Pazifikinseln Themen wie Kindererziehung oder Umgang mit den Alten, wie lösen sie Konflikte, welche Rolle spielen Religion und Sprache? Der Geograph, Evolutionsbiologe und Anthropologe Jared Diamond (“Arm und Reich”, “Kollaps”) beschreibt die vormodernen Kulturen etwa der Yanomami und der ǃKung, erliegt dabei jedoch nicht – wie viele Anthropologen – der Versuchung, die Jäger- und Sammlergesellschaften zu idealisieren.

 

Giancarlo Gasponi:
Rome
The Fascination of Eternity

Zum Abschluss etwas für´s Auge: ein großartiger neuer Bildband für alle Fans der – für mich – neben Jerusalem wohl faszinierendsten Stadt der Welt: Rom. Nicht nur als optisch Eindruck schindendes Coffeetable-Book geeignet, sondern als anregende Einstimmung auf eine Rom-Reise und zum In-Erinnerungen-schwelgen nach einer solchen. Ein echtes Juwel im Schuber – mit einem feinen Essay zu Beginn, grandiosen Fotos im Kern und interessanten Bild-Erläuterungen im Anhang.

 

Ein gebrauchtes Jahr

Liebe Freunde dieses Weblogs,

2013 war leider für mich, der ich die Hauptlast hier zu tragen habe, kein gutes Jahr. Insbesondere einige tragische Verluste, Freund Hein geschuldet, haben die Motivation, in der gewohnt offensiven Art für die Sache der Vernunft einzutreten, zeitweilig gelähmt. Allein, mit der Zeit fasst man wieder Tritt, daher nun folgende verbindliche Ansage: Vor Weihnachten – konkret: am Wochenende! – werde ich, wie es hier seit geraumer Zeit Sitte ist, meine Bücher des Jahres vorstellen; zu lesen, fiel heuer (in Hamburg: Seemannslohn) einfach leichter als zu schreiben. Wer immer also vorhat, jemanden mit einem wirklich guten Buch zu beschenken oder sich selbst ein solches zu gönnen, und noch unschlüssig ist, welches es denn sein sollte (und einen verlässlichen Tipp zu schätzen weiß), möge noch ein, zwei Tage warten – ich werde dann etwa 20 Bücher vorstellen, die mir 2013 besonders gut gefallen haben.

Aller Voraussicht nach wird der Buchtipp-Post der letzte dieses gebrauchten Jahres sein. Ein jegliches hat seine Zeit, heißt es im Buch Kohelet. In diesem Sinne ein herzlicher Dank an alle, die trotz längerer Sendepausen hier immer wieder mal hereingeschaut haben!

Und: 2014 greifen wir wieder an. Lotta continua!

CC

 

CDU/CSU und SPD haben angekündigt, in den nächsten vier Jahren eine Außenpolitik zu betreiben, die das Teheraner Regime „Vertrauen“ schöpfen lässt.

Von Stefan Frank

Deutschland ist keine Supermacht. Die Regierung muss nicht jedes Mal, wenn irgendwo auf der Welt ein Sack Bulgur umfällt, einen Kommentar abgeben. Wie schön, wenn sie das nicht täte. Wenn das Auswärtige Amt ein Ort des Schweigens wäre, statt bloß ein verschwiegenes Örtchen. Wenn im Koalitionsvertrag zwischen CDU/CSU und SPD kein Wort über Außenpolitik stünde, allerhöchstens der Satz: „Die Bundesregierung wird sich um etwaig entstehende, Deutschland betreffende Probleme im Ausland kümmern, so wie es die Lage erfordert.“ Das würde reichen. Schluss mit den Masterplänen, an denen die Welt genesen soll. Aber so bescheiden sind Politiker nicht; sie kennen die Zukunft und wissen, was gut für andere Völker ist. Da sie ihre Erlösungspläne in einen sogenannten „Koalitionsvertrag“ schreiben, sollte man sich den mal anschauen, um zu wissen, was droht.

Wichtige Impulse für eine humanere EU sucht man vergebens. Kein Wort dazu, wie Viviane Reding umweltverträglich entsorgt werden kann. Aber den Beziehungen zum Morgenland ist ein eigenes Kapitel gewidmet. Israel und Judäa/Samaria betreffend natürlich das bekannte Blabla: „Unser Ziel ist eine Zweistaaten-Lösung“. Was aber bedeutet das: „Das Existenzrecht und die Sicherheit Israels sind für uns nicht verhandelbar“? Das heißt doch, dass sich diese größenwahnsinnige Regierung eine zukünftige Konferenz vorstellen kann, bei der sie mit Israels Feinden über die Zukunft des Landes verhandelt – und sie es ist, die festlegt, was „verhandelbar“ ist und was nicht. Wie gütig, dass diesmal anders als im Falle der Tschechoslowakei 1938 nicht an die Einsetzung eines Reichsprotektors gedacht ist, sondern CDU/CSU und SPD beschlossen haben, dass Israel sein „Existenzrecht“ behalten darf! Da werden die Israelis erleichtert sein.

Wenige Zeilen tiefer heißt es dann Manege frei für die Ayatollahs: „Unser Ziel ist die Rückgewinnung des Iran als vertrauensvoller Partner auf der internationalen Bühne“. Vertrauensvoll also. Es ist von Bedeutung, dass hier nicht das Wort steht, das man erwarten würde: vertrauenswürdig. Der Iran soll nicht zu einem vertrauenswürdigen Partner werden – würdig unseres Vertrauens -, sondern zu einem vertrauensvollen, d.h. die Ayatollahs sollen Vertrauen haben. Das Vertrauen, dass Steinmeier ihnen nichts tut – wo sie doch so sensibel sind. Es handelt sich bei dem Wort um einen Fehlgriff, aber nicht um ein Versehen. Die Koalitionsdealer haben mit Absicht nicht „vertrauenswürdig“, sondern „vertrauensvoll“ geschrieben.

Wenn die neue Bundesregierung will, dass die Mord- und Totschlagayatollahs „vertrauensvoll“ werden, dann verharmlost sie das Regime nicht nur, sondern fördert eine – geradezu rassistische – Denkweise, die Islamisten oder Moslems im Allgemeinen nicht als Menschen betrachtet, sondern als ängstliche Tiere, die man streicheln müsse, damit sie einen nicht angreifen – und die man keinesfalls „provozieren“ dürfe (jede Art der Kritik ist für sie ein rotes Tuch). Eine Übertreibung? Oh nein. Das hier steht auf der Seite www.ausgeglichenerhund.de:

„Möchten Sie Ihren Hund als motivierten Partner kennen lernen? Möchten Sie, dass er gerne auf Ihre Signale reagiert, Sie respektiert und Ihnen vertrauensvoll folgt?“

Ersetzen Sie bitte „Ihren Hund“ durch „Iran“, und Sie haben die Grundzüge deutscher Außenpolitik. Auf der Website eines polnischen Zoos ist zu lesen:

„Ein bedrohter Ayatollah spuckt seinen Gegner an. Um das zu vermeiden, sollte man seine Stimmung beobachten, die man unter anderem an der Stellung der Ohren ablesen kann: nach vorne gestellte Ohren zeigen Neugier an, gespitzte Ohren Wachsamkeit und nach hinten gestellte Ohren sollten Sie davor warnen, dass der Ayatollah sie gleich anspucken kann.“

Ich habe geflunkert, in Wahrheit ist von Lamas die Rede. Die Parallelen sind nicht zu leugnen. Es wird so getan, als ginge es bei Khamenei und seinen Komplizen nicht um Menschen, die mit grausamen Mitteln verbrecherische Ziele verfolgen, sondern um harmlose Fluchttiere, die man zutraulich machen und domestizieren könne.

Der beliebte Sozialdemokrat Rolf Mützenich hat angeregt, dass Abgeordnete des Bundestages wedelnd „auf iranische Parlamentarier zugehen“ sollten, um sie von “der wichtigen Initiative“ (Genf) „zu überzeugen”. Hat ihm noch keiner gesagt, dass der Iran keine Demokratie ist und die iranischen Parlamentarier keine Demokraten? Ebenso könnte Mützenich versuchen, mit Teherans Mutantenratten ins Geschäft zu kommen. Die sind sogar wesentlich vertrauenswürdiger: Anders als die Teheraner Parlamentarier haben die Mutantenratten kein Gesetz verabschiedet, das den Abfall vom Glauben mit dem Tod bestraft.

Jede Regierung der Welt muss sich entscheiden, ob sie sich auf die Seite der um ihre Freiheit kämpfenden iranischen Bevölkerung stellt („Hardliner“, pflegen Journalisten solche Käuze zu nennen; wie die Steinkäuze gehören sie zu einer bedrohten Art) oder auf die des Ayatollahregimes. Die künftige Bundesregierung hat eine schlechte Wahl getroffen. Das Wort „Freiheit“ fällt im Koalitionsvertrag nicht weniger als 49mal – aber nicht im Zusammenhang mit dem Iran.

 

Wie Israel die Kontrolle über den islamistischen TV-Prediger Scheich
Al-Qaradawi übernommen hat. Eine Geschichte in Arabesken.

Von Stefan Frank

Ägypten ist nach einem Jahr Herrschaft des revolutionären Dschihadismus in das Lager des konservativen Islamismus zurückgekehrt. Einige Personen des öffentlichen Lebens wurden von diesem Umschwung überrascht und stehen nun mit heruntergelassenen Hosen da, bildlich gesprochen. Zu ihnen gehört der Schauspieler Hassan Youssef, eine Berühmtheit, wie sie in Deutschland nicht ihresgleichen findet: Zwischen 1959 und 1987 wirkte er in nicht weniger als 120 ägyptischen Filmen mit und spielte darin meist einen Playboy, eine Art arabischen James Bond. Seine Frau, die Schauspielerin Shams al-Baroudi, galt in den siebziger Jahren als die schönste Frau des ägyptischen Films. 1982 aber machte das Paar eine Umra, auch kleine Hadsch genannt; das ist eine Pilgerreise nach Mekka außerhalb der Hochsaison. Von da an wurden die beiden wunderlich. Frau Baroudi fing an, den Niqab zu tragen, und gab plötzlich nur noch Religiöses von sich. Sie trat nicht mehr in Filmen auf und nannte ihre Zeit auf der Leinwand Jahiliyyah – so heißt im Koran der Zustand des Unglaubens (vor der Ankunft des Islam). 1987 beendete auch Youssef seine weltliche Kunst. Er hatte eine Geschäftsidee; er gründete eine Produktionsfirma, und da er jetzt ein Pilger war, kam er leicht an saudisches Geld. Seine Firma dreht ausschließlich Filme, die nicht unsittlich sind, also glorifizierende Seifenopern über das Leben und Reden berühmter Scheichs.

Dieser Mann wurde kürzlich in einer Livesendung des ägyptischen Fernsehens gefragt, wie einer seiner besten Freunde es hatte wagen können zu behaupten, die ägyptische Armee benehme sich schlimmer als Israel. Der das sagte, ist niemand Geringerer als ebenjener Al-Qaradawi, der die Ermordung von Israelis, Homosexuellen und Apostaten billigt, Hitler preist und einige der wichtigsten zeitgenössischen Moralhandbücher der islamischen Welt geschrieben hat. Ein Mann, der in Ägypten hochangesehen war – bis er jenen Satz über die ägyptische Armee gesagt hat. Ist Youssef aus dieser Situation lebend herausgekommen? Seine Chancen standen schlecht, denn was hätte er groß antworten sollen? „Qaradawi hat recht“? Das wäre sein Todesurteil. „Qaradawi ist ein Idiot“? Das würde ja bedeuten, dass einer der wichtigsten spirituellen Führer (so nennt man das wohl) der islamischen Welt ein Idiot wäre. Da Youssef ein gebildeter Mensch ist, fiel ihm Ockhams Rasiermesser ein: Von mehreren möglichen Erklärungen desselben Sachverhalts ist die einfachste Theorie allen anderen vorzuziehen. Die lautet in diesem Fall: Israel hat einen Chip in Qaradawis Hirn implantiert und steuert ihn jetzt wie eine Drohne.

Das Gespräch, das von MEMRI ins Englische übersetzt wurde, verlief so:

 

Hassan Youssef: Der Al-Qaradawi, den ich kenne, ist tot. Israel ist zu allem fähig. Das ist ein Double, nicht er.

Moderator: Ich mag es, wenn Sie Kinosprache benutzen. Ein Double ist jemand, der anstelle des richtigen Helden Schläge einsteckt…

Hassan Youssef: Ich bin böse auf ihn – wenn er es wirklich ist. Aber ich bin auch sehr wütend darüber, dass er auf allen TV-Sendern beschimpft wird. Man wird wütend, wenn ein Freund beleidigt wird. [...] Scheich Al-Qaradawi ist sehr moderat, kein Extremist. Darum kann ich meinen Ohren nicht trauen.

Moderator: Er hat Sie schockiert. Wenn Sie sagen, dass der Al-Qaradawi, den Sie kennen, tot ist, und sogar argwöhnen, dass Israel einen Chip in sein Gehirn gepflanzt hat – was eine metaphorische Art ist zu sagen, dass es Kontrolle über seinen Verstand übernommen hat…

Hassan Youssef: Es ist keine Metapher. Lassen Sie mich ein Beispiel geben. König Faisals Neffe, der ihn ermordet hat… König Faisal war ein großer Monarch, der an Ägyptens Seite stand im Krieg von 1973 und einer der Hauptgründe für Israels Niederlage war. Er sagte [zum Westen]: „Wir sind an das Leben in der Wüste gewöhnt. Wir haben kein Problem damit, in Zelten zu wohnen, Ziegenmilch zu trinken und Datteln zu essen. Wir wollen nichts von euch. Nehmt nicht unser Öl. Tschüss.” Wie kann jemand seinen eigenen Onkel umbringen?
(Anmerkung: Der fromme Mann kennt sich in islamischer Geschichte doch nicht gut aus, anderenfalls wüsste er, dass es in muslimischen Herrscherdynastien ganz normal ist, dass Verwandte einander umbringen, insbesondere Neffen ihre Onkel.)
Wie kann jemand seinen eigenen Onkel töten? Er traf im Ausland eine jüdische Frau und verliebte sich in sie. Sie nahm ihn mit nach Israel, wo sie ihn operierten und einen Chip in sein Gehirn implantierten, mit dem sie ihn fernsteuerten, bis er seinen Onkel tötete.

Moderator: Ich fürchte, viele Leute haben heutzutage Chips in ihren Hirnen [...] Es scheint [nach Al-Qaradawis Aussagen] so, dass die Geschichte über den israelischen Chip wahr ist…

Hassan Youssef: Das war nicht Dr. Al-Qaradawi. Was wir gerade gehört haben, kann nicht von dem Scheich Al-Qaradawi gesagt worden sein, den ich kenne. Die Stimme wurde darübergelegt. Sogar seine Gesichtszüge haben sich verändert, seit ich ihn bei unserem gemeinsamen Gebet in Doha gesehen habe. Er ist verändert. Dies sind nicht die Züge von Dr. Al-Qaradawi.

Moderator: Aber er ist es, der diese Sachen sagt, und Sie sagen, als Metapher, das ist nicht der echte Scheich Al-Qaradawi.

Hassan Youssef: Ich kann nicht glauben, dass Dr. Al-Qaradawi Lügen erzählen würde. [...] Bis auf den heutigen Tag respektiere, ehre und verehre ich den Scheich Al-Qaradawi, den ich kannte, und küsse seine Hände und Füße.

Moderator: Aber wenn Sie den Al-Qaradawi der letzten Tage sehen – Sie sagen, er sei tot.

Hassan Youssef: Ich wasche meine Hände, nachdem ich ihn berührt habe. Al-Qaradawi ist tot. Die Stimme wurde drübergelegt.

Moderator: Nein, das ist schon seine richtige Stimme…

Hassan Youssef: Ist es denkbar, dass Al-Qaradawi lügen würde?! [...]

Moderator: Was ist also mit ihm passiert?

Hassan Youssef: Es ist ein Double. Oder ein Chip. Es gibt keine andere Erklärung. Aber ich empfehle seinen Söhnen, die ich sehr gut kenne, ihn entmündigen zu lassen, wenn eine Erkrankung zugrunde liegt. [...] Scheich Jussuf Al-Qaradawi wird von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang beschimpft und gedemütigt, auf allen [arabischen] Fernsehsendern, mit Ausnahme von Al-Jazeera natürlich. Seine Söhne sollten das nicht weiter mitansehen.

Moderator: Sie sagen also, wenn es sich um eine Krankheit handelt, sollten sie ihn für unzurechnungsfähig erklären.

Hassan Youssef: Ja, sie sollten ihn daran hindern, aufzutreten und solche Sachen zu sagen.

 

Halten wir fest: Israel hat einem Double Qaradawis einen Chip implantiert, dann ein Interview mit ihm geführt und falsch synchronisiert; Youssef wird sich ab sofort die Hände waschen, nachdem er Qaradawi die Füße geküsst hat, und Qaradawis Söhne haben viel Papierkram vor sich; wäre es in arabischen Ländern nicht eigentlich einfacher, wenn man beantragen müsste, als zurechnungsfähig eingestuft zu werden, und bis dahin von Haus aus erst einmal das Gegenteil angenommen würde?

Seit den Zeiten von Tausendundeiner Nacht hat der Orient nichts von seiner Faszination eingebüßt. Zu den schönsten neueren Scheherazaden gehört die über die Zugvögel, die für Israel spionieren, die Haie, die von Israel dazu dressiert wurden, Badegäste an der ägyptischen Küste zu fressen, oder die, die der Leibarzt Jassir Arafats zum Besten gegeben hat: Der aidskranke Terrorfürst sei gar nicht an seiner Krankheit gestorben, sondern jemand habe ihm – nach seinem bekannten jahrelangen Siechtum – HIV injiziert und ihn dann auch noch vergiftet.

Oder Israels angebliche Versuche, die Al-Aqsa-Moschee mit Tunneln, Chemikalien oder gar einem künstlichen Erdbeben zum Einsturz bringen.

Was soll man dazu sagen? Israel ist Opfer eines Weltkriegs der Wahnsinnigen. Er spielt sich auch hier ab. Weit über 150 Millionen Antisemiten gibt es in der EU, hat der Antisemitismusforscher Manfred Gerstenfeld auf der Basis der von der Friedrich-Ebert-Stiftung initiierten Bielefelder Studie von 2011 und den Bevölkerungsziffern der entsprechenden Länder ausgerechnet (siehe dazu Gerstenfelds gerade erschienenes Buch Demonizing Israel and the Jews).

Wer, wie 48 Prozent der Deutschen, glauben will, dass Israel einen Vernichtungskrieg gegen die Palästinenser führt, der würde auch alles über die Juden, ihre Pläne und Methoden schlucken, was Hassan Youssef ihm auftischt. Wer weiß, vielleicht sieht man ihn schon bald auf Arte oder in der 3-Sat-„Kulturzeit“.

 

Deutsche Tunnelblicke

Eines muss man sagen: Was den professionellen Tunnelbau betrifft, lassen die Palästinenser aus dem Gazastreifen Würmer, Nacktmulle und Dachse blass aussehen.

Offensichtlich sind gewisse Fertigkeiten zwischen Rafah und Beit Hanoun durchaus vorhanden, bloß setzt sie die Hamas nicht zum Wohle der palästinensischen Bevölkerung Gazas ein, sondern zum Schaden des verhassten jüdischen Staates. Während Inge Höger (MdB, Die Linke, und Ex-Gazageschwaderseglerin), als hätte sie die letzten acht Jahre tiefgefroren in der Arktis verbracht, Israel in Bezug auf den Gazastreifen weiterhin als „Besatzungsmacht“ bezeichnet und nur von „angeblichen Schmuggeltunneln“ sprechen mag, hat die israelische Genehmigung, seit längerem wieder Baumaterial in den von der Hamas beherrschten Küstenstreifen liefern zu lassen, dazu geführt, dass die Hamas nicht mehr nur aus dem Gazastreifen Raketen importiert, sondern auch die nötige Infrastruktur schafft, auf israelischem Gebiet Terroranschläge durchzuführen – insbesondere Entführungen, um per Geiselnahme Gesinnungsgenossen aus israelischer Haft freizupressen (die von MdB Christine Buchholz, Die Linke, „politische Gefangene“ genannt werden).

Satte 500 Tonnen Zement haben die Tunnelkonstrukteure aus Gaza verbaut, um im Kibbuz Ein HaShlosha etwas zu veranstalten, was nur dank der Aufmerksamkeit der israelischen Armee nicht die ohnehin schon gruselige Liste der Verbrechen palästinensischer Terroristen verlängert, aber es wird dennoch nicht lange dauern, bis der Stopp einschlägiger Lieferungen von unsäglichen Gestalten wie Höger und Buchholz öffentlich angeprangert wird – was dann wiederum ebenso gewiss volles Verständnis unter Onlinezeitungslesern hervorzurufen vermag, die allen Ernstes den Tag herbeisehnen, an dem der Iran „endlich“ seine Atombombe haben möge, auf dass „der Frieden gesichert“ sei, denn schließlich seien „Amerika und Israel die gefährlichsten Staaten der Welt“.

Einmal mehr fasst man sich nicht nur wegen Palästinensern an den Kopf, die Baukunst und -material zu Mord und Kidnapping nutzen, sondern auch über ihre deutschen Unterstützer. In einem normalen Land hätte die Hamas selbst unter den schlichtesten Gemütern längst den letzten Kredit verspielt, aber wenn die Abneigung gegen den jüdischen Staat alles andere überwiegt, ist, wie bei gewissen deutschen Parlamentsabgeordneten, Hopfen und Malz verloren. Die Bereitschaft, sich mit diesem moralischen Bodensatz der Gesellschaft öfter auseinanderzusetzen, fördern dessen Statements nicht gerade. Ich leg´ mich wieder hin.

 

Von Stefan Frank

 

Jean Ziegler ist heute zum Berater des UN-Menschenrechtsrats gewählt worden. Dafür bringt er die richtigen Qualifikationen mit.

 

Es gibt in Deutschland einen sozialdemokratischen Kommunalpolitiker, dessen Name in der Lokalzeitung, die von Zeit zu Zeit über sein kommunalpolitisches Wirken berichtet, immer mitsamt seinem Doktortitel genannt wird. Den hat ihm die Carl-von-Ossietzky-Universität Oldenburg verliehen, für seine bahnbrechenden Forschungsergebnisse, die er erzielt hat bei der „Untersuchung der Dritten Universaltheorie in Libyen im Hinblick auf die ihr inhärente Menschenrechtstheorie“. So der Titel seiner Doktorarbeit. Nicht nur in Tripolis, sondern auch in Deutschland gab es also einmal ein Zentrum zur Erforschung des Grünen Buches. Ich weiß nicht, ob die Angelegenheit dem Gaddafi-Doktor oder den Soziologieprofessoren, die ihn ausgezeichnet haben, heute peinlich ist. Ganz sicher wäre sie es nicht, wenn Gaddafi nicht gegen Ende seiner Legislaturperiode solch heftiger Kritik ausgesetzt gewesen wäre. So aber lässt sich einfach nicht leugnen, dass die Dritte Universaltheorie heute nicht mehr sehr viele Verfechter hat und wohl nur noch von wenigen studiert wird.

Das ist eigentlich schade, denn wie viele Menschen gibt es schon, denen das Kunststück gelingt, sich als Intellektuelle und als Sexmonster einen Namen zu machen? Außerhalb Frankreichs, meine ich. Gaddafi war so einer. Morgens ließ er sich Männer, Frauen und Kinder schicken, die er hatte entführen lassen. Er „prügelte sie, vergewaltigte sie, urinierte auf sie“, wie es in einer Rezension von Annick Cojeans Reportage Niemand hört mein Schreien. Gefangen im Palast Gaddafis heißt. Nach dem Vergewaltigen und Urinieren empfing er dann wahrscheinlich Jean Ziegler. „Ich war einer von den Intellektuellen, die er oft eingeladen hat“, erzählt Ziegler. Gaddafi sei ein „blitzgescheiter, argumentativer, analytisch begabter Mensch” gewesen. Er habe „perfekt Englisch“ gesprochen, „viel gelesen“ und sei “ein absolut brillanter Redner” gewesen. „Das weiß jeder, der ihn bei den Revolutionsfeierlichkeiten auf dem Grünen Platz erlebt hat. Er hat die Menge gespürt, intuitiv begeistert.”

Gaddafi brauchte Ziegler nicht zu vergewaltigen, die beiden waren von Anfang an auf einer Wellenlänge. Ziegler mag bekanntlich keine demokratischen Regierungen. Gaddafi hatte keine demokratischen Anwandlungen. Ziegler schätzt antisemitische Diktatoren wie Gamal Abdel Nasser. Gaddafis Putsch vom 1. September 1969 war antisemitisch motiviert: Knapp zwei Wochen nach dem Feuer in der Jerusalemer Al-Aqsa-Moschee, für das Gaddafi die Juden verantwortlich machte, wollte er an die Macht, um einen Krieg gegen Israel vorzubereiten. Seine erste Amtshandlung: die Vertreibung der verbliebenen libyschen Juden und die Beschlagnahmung ihres Besitzes. Gaddafi wurde als Mäzen des internationalen Terrorismus berühmt, hat Anschläge auf Flughäfen und Passagierflugzeuge organisiert und wahrscheinlich 1972 das Massaker von München finanziert. Ziegler hat Terroristen gern, am liebsten die Hisbollah. Und wie Ziegler, der „rechte jüdische Gruppen“ dafür verantwortlich machte, dass er immer wieder auf seine Verbindung zu Gaddafi angesprochen wurde, sah auch Gaddafi eine unheimliche jüdische Macht am Werk:

Die Wirtschaftskrise, die die Welt 1929 getroffen hat und die, die sich seit zwei oder drei Jahren abspielt, sind beide auf die Ausweitung des zionistischen Einflusses auf alles, was mit Wirtschaft zu tun hat, zurückzuführen… Statistiken bestätigen diese jüdische Herrschaft… Nach 1929 haben die Zionisten versucht, ihre Hand auf Deutschland zu legen. Aber man muss sagen, weil es die Wahrheit ist, dass Hitler – dessen schreckliche Massaker wir verurteilen – ihre Absichten durchschaut hat. Nach ihrem Fehlschlag in Deutschland haben die Zionisten ihre Pläne auf die Vereinigten Staaten gerichtet. Sie werden dieses Land dazu zwingen, in einen Atomkrieg einzutreten, dessen Opfer das amerikanische Volk sein wird.

Das klingt nach Ziegler, ist aber ein Zitat aus einem Gespräch, das Gaddafi Anfang der 80er-Jahre mit Reportern geführt hat. Man kann sich vorstellen, wie die „Diskussionen“ mit Gaddafi, zu denen Ziegler nach eigenem Bekunden ein- bis zweimal im Jahr nach Tripolis reiste, verlaufen sind. Eines schönen Tages im Jahr 1989 dann, als Gaddafi nicht wusste, wie er die Zeit totschlagen sollte – das Vergewaltigen und Foltern hatte ihn müde gemacht, der Krieg gegen das Nachbarland Tschad lief schlecht, und auch der so erfolgreiche Lockerbie-Anschlag lag schon etliche Wochen zurück -, trat er an Ziegler heran und fragte: „Jean, ich möchte ab sofort einmal im Jahr einen Gaddafi-Preis für Menschenrechte vergeben, was hältst du davon?“ Ziegler war Feuer und Flamme und stellte den neuen Nobelpreis der Schweizer Öffentlichkeit vor. Er wurde hinfort an verdiente Antisemiten vergeben, wie etwa Louis Farrakhan, Hugo Chavez oder den malaysischen Premierminister Mahathir Mohamad („Die Juden müssen von Zeit zu Zeit massakriert werden“). 2002 teilte sich der Holocaustleugner Roger Garaudy den Preis mit: Jean Ziegler.

Wohl aus falscher Bescheidenheit heraus hat Ziegler dies Reportern gegenüber jahrelang bestritten. Erst als die in Genf ansässige Organisation UN Watch Ende September ein Video der Preisverleihungszeremonie veröffentlichte, bekannte Ziegler: Ja, er hat den Gaddafi-Preis für Menschenrechte 2002 erhalten.

Soeben ist der Preisträger auf Vorschlag der Schweizer Regierung in den Beratenden Ausschuss des UN-Menschenrechtsrates gewählt worden.

Ein Leben voller Erfolge! Aber nicht alle sind von Ziegler überzeugt. Wie ebenfalls durch UN Watch bekannt wurde, das zeigen WikiLeaks-Dokumente, drängte James Morris, der Direktor des UN-Welternährungsprogramms WFP, den damaligen UN-Generalsekretär Kofi Annan im November 2002, Ziegler seines Postens als Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung, welchen dieser damals innehatte, zu entheben. Ziegler hat das Amt nämlich nicht nur für sein Steckenpferd benutzt – Hass auf Israel zu schüren (die Juden würden die Palästinenser aushungern) -, sondern er hat tatkräftig dazu beigetragen, das Los der Hungernden härter zu machen. Er hat die Regierungen in Ländern des südlichen Afrikas, die von Dürren betroffen waren, dazu aufgestachelt, Nahrungsmittelhilfen aus dem Ausland abzulehnen, wenn nicht klar sei, ob nicht auch genveränderter Weizen, Soja oder Mais darunter sei.

Morris schreibt: „Die aufhetzende Politik, die von Mr. Ziegler betrieben wird, hat einen negativen Effekt auf das Leben der Hungernden“; Zieglers Berichte zeigten einen „ernsthaften Mangel an ökonomischem Verstand und Kenntnis der Details der Lebensmittelsituation in den Gebieten, die er im Auftrag des Hochkommissars untersucht“; „glaubt Mr. Ziegler, dass seine wiederholten Tiraden gegen die Bretton-Woods-Organisationen und die multinationalen Unternehmen diese dazu animieren werden, mit den Vereinten Nationen bei der Förderung des Rechts auf Nahrung zusammenzuarbeiten?“; „mit Nahrungshilfe Politik zu betreiben, ist zutiefst unmoralisch“; „dies ist nicht die erste verstörende Verlautbarung Mr. Zieglers, die es dem WFP schwerer statt leichter macht, den Hungernden in Notsituationen zu helfen“.

Der Titel von Zieglers Buch „Wir lassen sie verhungern“ ist also berechtigt, das „Wir“ ist in diesem Fall Pluralis Majestatis. Als es darum ging, Lebensmittel in Gebiete zu schicken, in denen Menschen hungern, hat Ziegler nicht versucht, diese Aufgabe möglichst effektiv zu erfüllen, um möglichst viele Menschenleben zu retten, sondern hat sich allein von seinem Narzissmus und seinem blinden Hass leiten lassen. Zieglers einzige Qualifikation besteht darin, Heiligenscheine für Diktatoren anzufertigen. Als Berater des UN-Menschenrechtsrats, dem eigens für diesen Zweck geschaffenen Gremium, ist er darum der richtige Mann am richtigen Platz.

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Stefan Frank ist freier Journalist. Auf seiner Homepage ist eine Auswahl seiner Texte und Interviews zu finden.

 

Bullshit

Bei ZEITonline kennt man offensichtlich den Unterschied zwischen einer Siedlung und einer Wohneinheit nicht.

1001Siedlungen
(Screenshot, 11.08.2013, 15.01 Uhr)

 

Im Vorspann steht es noch einmal falsch (“Kurz vor den nächsten Friedensgesprächen kündigt Israel neue Siedlungen in Ostjerusalem und im Westjordanland an”), bevor dann im Text endlich von Wohnungen die Rede ist und eingeräumt wird, dass zwei Drittel dieser Wohnungen in Jerusalem entstehen sollen und der Rest in Ariel und Beitar Illit. Ob aber an diesen Orten – zwei Kommunen, die selbst nach einem (äußerst unwahrscheinlichen) Friedensschluss garantiert bei Israel verbleiben werden – gebaut wird oder in Ramallah rollt eine Kichererbse vom Laster, ist vollkommen unerheblich. Gleichwohl bringt die fette Schlagzeile ZEIT-Leser wie “Gonokokkenmutterschiff” dazu, im Kommentarbereich eine israelische “Kriegserklärung” zu beklagen.

Und, bei Gott, unter den ZEIT-Lesern gibt es entschieden zu viele Gonokokkenmutterschiffe.

 

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